Kunst für Blinde Wer nicht sehen kann, darf fühlenSeite 2/2

Die Übersetzung der Bilder in Reliefs sei ein sehr aufwendiges Verfahren, sagt Anita Del Vitto, die für die Ausgestaltung der Ausstellung zuständig ist. Denn es handele sich dabei nicht nur um die simple Nachahmung von Konturen. "Für jedes Bild müssen die gestalterischen Elemente – und das sind keineswegs immer die hellsten oder dunkelsten – herausgearbeitet und die Intention des Künstlers bis hin zum Pinselduktus entziffert werden."

Diese genaue Analyse erfordert drei bis vier Wochen Recherche für jedes Bild, bevor man zur tatsächlichen Reproduktion ins A3-Format übergehen kann. Anita Del Vitto, selbst Malerin, arbeitete hierfür mit dem Grafiker Ignacio Colmenero zusammen, der aus den Analysen detaillierte Pläne entwickelte. Die Kosten eines einzelnen Reliefs belaufen sich auf 3000 Euro.

Zehn Klassiker der Moderne sind nun im wahrsten Sinne zum Greifen nah. Mit den Fingerspitzen ertasten lassen sich zum Beispiel die kubistischen Formen von Picassos Femme au chapeau, die surrealistische Figur von Max Ernsts Ubu Imperator oder das auf dem Kopf stehende Mädchen von Olmo II von Georg Baselitz. Insbesondere Anselm Kiefers The Supreme Being scheint für sehbehinderte Besucher faszinierend: Das Gemälde besteht einzig aus Fluchtlinien. Vor allem für Geburt an Blinde wird so der abstrakte Begriff Perspektive durch das Nachempfinden der Linien verständlich.

Vildieu, der den Nutzen taktiler Bilder zu Beginn bezweifelte, ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. "Ich habe mir die Werke oft beschreiben lassen, aber sie glauben nicht, was es für ein unglaubliches Gefühl ist, sie sich nun endlich selbst vorstellen zu können", sagt er. "Ich träume schon davon, eines Tages das Lächeln der Mona Lisa mit den Händen zu entdecken."

 
Leser-Kommentare
    • JueTri
    • 02.06.2009 um 0:53 Uhr

    Dieser Beitrag ist für alle sehr hilfreich, die auch in Deutschland an der Öffnung von Museen und Ausstellungen für Blinde arbeiten. Insbesondere die Partnerschaft eines privaten Förderers (Brillendesigner) mit einer so angesehenen Institution wie dem CP kann als gutes Beispiel dienen. Respekt verdient der Aufwand, den sich die Ausstellungsmacher mit der Erstellung jedes einzelnen Reliefs machen (4 Wochen Recherche!).
    Bleibt nur zu hoffen, dass sich viele Blinde aufmachen, die Reliefs der Ausstellung unter die Hände zu nehmen, damit der Erfolg auch die Macher bestärkt.
    Ich fand den Hinweis auf diesen Beitrag in einer Mailingliste. Sollte ich mal wieder nach Paris kommen, werde ich das Centre besuchen.

    Dr. Jürgen Trinkus,
    Vorsitzender von Andersicht e. V. - Kompetenz für hör- und tastsinnige Projektarbeit: www.andersicht.net

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