Im Netz kündigten sich die Ereignisse auf eigene Art an: Wer am Donnerstag die Seite der linken Europapolitikerin Sylvia-Yvonne Kaufmann anclicken wollte, kam nicht weit. "Diese Seite ist zur Zeit abgeschaltet", hieß es da. Dass in der Tat Überarbeitungsbedarf bestand, wurde dann am Nachmittag in der Berliner Parteizentrale der SPD offensichtlich.

Um 15 Uhr trat Kaufmann dort mit wehendem roten Seidenschal an der Seite von Parteichef Franz Müntefering und dem Spitzenkandidaten der SPD für die Europawahl, Martin Schulz,  vor die Mikrofone um zu verkünden, was vorher schon durchgesickert war: Dass sie die Partei wechselt und "als Sozialistin und überzeugte Europäerin" fortan mit der SPD für den Fortschritt in Europa kämpfen wolle.

Für die SPD ist dies ein echter Coup. Denn Kaufmann war in ihrer Partei nicht irgendwer. 1976 in die SED eingetreten, gehörte sie 1990 zu den Gründungsmitgliedern der PDS. Elf Jahre lang war sie Mitglied des Parteivorstands, sieben davon als Vize-Parteivorsitzende. Seit 1999 saß sie für die Linkspartei im Europaparlament, dreimal war sie Spitzenkandidatin bei der Europawahl, von 2004 bis 2007 war sie  Vizepräsidentin des Straßburger Parlaments.

Anerkannt wurde ihre Arbeit aber zuletzt vor allem außerhalb der Partei. Zum Ärger vieler ihrer Genossen und vor allem von Parteichef Oskar Lafontaine setzte sie sich vehement für den Lisssaboner EU-Reformvertrag ein, gegen den die Linke vor dem Bundesverfassungsgericht klagt. Und sie warf ihrer Partei vor, in der europäischen Einigung nicht auch Chancen zu sehen.

Die Strafe folgte auf dem Fuß: Auf dem Parteitag Ende Februar wurde sie, gemeinsam mit dem zweiten prominenten Europapolitiker André Brie, auf Vorschlag des Vorstands für die Europawahl am 7. Juni nicht wieder nominiert.

Dies sei allerdings nicht der Grund, warum sie sich nun für den Abschied aus der Linkspartei entschieden habe, betonte Kaufmann. Als Demokratin müsse man akzeptieren, dass Mandate immer nur auf Zeit vergeben werden. Als Sozialistin und Europäerin sei sie aber nicht bereit, weiter für die "europapolitische Geisterfahrt" der Linkspartei in Haftung genommen zu werden. "Pure Ideologie hat über Vernunft gesiegt", rechnete Kaufmann mit ihren bisherigen Genossen ab.

Dass es für Kaufmann gleichwohl ein harter Schritt war, wie sie beteuert, weil sie weiß, dass sie mit ihrer Entscheidung viele ehemalige Genossen vor den Kopf stößt, sah man ihrem Gesicht durchaus an. Mit scharfer Kritik sparte sie dennoch nicht. "Die Linke dämonisiert die SPD", klagte sie. Bisweilen erinnere sie das an "unsägliche Vergangenheiten" im Verhältnis von SPD von KPD.