Die Mauer bestimmt das Leben der Palästinenser. Die Mauer schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Die Mauer schneidet sie von ihren Olivenbäumen ab. Die Mauer hält sie von ihren heiligen Stätten in Jerusalem weg.

Die Mauer schützt Israel vor Anschlägen palästinensischer Extremisten.

Wie auch immer: Die Mauer separiert. Die Mauer ist unüberwindlich. Jetzt rollt der Papst auf sie zu und an einem Ort, der sich Rahels Grab nennt, tut sich für Benedikt XVI. ein Tor auf. Der Papst fährt die zehn Kilometer lange Strecke - für die der Journalistentross des Vatikans wegen der Kontrollen an der Mauer drei Stunden braucht - in der Limousine von Mahmoud Abbas.

Der Fahrer des Palästinenserpräsidenten hatte Benedikt in Jerusalem abgeholt und bringt ihn nun nach Bethlehem, vorbei an Soldaten, die links und rechts der Fahrbahn die Zufahrt sichern, den Finger am Abzug ihres Schnellfeuergewehrs. Es ist der sechste Tag seiner Nahostreise, der Papst besucht die Palästinensergebiete.

In Bethlehem, der Überlieferung nach Geburtsort Jesu, herrscht Chaos. In den Gassen hinauf zur Geburtskirche stehen die Menschen so dicht gedrängt, dass kein Durchkommen ist. Ein Wunder, dass mitten aus dem Gedränge die frommen Lieder junger Jesus-Freaks zu hören sind, und deren Gitarren und Trommelwerk im Gedränge nicht zu Bruch gehen.

Der Papst wird von Präsident Abbas empfangen und ist noch keine Stunde im Land. Er hat den ersten Absatz seiner Rede noch nicht beendet, da greift er eines der zentralen Probleme in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten auf: das Leiden des palästinensischen Volkes. "Ich weiß, wie sehr ihr gelitten habt und weiterhin leidet als Folge der Erschütterungen, die dieses Land seit Jahrzehnten treffen." Nach drei Sätzen auf palästinensischem Boden hat er das Volk für sich gewonnen. "Mein Herz ist bei all den Familien, die heimatlos geworden sind", fährt der Papst fort - einen Tag vor dem palästinensischen Gedenken der Nakba, der Vertreibung 1948, dem Jahr, in dem der Staat Israel nach Uno-Beschluss gegründet wurde und in den Unabhängigkeitskrieg gezwungen wurde, nachdem ihn seine arabischen Nachbarn angegriffen hatten.

Benedikt wird politisch. War er in Jordanien und Israel seinem Selbstverständnis nach als Pilger unterwegs ("Ich bin gekommen, um für Frieden zu beten"), so schlägt er in den Palästinensergebieten einen ganz anderen Ton an. Im Laufe des Tages greift er die wichtigsten politischen Themen auf. Klipp und klar. Er geißelt die Abriegelung des Gaza-Streifens, er wiederholt die Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung, er thematisiert das Rückkehrrecht der Palästinenser und er spricht - anders als so mancher Spitzenpolitiker aus seinem Heimatland, das Wort "Mauer" aus, er sagt nicht Sicherheitswall, nicht Sicherheitsmauer, er sagt: "The Wall", die Mauer.

Als Abbas gegen Ende seiner Begrüßungsrede betont: "Es gibt Hoffnung auf ein Morgen - ohne Besatzung, ohne Checkpoints, ohne Mauer, ohne Gefangene, ohne Flüchtlinge, sondern in Koexistenz und Wohlstand in diesem heiligen Land", da stimmt ihm der Papst innerlich zu, Benedikt schließt die Augen und nickt kurz und entschieden.