Drei Lügen in zehn Minuten – laut Experten ist das der Schnitt in einer normalen Unterhaltung, Auslassungen und Übertreibungen nicht einmal mitgezählt. Ein menschlicher Zuhörer identifiziert davon gerade einmal 54 Prozent. Wer allerdings einen britischen Sozialarbeiter hereinlegen will, sollte sich beim Lügen Mühe geben: Einige Behörden schalten neuerdings einen sogenannten Voice-Risk-Analyser hinzu, wenn sie mit ihren Kunden telefonieren. Der wird im Wortsinne hellhörig, wenn ihm ein Anrufer einen Bären aufbindet.

Britische Versicherungsunternehmen verwenden schon länger telefonische Lügendetektoren, seit 2007 sind sie nun auch im Auftrag der Regierung im Einsatz. Allein in Birmingham soll die Technik zu 160 Betrugsermittlungen geführt haben. Die Sozialbehörde im Londoner Bezirk Harrow gibt an, sie habe geholfen, 110.000 Pfund an Sozialausgaben einzusparen und 126 falsche Angaben in Bezug auf Vergünstigungen bei der Council Tax ausfindig zu machen, immerhin im Wert von 40.000 Pfund. Außerdem habe sie den Anstoß zu 304 Überprüfungen gegeben, die zu 47 Korrekturen und damit einer Ersparnis von weiteren 70.000 Pfund geführt hätten.

Die Kosten für das System allerdings lassen sich ebenfalls sehen: Insgesamt hat die Regierung an die 2,4 Millionen Pfund investiert.

Nach Angabe der Herstellerfirma Nemesysco kann die patentierte Technik anhand der Stimme Hirnaktivitäten bemerken, die auf Stress hindeuten. Dabei dient eine Stimmprobe vom Anfang des Gesprächs als Vergleichsmaß.

Kompletter Unsinn, sagen die beiden skandinavischen Forscher Francisco Lacerda und Anders Eriksson. Sie untersuchten das Verfahren und die dazu gehörende Software und kamen zu dem Schluss: Anstatt den Detektor entscheiden zu lassen, welcher Anrufer möglicherweise falsche Angaben gemacht hat, könne man genauso gut eine Münze werfen. "Aus Sicht der akustischen Phonetik und Sprachverarbeitung ist das eine krude und absurde Prozesstechnik", schreibt Francisco Lacerda. "Es fehlt nicht nur an einem theoretischen Model, das die Messungen der Tonwellen mit dem emotionalen Status des Sprechers verbindet, auch sind die Messungen selbst so ungenau, dass sie im Grunde keine nützlichen Informationen mehr beinhalten können. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Firma angibt, die Software mehrfach upgedatet zu haben – denn die Ausgangsbasis der Stimmenverarbeitung hat sich ja nicht geändert."

Die Forscher stellten weiterhin die Frage, wie Versicherungsunternehmen und Sozialbehörden dazu kämen, eine Methode einzusetzen, die jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehre. Die Herstellerfirma drohte daraufhin dem kleinen wissenschaftlichen Magazin, in dem der Text erschienen war, mit gerichtlichen Schritten. Die Studie sei "ernsthaft diffamierend" und geeignet, einen "schwerwiegend negativen Effekt auf Nemesyscos Geschäft" zu haben. Das Magazin zog aus Angst vor Prozesskosten den Text zurück. Er lässt sich aber über Umwege im Netz immer noch finden.

Wissenschaftler der Universität von Florida hatten die Detektoren im Auftrag des amerikanischen Justizministeriums ebenfalls getestet (PDF). Dabei untersuchte man Gefangene, die nach ihren Drogengewohnheiten befragt wurden. Dank eines anschließenden Bluttests ließ sich dabei zweifelsfrei feststellen, wer die Wahrheit gesagt hatte und wer nicht.