Auf meinen verkümmerten Tastsinn verlasse ich mich äußerst ungern, also wage ich kaum, die Augen zu schließen. Doch die schwarzen Streifen, die den Boden des Centre Pompidou pflastern, führen tatsächlich auch blind zum Ziel. Menschen mit Sehbehinderung können die Markierungen spüren und finden so ohne fremde Hilfe zur Ausstellung Images Tactiles. Am Ende des Pfades, neben überraschend kleinformatigen, schwarzen Reliefbildern, warten der Brillendesigner Alain Mikli und sein Mitarbeiter Aymeric Vildieu bereits auf mich. Sie wollen mir heute zeigen, wie man zeitgenössische Kunst mit Fingerspitzen betrachten kann.

Vildieu, von Geburt an blind, macht es mir vor: Erst streicht er sanft über das gesamte Bild, macht die äußeren Grenzen aus und tastet sich dann vor ins Detail. Blitzschnell finden seine Finger den tiefen, runden Krater: "Hier fühlt man sofort das Auge, es ist zentral in diesem Bild." Tatsächlich. Wenn ich mir das Original-Gemälde von Max Ernsts Ubu Imperator anschaue, wandert mein Blick schnell zu der kleinen, schwarzen Höhle, die man als Auge identifiziert. Mikli sagt, er habe dank Aymeric einen Zugang zu moderner Kunst gefunden: "Durch ihn entdecke ich die Werke völlig neu. Er bemerkt Dinge, die für uns selbstverständlich sind."

Das verhältnismäßig kleine DIN-A3-Format wurde ganz bewusst gewählt: Die Bilder sollen auch für kleine Menschen und Kinder gut zu erreichen sein. Um den Tastenden am Ende eine Vorstellung von den ursprünglichen Dimensionen zu geben, befindet sich neben jedem Bild eine Art Richtmaß, welches eine Hand oder Silhouette im Verhältnis zur Originalgröße zeigt – natürlich als Relief zu fühlen. Die begleitenden Informationen in Blindenschrift werden zusätzlich durch einen Audioguide ergänzt.

Mit Projekten wie diesen unterstützt Mikli bereits seit vielen Jahren die Integration sehbehinderter Menschen. 2003 realisierte der Brillendesigner zusammen mit dem befreundeten Fotografen Yann Arthus-Bertrand die Ausstellung Regards Tactiles, welche die Naturaufnahmen Die Erde von Oben in Reliefs übersetzte. Nebenher fördert er weitere Projekte zugunsten Sehbehinderter.

Auf die Frage, woher sein Engagement für Blinde komme, weiß Mikli keine rechte Antwort. Irgendwie sei es evident, meint er schließlich, als Brillendesigner habe er schon rein beruflich mit sehbehinderten Menschen zu tun. Neben Vildieu beschäftigt er noch einen anderen blinden Mitarbeiter in seinem Unternehmen. Gerne würde er mehr Blinde anstellen, doch das sei "schwierig", sagt er: "Oft sind Blinde sehr in sich gekehrt und trauen sich nicht aus ihrem Schneckenhaus." Mit Projekten wie der Ausstellung Images Tactiles möchte er sie daraus hervorlocken.  

In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Bildungsmaßnahmen und Besucher des Centre Pompidou initiierte und finanzierte er die Reproduktion zehn berühmter, zeitgenössischer Gemälde. Hergestellt wurden die Bilder zum Anfassen aus Acetat - dem Material, aus dem Mikli normalerweise Brillen fertigt.