Früher, in der guten alten Bonner Republik mit ihrem Dreiparteiensystem, waren die Fronten in den Wahlkämpfen noch übersichtlich: Rechts gegen Links, Schwarz-Gelb gegen die SPD, Sozialliberal gegen die Union. Auch als dann die Grünen aufkamen, änderte sich an der Frontstellung wenig. Nun kämpfte das "bürgerliche Lager" gegen Rot-Grün, die PDS blieb nach der Einheit erstmal außen vor.

Auch 2002 passte das Muster noch, Union und FDP beschworen das rot-grüne Chaos, sie unterlagen am Ende nur knapp. Aber spätestens 2005 galten die alten Gewissheiten dann nicht mehr. Union und FDP traten in einem entschlossenen Reformbündnis gemeinsam an, konnten die Wähler aber nicht überzeugen und verpassten den sicher geglaubten Wahlsieg. Da aber auch das Rot-Grün-Lager keine Mehrheit bekam, blieb nur die Große Koalition.

Das neue Fünfparteinsystem, das sich mit dem Aufstieg der Linkspartei etabliert hat, macht die politische Lage seitdem unübersichtlich und zwingt  zu neuen koalitionspolitischen Überlegungen.

Die Parteien - mit Ausnahme der Linken - haben daraus gelernt. Sie vermeiden in diesem Jahr bislang eindeutige Koalitionsaussagen, die sie an einen (oder zwei) Partner fesseln würden. Sie benennen allenfalls Präferenzen und schließen bestimmte Konstellationen aus. Wenig spricht daher dafür, dass wir diesmal einen Lagerwahlkampf erleben werden wie früher. Und das hat mehrere Gründe.

Erstens haben sich die Parteibindungen der Wähler gelockert. Es gibt nicht mehr "die bürgerlichen" oder "linken" Wähler, es gibt überhaupt viel weniger Stammwähler. Die Bürger wechseln zwischen den Parteien und auch schon mal die Lager, oder sie bleiben am Wahltag schlicht zu Hause. Das macht es den Wahlkämpfern weit schwerer, die Bürger mit einer eindeutigen Blockbildung zur Entscheidung zu zwingen.

Die beiden Volksparteien sind zweitens inzwischen geschrumpft. Schwarz-Gelb kann sich zwar Hoffnungen auf eine Mehrheit machen, aber nach den jüngsten Umfragen und den Erfahrungen von 2005 ist das alles andere als gewiss. Auch Union und FDP sind deshalb gut beraten, sich nicht alle anderen Wege zur Macht zu verbauen.

Denn es könnte am Ende wie 2005 kommen: Dass außer einer erneuten Großen Koalition nur Drei-Parteien-Bündnisse als Möglichkeiten bleiben. Und solange sich die Linke verweigert, bedeutet dies entweder die FDP oder die Grünen müssten für Mehrheiten jenseits der Großen Koalition das Lager wechseln.

Drittens gibt es heute, zumal in der Krise, in vielen Fragen keine eindeutigen (partei)politischen Antworten mehr. Die ideologischen Schlachten beispielsweise über die Ostpolitik oder über die Nato-Nachrüstung, über die Wiedervereinigung oder die Zuwanderung, über Markt oder Staat sind Geschichte. Die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, die die Stammwähler an die Parteien banden und an denen sich die Lager ausrichten konnten, gibt es nicht mehr.