Es muss ein schönes Frühjahr gewesen sein, damals vor 60 Jahren in Bonn, im April 1949. "Vor meinem Fenster dehnt sich ein beglückendes Bild", so berichtet der bayerische FDP-Vorsitzende Thomas Dehler den Lesern des Informationsdienstes seiner Partei, "der breite Strom des Rheins, Dampfer mit wehenden Fahnen, dahinter die Kette des Siebengebirges im verschwimmenden Silberglanz und überall leuchtendes Grün und die hellen Lichter blühender Bäume." Im Vordergrund arbeiten Arbeiter an dem Stahlgerüst für den Plenarsaal des künftigen Bundesparlaments. Für Dehler allerdings vollendet sich die Beschreibung der rheinischen Idylle in der Feststellung, dass noch nicht feststehe, "ob es gelingt, den Bund zu zimmern, noch weniger, ob Bonn zu seiner Hauptstadt gewählt wird".

Das Bild, das etwas abrupt Bauarbeiten und Politik zusammenfügt, bezieht sich auf den Parlamentarischen Rat, dem Dehler für die FDP angehörte. Seit September 1948 tagten seine 65 Abgeordneten in der ehemaligen Pädagogischen Akademie in Bonn, entsandt von den Landtagen, um für die drei Westzonen eine Verfassungsordnung zu erarbeiten. Zu dem Zeitpunkt, an dem Dehler seine schwärmerische Epistel verfasst, nähern sich die Beratungen zwar ihrem Ende. Doch da das Unternehmen immer wieder an den Rand des Scheiterns geraten ist, traut Dehler dem Ausgang nicht über den Weg. Womit er nicht falsch liegt: Bis zur Schlussabstimmung am 8. Mai bleibt das Grundgesetz umstritten.

Dabei sind die entscheidenden Weichen bereits vor dem Zusammentreten des Parlamentarischen Rates gestellt worden. Es war die Entscheidung der Ministerpräsidenten – damals die eigentlichen Träger deutscher Legitimität – für die Gründung eines Weststaates. Der durfte allerdings – das war sozusagen seine Bedingung – keiner sein.

"Deutschland ist der Widerspruch", so umschrieb der württembergisch-badische Ministerpräsident die "schauderhafte Gewissensqual", in die diese Entscheidung die Deutschen stürzt, "dass es ein Staat sein muss, aber nicht sein kann". Denn für alle Parteien ist es noch ganz selbstverständlich, an der deutschen Einheit festzuhalten. Der Parlamentarische Rat debattierte deshalb unter dem permanenten Druck der Furcht, seine Arbeit könne die Spaltung zwischen Westen und Osten vertiefen.

Von Anfang an wurden die Abgeordneten auch vom Osten mit polemischen Breitseiten eingedeckt, die es selten unter dem Vorwurf der Bildung eines "westdeutschen Separatstaates" und des "nationalen Verrats" taten, obwohl – oder vielleicht weil – man gerade dabei war, mit dem SED-dominierten Volksrat den Keim für die spätere DDR zu legen. Andererseits begann sich untergründig die Klage auszubreiten, der Osten werde vom Westen "abgeschrieben". Alles sollte und musste also provisorisch sein: das Beratungsgremium keine Verfassungsgebende Versammlung, sondern ein Parlamentarischer Rat, das Ziel keine Verfassung, sondern ein Grundgesetz – ein "Staatsfragment", wie Carlo Schmid formulierte, am besten nur ein "Organisationsstatut".

Dabei spielte das Grundgesetz, das heute unbestritten als politisch-historische Großtat der Nachkriegsjahre gilt, damals für die deutsche Öffentlichkeit nur eine bescheidene Rolle. Gefragt, ob ihnen die künftige Verfassung wichtig sei, antworteten im März 1949 immerhin 40 Prozent der Bevölkerung, sie sei ihnen gleichgültig, und nur 21 Prozent mochten sich dafür erwärmen.