Science Slam Rampensäue aller FakultätenSeite 2/2

Bachelor-Kandidat Tobias Krone heimst ganze 33 Punkte ein. Vielleicht weil er über ein Thema spricht, das ihn selbst betrifft: In seiner Bachelor-Arbeit untersucht er auf knapp 40 Seiten, ob sich das Leben der Studenten durch die Bologna-Reform beschleunigt hat. Seine Hypothese ist ziemlich eingängig, sie lautet schlicht "Ja". Die Lacher hat Krone schnell auf seiner Seite.

Martin Kaluza, 37, tritt ganz anders auf. Seine abgeschlossene Promotion in Philosophie über Medizinpatente und Gerechtigkeit stellt er in einem unaufgeregten Vortrag dar und beantwortet geduldig die Fragen aus dem Publikum zu Generika und Medikamentenmangel in der Dritten Welt. Auch dafür gibt es 33 Punkte von der Jury.

Die Patt-Situation kommt für Moderatorin Friederike Moldenhauer etwas überraschend. "Was machen wir jetzt?" Gemeinsam mit dem Publikum beschließt man, die beiden Anwärter auf den ersten Platz gegeneinander antreten zu lassen. Wie in einem HipHop-Battle stehen sie sich dabei gegenüber und versuchen, einander mit raffinierten Nachfragen aus der Fasson zu bringen ("Wie rechtfertigst du es eigentlich, dich jahrelang mit dem Thema Gerechtigkeit zu befassen?"). Am Ende bleibt es dennoch bei einem Unentschieden.

"Ach, dann haben wir eben zwei erste Plätze", entscheidet Moldenhauer und verlieht die Urkunden. Alle sind zufrieden, außer Robert mit dem Hanfprojekt. "Vortragen, das kann ich einfach nicht." – "Dann musst Du halt üben", sagt Veranstalterin Julia Offe. Die promovierte Molekularbiologin hält es für einen Zufall, dass am ersten Abend nur Geistes- und Sozialwissenschaftler angetreten sind. "Ich denke, dass man Naturwissenschaften sogar anschaulicher erklären könnte. Aber die Biologen sind mir kurzfristig abgesprungen."

Ganz anders ist das im Haus der Wissenschaft in Braunschweig. Dessen Leiter, Markus Weißkopf, hatte das Format Science Slam vor gut einem Jahr zum ersten Mal ausprobiert. "In Braunschweig gibt es eben eine technische Universität", sagt Offe. Dort erklärten die Science-Slammer zuletzt, warum Flugzeuge fliegen und referierten etwa über autonome Fahrzeuge und die "Evolution im Reagenzglas".

Aber was motiviert die Nachwuchswissenschaftler dazu, sich vor Publikum zu präsentieren? "Die Vortragenden können sich ausprobieren", sagt Offe. "Es gibt zwar kein Geld, keine Forschungsstipendien und für den Lebenslauf bringt es wohl auch nichts, aber es ist super für Rampensäue." Und die gibt es schließlich in allen Fakultäten.

Der Veranstaltungsort des zweiten Hamburger Science Slams, der für den 5. November angesetzt ist, wird rechtzeitig auf www.scienceslam-hamburg.de bekannt gegeben. Die nächste Runde des Braunschweiger Slams steht am 26. Juni im Haus der Wissenschaft an, mehr Infos unter www.hausderwissenschaft.org
 

 
Leser-Kommentare
  1. ...so mancher Uni-Forscher/Dozent sei mehr Rampensau, würde sein Wissen oder auch nur seine Problemstellungen in die breitere Bevölkerung tragen, sei es bei öffentlichen Vorträgen oder in populär verständlicher Buchform. Denn oft hinkt die öffentliche & allgemeinjournalistische Wahrnehmung den fachwissenschaftlichen Erkenntnissen um mehrere Jahrzehnte hinterher. Da wird dann mal das ein oder andere anekdotische Häppchen - aus dem Zusammenhang gerissen und fehlinterpretiert - rezipiert, oder es werden uralte Klischees und längst veraltete Lehrmeinungen alle Jahre wieder aufgekocht, ohne sich in die Hintergründe eingearbeitet zu haben oder knappe Behauptungen irgendwelcher 'Experten' auch nur kritisch zu hinterfragen. All das wird in den Universitäten zu Recht beklagt, aber die wenigsten Akademiker machen sich die Mühe, ihr Wissen direkt (ohne den Umweg über ihre Studentenschaft oder Fachpublikationen, in die doch so gut wie kein Journalist in den Massenmedien einmal hineinschaut) gesamtgesellschaftlich verfügbar zu machen. Warum nicht? Wohl vor allem aus Karriere- und Image-Gründen: Populärwissenschaftliche Veröffentlichungen 'zählen' nicht im Rankingsystem akamedischer Karrieren, sie zu erarbeiten kostet aber ebensoviel Zeit; zudem ist in Deutschland das Vorurteil weit verbreitet, wer für den 'Pöbel' schreibe, sei für 'richtige' Wissenschaft zu dumm. Auf der anderen Seite wundert man sich dann, warum deutsche Schüler im internationalen Vergleich in Sachen (Vor-)Wissenschaftlichkeit nicht methodenfest genug sind.

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