Kunst für Blinde Wer nicht sehen kann, darf fühlen
Blinde Besucher können im Centre Pompidou in Paris Werke von Picasso oder Max Ernst mit den Händen ertasten. Der Brillendesigner Alain Mikli unterstützt mit dieser Ausstellung die Integration sehbehinderter Menschen.
Auf meinen verkümmerten Tastsinn verlasse ich mich äußerst ungern, also wage ich kaum, die Augen zu schließen. Doch die schwarzen Streifen, die den Boden des Centre Pompidou pflastern, führen tatsächlich auch blind zum Ziel. Menschen mit Sehbehinderung können die Markierungen spüren und finden so ohne fremde Hilfe zur Ausstellung Images Tactiles. Am Ende des Pfades, neben überraschend kleinformatigen, schwarzen Reliefbildern, warten der Brillendesigner Alain Mikli und sein Mitarbeiter Aymeric Vildieu bereits auf mich. Sie wollen mir heute zeigen, wie man zeitgenössische Kunst mit Fingerspitzen betrachten kann.
Vildieu, von Geburt an blind, macht es mir vor: Erst streicht er sanft über das gesamte Bild, macht die äußeren Grenzen aus und tastet sich dann vor ins Detail. Blitzschnell finden seine Finger den tiefen, runden Krater: "Hier fühlt man sofort das Auge, es ist zentral in diesem Bild." Tatsächlich. Wenn ich mir das Original-Gemälde von Max Ernsts Ubu Imperator anschaue, wandert mein Blick schnell zu der kleinen, schwarzen Höhle, die man als Auge identifiziert. Mikli sagt, er habe dank Aymeric einen Zugang zu moderner Kunst gefunden: "Durch ihn entdecke ich die Werke völlig neu. Er bemerkt Dinge, die für uns selbstverständlich sind."
Das verhältnismäßig kleine DIN-A3-Format wurde ganz bewusst gewählt: Die Bilder sollen auch für kleine Menschen und Kinder gut zu erreichen sein. Um den Tastenden am Ende eine Vorstellung von den ursprünglichen Dimensionen zu geben, befindet sich neben jedem Bild eine Art Richtmaß, welches eine Hand oder Silhouette im Verhältnis zur Originalgröße zeigt – natürlich als Relief zu fühlen. Die begleitenden Informationen in Blindenschrift werden zusätzlich durch einen Audioguide ergänzt.
Mit Projekten wie diesen unterstützt Mikli bereits seit vielen Jahren die Integration sehbehinderter Menschen. 2003 realisierte der Brillendesigner zusammen mit dem befreundeten Fotografen Yann Arthus-Bertrand die Ausstellung Regards Tactiles, welche die Naturaufnahmen Die Erde von Oben in Reliefs übersetzte. Nebenher fördert er weitere Projekte zugunsten Sehbehinderter.
Auf die Frage, woher sein Engagement für Blinde komme, weiß Mikli keine rechte Antwort. Irgendwie sei es evident, meint er schließlich, als Brillendesigner habe er schon rein beruflich mit sehbehinderten Menschen zu tun. Neben Vildieu beschäftigt er noch einen anderen blinden Mitarbeiter in seinem Unternehmen. Gerne würde er mehr Blinde anstellen, doch das sei "schwierig", sagt er: "Oft sind Blinde sehr in sich gekehrt und trauen sich nicht aus ihrem Schneckenhaus." Mit Projekten wie der Ausstellung Images Tactiles möchte er sie daraus hervorlocken.
In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Bildungsmaßnahmen und Besucher des Centre Pompidou initiierte und finanzierte er die Reproduktion zehn berühmter, zeitgenössischer Gemälde. Hergestellt wurden die Bilder zum Anfassen aus Acetat - dem Material, aus dem Mikli normalerweise Brillen fertigt.
Die Übersetzung der Bilder in Reliefs sei ein sehr aufwendiges Verfahren, sagt Anita Del Vitto, die für die Ausgestaltung der Ausstellung zuständig ist. Denn es handele sich dabei nicht nur um die simple Nachahmung von Konturen. "Für jedes Bild müssen die gestalterischen Elemente – und das sind keineswegs immer die hellsten oder dunkelsten – herausgearbeitet und die Intention des Künstlers bis hin zum Pinselduktus entziffert werden."
Diese genaue Analyse erfordert drei bis vier Wochen Recherche für jedes Bild, bevor man zur tatsächlichen Reproduktion ins A3-Format übergehen kann. Anita Del Vitto, selbst Malerin, arbeitete hierfür mit dem Grafiker Ignacio Colmenero zusammen, der aus den Analysen detaillierte Pläne entwickelte. Die Kosten eines einzelnen Reliefs belaufen sich auf 3000 Euro.
Zehn Klassiker der Moderne sind nun im wahrsten Sinne zum Greifen nah. Mit den Fingerspitzen ertasten lassen sich zum Beispiel die kubistischen Formen von Picassos Femme au chapeau, die surrealistische Figur von Max Ernsts Ubu Imperator oder das auf dem Kopf stehende Mädchen von Olmo II von Georg Baselitz. Insbesondere Anselm Kiefers The Supreme Being scheint für sehbehinderte Besucher faszinierend: Das Gemälde besteht einzig aus Fluchtlinien. Vor allem für Geburt an Blinde wird so der abstrakte Begriff Perspektive durch das Nachempfinden der Linien verständlich.
Vildieu, der den Nutzen taktiler Bilder zu Beginn bezweifelte, ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. "Ich habe mir die Werke oft beschreiben lassen, aber sie glauben nicht, was es für ein unglaubliches Gefühl ist, sie sich nun endlich selbst vorstellen zu können", sagt er. "Ich träume schon davon, eines Tages das Lächeln der Mona Lisa mit den Händen zu entdecken."
- Datum 19.05.2009 - 11:57 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Dieser Beitrag ist für alle sehr hilfreich, die auch in Deutschland an der Öffnung von Museen und Ausstellungen für Blinde arbeiten. Insbesondere die Partnerschaft eines privaten Förderers (Brillendesigner) mit einer so angesehenen Institution wie dem CP kann als gutes Beispiel dienen. Respekt verdient der Aufwand, den sich die Ausstellungsmacher mit der Erstellung jedes einzelnen Reliefs machen (4 Wochen Recherche!).
Bleibt nur zu hoffen, dass sich viele Blinde aufmachen, die Reliefs der Ausstellung unter die Hände zu nehmen, damit der Erfolg auch die Macher bestärkt.
Ich fand den Hinweis auf diesen Beitrag in einer Mailingliste. Sollte ich mal wieder nach Paris kommen, werde ich das Centre besuchen.
Dr. Jürgen Trinkus,
Vorsitzender von Andersicht e. V. - Kompetenz für hör- und tastsinnige Projektarbeit: www.andersicht.net
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