Guantanamo

Obamas Kehrtwende

Der US-Präsident will an den Guantánamo-Tribunalen festhalten, verspricht den Häftlingen aber mehr Rechte. Die Abkehr von der Politik Bushs fällt Obama immer schwerer

Erneuerer auf dem Rückzug? Der amerikanische Präsident Barack Obama

Erneuerer auf dem Rückzug? Der amerikanische Präsident Barack Obama

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Am Freitagmittag erklärte Amerikas neuer Präsident in einer Depesche, dass er George W. Bushs Militärkommissionen für Guantánamo-Gefangene beibehalten wolle. Eine halbe Stunde später trat Obamas Pressesprecher Robert Gibbs vor die im Weißen Haus versammelten Journalisten und stammelte.

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Ist das die versprochene radikale Abkehr von der Politik Bushs, Mr. Gibbs? Nähert sich Obama trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Antiterror-Politik seines Vorgängers an?  Um Gottes Willen, Nein, antwortete der mit peinigenden Fragen bombardierte Pressesprecher. Zwar solle es nach dem Willen Obamas auch künftig Militärkommissionen geben, aber ganz anders als unter Bush, besser, rechtsstaatlicher. Die Angeklagten erhielten mehr Rechte, zum Beispiel bei der Wahl ihres Verteidigers und bei der Verwertung der äußerst problematischen Aussagen sogenannter "Zeugen vom Hörensagen".

Gemeint sind die Bekenntnisse nur mittelbarer Zeugen. Also solcher, die nichts mit eigenen Augen gesehen oder mit eigenen Ohren vernommen haben, sondern lediglich von anderen hörten, was sich womöglich zutragen hat. Was dabei herauskommt, kennt man vom Kinderspiel Stille Post. Der wichtigste Unterschied sei aber, betonte Gibbs: Unter Folter erpresste Aussagen dürften künftig nicht verwertet werden.

Auf die alles entscheidende Königsfrage aber wusste er keine Antwort oder wollte keine geben: Warum um alles in der Welt braucht man weiterhin die umstrittenen und vom Verfassungsgericht zweifach gerügten Militärkommissionen? Was leisten sie, was Militärgerichte und zivile Strafgerichte nicht leisten können? Das vermöge er nicht erklären, da müsse er die Juristen um Hilfe bitten, grummelte Gibbs.

Wer’s glaubt, wird selig. Der Präsident teilt mit, er wolle an Militärkommissionen festhalten, und sein Pressesprecher kann nicht darlegen, warum? Seit Wochen diskutieren sie darüber, quasi seit Tag eins der Präsidentschaft von Barack Obama. Damals hat er die Order erlassen, Militärkommissionen einstweilen auszusetzen. Die Frist läuft jetzt aus und der Präsident will sie noch einmal verlängern. Aber nicht, um darüber nachzudenken, ob sie abgeschafft werden sollen, sondern um Zeit zu gewinnen, bis die genauen Regeln für die "Militärkommission light" feststehen.

Vor knapp acht Jahren, nicht lange nach den Anschlägen vom 11. September 2001, führte die Bush-Regierung Militärkommissionen ein. Aus einem einfachen Grund: Sie wollte damit die strengeren Regeln der Militär- und Strafgerichte unterlaufen und Guantánamo-Gefangenen den kurzen Prozess machen. Möglichst geheim, unter Ausschluss der Öffentlichkeit – und ohne dass Anwälte groß dazwischen funken konnten.

Zweimal hat Amerikas Oberstes Gericht eingegriffen und Korrekturen verlangt. Gebracht haben die Kommissionen nach einhelliger Auffassung nichts. In acht Jahren fanden insgesamt drei Verfahren statt. Gegenwärtig sind neun weitere Gefangene vor dieser Kommission angeklagt.

Man muss nicht lange raten, warum Obama daran festhalten will, wenn auch mit größeren rechtsstaatlichen Zugeständnissen: Weil auch er im Kern ein Sondergericht möchte, mit weniger Rechten für die Angeklagten als ihnen in einem normalen Verfahren zustünden. Aus einem anderen Grund bräuchte er die Militärkommissionen nicht. Deshalb hätte man von Pressesprecher Gibbs gerne Genaueres erfahren. Doch der ging in Deckung und versteckte sich hinter einer Mauer der Ahnungslosigkeit.

Die radikale Abkehr von der Bush-Ära fällt Obama von Tag zu Tag schwerer. Erst verwehrte seine Regierung Terrorverdächtigen, die in einem US-Gefängnis im afghanischen Bagram einsitzen, ein amerikanisches Gericht anzurufen. Dann wies Obama seine Juristen an, sie mögen gegen die Veröffentlichung von Folterfotos aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib Berufung einlegen, die ein Gericht zuvor angeordnet hatte. Im Justizministerium denkt man über rechtliche Möglichkeiten nach, Guantánamo-Häftlinge, die man zwar für gefährlich hält, aber aus irgendeinem Grund nicht verurteilen kann, für unbestimmte Zeit einzusperren. Und jetzt auch noch die Neuauflage der berüchtigten Militärkommissionen.

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Leser-Kommentare

    • 16.05.2009 um 9:27 Uhr
    • Seckel

    Wie der Truchseß bei Weingarten von den dort versammelten Bauernhaufen endlich Dresche erbettelte (Haeberle, 1976, 348f), werfen sich die in der Guatanamo-Bay Einsitzenden gleichsam bäuchlings mit gestreckten Armen auf den Boden um Dresche flehend. In Weingarten folgten die Bauern dieser Bettelei nicht und droschen nicht. Sie nahmen also Haltung an und erlangten dadurch militärisch Macht. In dieser Hinsicht vollzieht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika keine Kehrtwende, sondern er geht weiter die Wege, eine Entscheidung zu suchen.

  1. kann nur über´s Wasser laufen, wenn eben unter der Oberfläche Steine verborgen sind. Soll heißen, er ist eingebunden in eine seit Generationen fortwährende Politik des America first, stets gekleidet in vorgebliche nationale Sicherheit. Er ist ein glänzender Redner, doch der militärisch industrielle Komplex, vor dem schon Eisenhower warnte, lässt sich durch Worte nicht bewältigen. So wird auch Obama, wie schon fast ausnahmslos jeder Vorgänger im Amt, in absehbarer Zeit einen Krieg führen und die Behandlung von wie auch immer in Gewahrsam geratenen Gefangenen, wird lediglich ausserhalb Gottes eigenen Landes eine größere Rolle spielen. Wahlentscheidend ist sie keinesfalls - und nur darauf kommt es an.
    No Change.

  2. Wahre Macht haben eben nicht gewählte Politiker sondern Interessensgruppen.
    Obama ist halt jung, und hat tatsächlich geglaubt das er als Präsident etwas zu sagen hätte...

    Schon Eisenhower hat gewarnt was wirklich los ist....

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    an. Solange sich nicht jeder Einzelne von uns zurück nimmt und vorurteilsfrei agiert werden wir diese Verhältnisse immer haben, auf der kleinen wie auf der großen Bühne. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und achte nicht den Splitter im Auge Deines Gegenübers, wenn Du den Balken in Deinem eigenen nicht siehst.
    Solange nicht jeder einzelne Mensch seine eigene Haltung überdenkt, gibt es keinen Frieden, nicht mal den Ansatz dafür. Denn jeder Anfang sitzt in einem Selbst.
    ________________________________________
    Früher wurde der Mensch durch "gebildete" Kleriker verdummt.
    Heute sind es die modernen "intellektuellen" Marketingstrategen.
    Wann darf der Mensch zu Gott finden und endlich frei sein?

    Wer glaubt Obama würde jetzt erst dämmern, was das Präsidentanamt für Verantwortung und unangenehme Schwierigkeiten mit sich bringt, der irrt.
    Obama ist nichts weiter, als ein Marionette der Wall-Street- und Banken Monopolisten.
    Alles was Obama tut und lässt ist von langer Hand geplant.
    Jetzt fällt langsam der Vorhang und das wahre Gesicht des "neuen" Präsidenten wird sichtbar.
    Und das war erst der Anfang mit Entscheidungen, die sich klar gegen seine Wahlversprechen und die Hoffnungen der Amerikaner, ja der ganzen Welt richten.

  3. Obama war bislang nur eine Wunschvorstellung, eine Projektion der Gutmenschen. Sein wirklicher Weg beginnt erst jetzt. Auch er kann die Islamterroristen nicht wegzaubern.

  4. an. Solange sich nicht jeder Einzelne von uns zurück nimmt und vorurteilsfrei agiert werden wir diese Verhältnisse immer haben, auf der kleinen wie auf der großen Bühne. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst und achte nicht den Splitter im Auge Deines Gegenübers, wenn Du den Balken in Deinem eigenen nicht siehst.
    Solange nicht jeder einzelne Mensch seine eigene Haltung überdenkt, gibt es keinen Frieden, nicht mal den Ansatz dafür. Denn jeder Anfang sitzt in einem Selbst.
    ________________________________________
    Früher wurde der Mensch durch "gebildete" Kleriker verdummt.
    Heute sind es die modernen "intellektuellen" Marketingstrategen.
    Wann darf der Mensch zu Gott finden und endlich frei sein?

    Antwort auf "Wahre Macht!"
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    Und das geht voll in die Hose ,richtig ist zwar , das es auf völlig verschiedenen Wegen zu durchaus ähnlichen Ergebnissen kommt , wenn denn ein Politiker in die
    Position kommt ,in der er wirklich etwas bewegen könnte ,aber egal auf welchem Weg nützen die Ideale eines Menschen herzlich wenig .

    Wenn sie sich in unserem Land eine politische Karriere anschauen , dann merken sie schnell , das es wenig mit der fachlichen Qualität eines Menschen zu tun hat ,ob er weiter kommt oder nicht .
    Unser Wahlsystem mit den von den Parteien selber aufgestellten Listen und relativ wenig direkten Mandaten schmälert die Chance von Menschen mit den Qualitäten ,welche sie nannten ganz erheblich .
    Ein Listenplatz bedeutet Macht und den bekommen nur die ,welche im Gleichschritt der Partei marschieren .

    In den USA sieht es zwar oberflächlich ein wenig anders aus , aber spätestens bei einer Präsidentschaftswahl schafft es nur derjenige , welcher wahre Unsummen an finanzieller Unterstützung bekommt .
    Offiziell gilt dabei zwar, das jeder Bürger nur eine bestimmte Summe spenden darf , aber es gibt Lobbyisten Verbände , welche direkt zwar auch nur bestimmte Summen höchstens spenden dürfen , die aber das Recht haben EIGENE Werbung für einen Kandidaten ihrer Wahl zu machen .

    Was das für ein Vorteil ist in einem Land in dem vergleichbar zu Europa der heutige Werbeauftritt am Nordkap und der nächste in Gibraltar stattfindet ,lässt sich leicht denken .
    Ein Kandidat , welcher da nicht Finanz kräftige Werber für seine Sache im ganzen Land hat , der wird schlicht nicht wahr genommen , ähnlich wie hier eine freie Wähler Gemeinschaft gegenüber der CDU .

    Und genau wie bei uns nur eben auf andere Weise bedeutet es , das ein Kandidat bis er da ist , wo er hin will Schulden in Form von Zugeständnissen an die jeweiligen Unterstützer angehäuft hat , welche ihn im Falle einer Wahl eine unabhängige Politik unmöglich machen .

    Ich spreche dabei weder Obama noch so manch anderem Politiker durchaus nicht sämtliche guten Absichten ab , gerade die von ihnen genannten sind sicher vorhanden , nur vereitelt das jeweilige System , das sie zur Geltung kommen .

    MfG Katana

  5. War es nicht zu erwarten? Waren denn die Skeptiker immer nur die üblichen Verdächtigten, die unverbesserlichen "Anti-Amerikaner"?

    Die USA sind wie sie sind, egal wer dort glaubt den Ton angeben und die Richtung bestimmen zu können.

    Allerdings werden die, die sich diese Staaten schönreden auch jetzt wieder Erklärungen und Relativierungen parat haben, etwas Utopisches verteidigen, um nur der Realität nicht ins Auge schauen zu müssen.

    Sicherlich schade, die "Guten in der Welt" um eine Hoffnung ärmer, aber so sind die tatsächlichen Machtverhältnisse.

    Doch muss es ewig so bleiben?

    • 16.05.2009 um 11:02 Uhr
    • peto1

    Das heist dan auch Abkehr von Ost politikik mit Russland und China, Eine Abkehr politik werden Russland und China auch auf Sich beziehen und dem entsprechend reagieren also wieder Aufrüstung.

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    aber ihr Kommentar ist, selbst mit ein bisschen guten Willen, sowohl grammatikalisch, als auch didaktisch, kaum verständlich.

    One world, one love!

    • 16.05.2009 um 11:34 Uhr
    • Katana

    Und das geht voll in die Hose ,richtig ist zwar , das es auf völlig verschiedenen Wegen zu durchaus ähnlichen Ergebnissen kommt , wenn denn ein Politiker in die
    Position kommt ,in der er wirklich etwas bewegen könnte ,aber egal auf welchem Weg nützen die Ideale eines Menschen herzlich wenig .

    Wenn sie sich in unserem Land eine politische Karriere anschauen , dann merken sie schnell , das es wenig mit der fachlichen Qualität eines Menschen zu tun hat ,ob er weiter kommt oder nicht .
    Unser Wahlsystem mit den von den Parteien selber aufgestellten Listen und relativ wenig direkten Mandaten schmälert die Chance von Menschen mit den Qualitäten ,welche sie nannten ganz erheblich .
    Ein Listenplatz bedeutet Macht und den bekommen nur die ,welche im Gleichschritt der Partei marschieren .

    In den USA sieht es zwar oberflächlich ein wenig anders aus , aber spätestens bei einer Präsidentschaftswahl schafft es nur derjenige , welcher wahre Unsummen an finanzieller Unterstützung bekommt .
    Offiziell gilt dabei zwar, das jeder Bürger nur eine bestimmte Summe spenden darf , aber es gibt Lobbyisten Verbände , welche direkt zwar auch nur bestimmte Summen höchstens spenden dürfen , die aber das Recht haben EIGENE Werbung für einen Kandidaten ihrer Wahl zu machen .

    Was das für ein Vorteil ist in einem Land in dem vergleichbar zu Europa der heutige Werbeauftritt am Nordkap und der nächste in Gibraltar stattfindet ,lässt sich leicht denken .
    Ein Kandidat , welcher da nicht Finanz kräftige Werber für seine Sache im ganzen Land hat , der wird schlicht nicht wahr genommen , ähnlich wie hier eine freie Wähler Gemeinschaft gegenüber der CDU .

    Und genau wie bei uns nur eben auf andere Weise bedeutet es , das ein Kandidat bis er da ist , wo er hin will Schulden in Form von Zugeständnissen an die jeweiligen Unterstützer angehäuft hat , welche ihn im Falle einer Wahl eine unabhängige Politik unmöglich machen .

    Ich spreche dabei weder Obama noch so manch anderem Politiker durchaus nicht sämtliche guten Absichten ab , gerade die von ihnen genannten sind sicher vorhanden , nur vereitelt das jeweilige System , das sie zur Geltung kommen .

    MfG Katana

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  • Von Martin Klingst
  • Datum 20.5.2009 - 18:03 Uhr
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