Benedikt in Bethlehem

Wie der Papst die Palästinenser gewann

Mauerbau, Gaza-Streifen, Rückkehrrecht der Palästinenser - bei seinem Besuch in Bethlehem wurde aus dem Pilger ein Politiker. Benedikt XVI. ließ kein Reizthema aus. Aus Bethlehem berichtet ZEIT-ONLINE-Reporter Alexander Schwabe

Papst Benedikt XVI. gewann in Bethlehem die Sympathie der Palästinenser. Sein Auftritt hier war stark politisch geprägt

Papst Benedikt XVI. gewann in Bethlehem die Sympathie der Palästinenser. Sein Auftritt hier war stark politisch geprägt

Die Mauer bestimmt das Leben der Palästinenser. Die Mauer schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Die Mauer schneidet sie von ihren Olivenbäumen ab. Die Mauer hält sie von ihren heiligen Stätten in Jerusalem weg.

Die Mauer schützt Israel vor Anschlägen palästinensischer Extremisten.

Wie auch immer: Die Mauer separiert. Die Mauer ist unüberwindlich. Jetzt rollt der Papst auf sie zu und an einem Ort, der sich Rahels Grab nennt, tut sich für Benedikt XVI. ein Tor auf. Der Papst fährt die zehn Kilometer lange Strecke - für die der Journalistentross des Vatikans wegen der Kontrollen an der Mauer drei Stunden braucht - in der Limousine von Mahmoud Abbas.

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Der Fahrer des Palästinenserpräsidenten hatte Benedikt in Jerusalem abgeholt und bringt ihn nun nach Bethlehem, vorbei an Soldaten, die links und rechts der Fahrbahn die Zufahrt sichern, den Finger am Abzug ihres Schnellfeuergewehrs. Es ist der sechste Tag seiner Nahostreise, der Papst besucht die Palästinensergebiete.

In Bethlehem, der Überlieferung nach Geburtsort Jesu, herrscht Chaos. In den Gassen hinauf zur Geburtskirche stehen die Menschen so dicht gedrängt, dass kein Durchkommen ist. Ein Wunder, dass mitten aus dem Gedränge die frommen Lieder junger Jesus-Freaks zu hören sind, und deren Gitarren und Trommelwerk im Gedränge nicht zu Bruch gehen.

Der Papst wird von Präsident Abbas empfangen und ist noch keine Stunde im Land. Er hat den ersten Absatz seiner Rede noch nicht beendet, da greift er eines der zentralen Probleme in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten auf: das Leiden des palästinensischen Volkes. "Ich weiß, wie sehr ihr gelitten habt und weiterhin leidet als Folge der Erschütterungen, die dieses Land seit Jahrzehnten treffen." Nach drei Sätzen auf palästinensischem Boden hat er das Volk für sich gewonnen. "Mein Herz ist bei all den Familien, die heimatlos geworden sind", fährt der Papst fort - einen Tag vor dem palästinensischen Gedenken der Nakba, der Vertreibung 1948, dem Jahr, in dem der Staat Israel nach Uno-Beschluss gegründet wurde und in den Unabhängigkeitskrieg gezwungen wurde, nachdem ihn seine arabischen Nachbarn angegriffen hatten.

Benedikt wird politisch. War er in Jordanien und Israel seinem Selbstverständnis nach als Pilger unterwegs ("Ich bin gekommen, um für Frieden zu beten"), so schlägt er in den Palästinensergebieten einen ganz anderen Ton an. Im Laufe des Tages greift er die wichtigsten politischen Themen auf. Klipp und klar. Er geißelt die Abriegelung des Gaza-Streifens, er wiederholt die Forderung nach einer Zwei-Staaten-Lösung, er thematisiert das Rückkehrrecht der Palästinenser und er spricht - anders als so mancher Spitzenpolitiker aus seinem Heimatland, das Wort "Mauer" aus, er sagt nicht Sicherheitswall, nicht Sicherheitsmauer, er sagt: "The Wall", die Mauer.

Als Abbas gegen Ende seiner Begrüßungsrede betont: "Es gibt Hoffnung auf ein Morgen - ohne Besatzung, ohne Checkpoints, ohne Mauer, ohne Gefangene, ohne Flüchtlinge, sondern in Koexistenz und Wohlstand in diesem heiligen Land", da stimmt ihm der Papst innerlich zu, Benedikt schließt die Augen und nickt kurz und entschieden.

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Leser-Kommentare

  1. Kann es sein, dass das auch ein wenig die Retourkutsche des Papstes an die Israelis ist, die an seinem Auftritt dort kein gutes Haar liessen, noch das kleinste Haar in der Suppe fanden ?

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    wenn ratzinger, der ehemals in der hitlerjugend war, ueber den holocaust schwadroniert, ohne taeter zu benennen und ohne die unfassbare zahl von sechs millionen ermordeter juden auszusprechen und wenn benedikt, der einen holocaust-leugner rehabilitiert hat, zu diesem affront schweigt, dann ist schwer ein gutes haar an seinem auftritt zu finden. fuer nicht-katholiken wirkt die aura des unantastbaren nicht. sieht man einmal von der pompoes-rituellen inszinierung ab, dann bleibt nicht viel uebrig, fuer dass der pontifax zu ruehmen waere. sollte uns jemand lektionen ueber das zusammenleben geben, der es nicht unterlasen kann gegen homosexualitaet und ehescheidungen zu wettern. soll jemand, der in jeder beziehung von vorgestern zu sein scheint, uns die augen oeffnen? dass er bei den palaestinensern die soli-nummer auspackt, sollte nicht wundern. fuer eine gesellschaft, die sich selbst streubt in der moderne anzukommen, ist so ein erz-konservativer vorbeter sicher ein segen.

    Nee, zu einfach, absolut nicht.

    Schon mal was von der Ungeduld des Intellektuellen gehört? Und daß dem öfter mal was Neues einfallen muß?

    Wahrscheinlich hat der Papst von dem ewigen Shoa-Thema die Schnauze voll und auch keine Lust mehr immer wieder mit der Nazi-Keule moralisch angezweifelt zu werden (16-jähriger Pimpf bei der HJ, Williamson,Karfreitaggebet) und wahrscheinlich hat er auch erkannt, daß die vielen Besucher (Politiker, Journalisten und anderer Meinungsmultiplikatoren) immer nach Jad Vashem gelotst wurden um sie angesichts der vielen Holocaust-Toten immer in eine Richtung zu instrumentalisieren, nämlich die Augen und Ohren zuzumachen und wegzusehen, damit der Staat Israel seine Menschenrechtsverletzungen gegenüber seinen palästinensischen Staatsbürgern ungestört praktizieren kann.

    Warum soll er wie die anderen Staatsbesucher über das Stöckchen springen, das man ihm hinhält ? (Ein Bayer - der Papst ist einer - hat Selbstbewußtsein: Mir san mir!). Soll er gar in Sachen Betroffenheit und mea-culpa-Bekenntnissen gar noch Angela Merkel zu toppen versuchen? Täte er das, wäre er als Papst eine Fehlbesetzung.

    Reagan hat in Berlin Weltpolitik gemacht mit seinem "Mr. Gorbatschow, tear down this wall". Er ist einer der großer Präsidenten der USA. Johannes Paul II hat den Kommunismus besiegt, er ist einer der Großen unter den Päpsten in der 2000-jährigen Kirchengeschichte.Und Benedikt XVI. könnte auch ein Großer werden mit seiner Forderung nach einer Beseitigung der jüdischen Mauer, nach einem Heimatrecht für die Palästinenser und auf einen eigenen Staat - wenn er einen Paradigmenwechsel in den weltweit von der Holocaust-Propaganda vernebelten Hirnen bewirken würde und Israel seine Unterdrückungspolitik nicht länger praktizieren dürfte.

    • 14.05.2009 um 15:39 Uhr
    • WNYC

    Als Nachfahren von Petrus (dem Stellvertreter Jesu) finde ich das Verhalten des Herrn Ratzinger mehr als rätselhaft. Jesus hat diesen goldenen Thron-Pomp absolut abgelehnt, Jesus war tolerant (ich weiss nicht ob er auch anti-Schwule, anti-Ehescheidung, anti-Kondom gewesen wäre) und Jesus würde auch Menschen nicht irdische Dinge versprechen, die er nicht halten kann. Der Past gibt zwar Hoffnung für abergläubische Menschen, aber er kann nichts durchsetzen und sollte das ehrlich zugeben. Er erinnert mich in seinem Verhalten an Brechts drei Götter in Brechts Gutem Menschen von Szechuan. Anstatt zum Beispiel seine Vatikanschätze den Palästinensern zu spenden oder wirklich zu vermitteln fliegt er wieder zurück in seinen Prunk, anstatt vielleicht mal in einem bescheidenen Haus zu wohnen. Ich frag mich, ob Herr Ratzinger als gebildeter Mann nicht manchmal ein schlechtes Gewissen bekommt, sich als ein Nachfolger Jesus aufzuspielen. Jesus, der wesentlich realitätsnäher war, wär wahrscheinlich total geschockt über diesen Auftritt.

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    ...sondern Nachfolger. Da Jesus immer in Gleichnissen gesprochen hat, ist doch rätselhaftes Verhalten absolut korrekt.

    Jesus' überlieferte Toleranz bezog sich übrigens ausschließlich auf Underdogs und solche die es werden wollten.

    Ziele seiner Intoleranz: Klerus, Kapitalisten, Militär, kurz Establishment.

  2. wenn ratzinger, der ehemals in der hitlerjugend war, ueber den holocaust schwadroniert, ohne taeter zu benennen und ohne die unfassbare zahl von sechs millionen ermordeter juden auszusprechen und wenn benedikt, der einen holocaust-leugner rehabilitiert hat, zu diesem affront schweigt, dann ist schwer ein gutes haar an seinem auftritt zu finden. fuer nicht-katholiken wirkt die aura des unantastbaren nicht. sieht man einmal von der pompoes-rituellen inszinierung ab, dann bleibt nicht viel uebrig, fuer dass der pontifax zu ruehmen waere. sollte uns jemand lektionen ueber das zusammenleben geben, der es nicht unterlasen kann gegen homosexualitaet und ehescheidungen zu wettern. soll jemand, der in jeder beziehung von vorgestern zu sein scheint, uns die augen oeffnen? dass er bei den palaestinensern die soli-nummer auspackt, sollte nicht wundern. fuer eine gesellschaft, die sich selbst streubt in der moderne anzukommen, ist so ein erz-konservativer vorbeter sicher ein segen.

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    ...denn Ihrer Meinung nach benennen sollen ? Hätte er die unfaßbare Zahl von 6 Millionen genannt, wäre vom Zentralrat bestimmt nachgekartet worden, daß es ja zwei oder drei mehr waren, und dies als böswillige Geschichtsklitterung verdammt.

    Im Übrigen ist mir ein Papst der in seiner Kindheit Hitlerjunge war sympathischer als ein Staat [...] an seine Spitze wählt.

    [Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

  3. ...sondern Nachfolger. Da Jesus immer in Gleichnissen gesprochen hat, ist doch rätselhaftes Verhalten absolut korrekt.

    Jesus' überlieferte Toleranz bezog sich übrigens ausschließlich auf Underdogs und solche die es werden wollten.

    Ziele seiner Intoleranz: Klerus, Kapitalisten, Militär, kurz Establishment.

  4. ...denn Ihrer Meinung nach benennen sollen ? Hätte er die unfaßbare Zahl von 6 Millionen genannt, wäre vom Zentralrat bestimmt nachgekartet worden, daß es ja zwei oder drei mehr waren, und dies als böswillige Geschichtsklitterung verdammt.

    Im Übrigen ist mir ein Papst der in seiner Kindheit Hitlerjunge war sympathischer als ein Staat [...] an seine Spitze wählt.

    [Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Vielen Dank. / Die Redaktion as]

    Antwort auf "kein haar in der suppe"
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    die deutschen   koach ezer

    "wen haette er denn ihrer meinung nach [als taeter] benennen sollen?"
    ist diese frage ernst gemeint, oder besteht da ihrer meinung nach unklarheit?
    "als ein staat der auftragskiller an seine spitze wählt"
    welcher staat waehlt denn auftragskiller an seine spitze?
    wer hat ihr geschichts- und politikwissen derart beschaedigt, dass sie einerseits nicht zu sagen wagen, wer sechs millionen juden planmaessig ermordet hat und andererseits aber nicht davor zurueckschrecken, dem juedischen staat planmaessiges morden zuzuschieben?

    • 14.05.2009 um 16:44 Uhr
    • domit

    Dieser Hinweis fehlt in der unverhälnismässig voluminösen Reiseberichtserstattung über den Interessenvertreter Papst. Fast vermute ich, dass die kath. Kirche für diese unendliche PR ebendso viel bezahlt, wie an Grundbesitzabgaben an Israel. Nichts.

  5. "wen haette er denn ihrer meinung nach [als taeter] benennen sollen?"
    ist diese frage ernst gemeint, oder besteht da ihrer meinung nach unklarheit?
    "als ein staat der auftragskiller an seine spitze wählt"
    welcher staat waehlt denn auftragskiller an seine spitze?
    wer hat ihr geschichts- und politikwissen derart beschaedigt, dass sie einerseits nicht zu sagen wagen, wer sechs millionen juden planmaessig ermordet hat und andererseits aber nicht davor zurueckschrecken, dem juedischen staat planmaessiges morden zuzuschieben?

    Antwort auf "Wen hätte er..."
  6. endlich ein interessanter Artikel, der offensichtlich dem ZdJ nicht zur Freigabe vorgelegt wurde, hmmmm, ist JJ im Urlaub???

    Diese Haltung und Mut in seinen Reden hätte ich dem Papa vor Tagen nicht zugetraut, Respekt.

    Dass die weltweit gesendeten Bilder von der Schandmauer, die Situation annähernd dokumentieren, öffnet hoffentlich auch den verbohrtesten Israel-Apologeten die Augen über die Situation der dort lebenden Menschen im Jordan-, Gaza-Gefängnis.

    Bleibt zu hoffen, dass die religiösen Führer der Moslems die Versprechungen, hinsichtlich Glaubensfreiheit und Toleranz gegenüber Christen/Andersgläubigen auch künftig halten.

    Gute Reise Bruder Benedikt
    ...

    @dippegucker - seh ich ähnlich

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    Naja, ich denk mir, wenn er wispert "ich bete für Euch," ist das weder Mut noch Haltung sondern seine typische anchronistische und surreale Weltsicht von der Kraft mythischer Heilslehren. Wenn er gesagt hätte: "Ich verbrenne in einem Ritual ein paar Pferdehaare für Euch und steck Nadeln in Voodoopuppen" dann hätten wir zu Recht gelacht. Und jetzt sagen Sie Haltung und Mut wenn er "beten" will? Das ist doch genauso sinnlos und hilft dem Plästinenser in Gaza auch null. Ihnen scheints ja nur darum zu gehen, Israel runterzumachen. Sie können mir doch nicht ernsthaft weismachen wollen, dass sie den Papst sonst auch unterstützen mit seinen weltfremden intoleranten Ideen. Der Mann hat überhaupt nichts erreicht, außer dass er unverantwortlicherweise einen paar Palästinensern Mut und Hoffnung gemacht hat--- Hoffnung auf was, das er niemals erfüllen kann und will.

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