Birthler-Behörde Stasi-Spitzel erschoss Ohnesorg

War die 68er-Bewegung Resultat einer Stasi-Panne? Wie Medien berichten, war der Polizist, der den Todesschuss auf Benno Ohnesorg abfeuerte, ein DDR-Spitzel

In den Akten der Birthler-Behörde fanden sich Hinweise auf den Mann, der Benno Ohnesorg erschoss

In den Akten der Birthler-Behörde fanden sich Hinweise auf den Mann, der Benno Ohnesorg erschoss

Zwar hat der Geheimdienst der DDR keinen Auftrag für den Schuss gegeben und bewertete das Ereignis im Nachhinein als Unfall. Dennoch bewirkte der Schuss Großes: Als Konsequenz gingen Tausende Studenten auf die Barrikaden. Die 68er-Bewegung war geboren, aus der später auch die RAF erwachsen sollte und mit ihr der Deutsche Herbst. Damals wurden Beweise vernichtet, Zeugenaussagen widersprachen den Darstellungen des Polizisten Karl-Heinz Kurras. Dieser wurde schließlich vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen aus Mangel an Beweisen.

Nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg funkte das MfS an Kurras: "Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall." ZDF und Frankfurter Allgemeine Zeitung berichteten, Kurras sei SED-Mitglied gewesen und habe sich bereits 1955 gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR verpflichtet, die West-Berliner Polizei auszuspähen. Quellen der Informationen seien neu aufgefundene Dokumente aus der Birthler-Behörde.

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Der Spionageexperte der Birthler-Behörde, Helmut Müller-Enbergs, sagte dem ZDF, es gebe keinen Hinweis in der Stasi-Akte, dass Kurras einen Auftrag hatte, Ohnesorg zu erschießen. Kurras wurde seinerzeit von der Anklage der fahrlässigen Tötung mangels Beweisen freigesprochen. Die FAZ ergänzt, bei der Staatssicherheit sei die Personenakte von Kurras nach dem Vorfall entfernt worden, sodass es unmittelbar nach dem 2. Juni 1967 unmöglich wurde, seine Akte zu finden. Laut Müller-Enbergs sei sie "ausschließlich durch interne Forschungen auffindbar geworden".

Die tödlichen Schüsse auf Ohnesorg während des Schah-Besuches vor der Deutschen Oper in Berlin bildeten eine Zäsur in der bis dahin von Tomaten- und Eierwürfen abgesehen meist friedlichen Protestbewegung in der Bundesrepublik. Ein Funke sprang auf das ganze Land über, der Protest verließ den Universitätscampus.

Der Studentenprotest wurde zu einer politischen Bewegung bis hin zu den Bürgerbewegungen, aus denen später die Grünen hervorgingen, aber auch die Friedens-, Jugend-, Frauen- und Anti-Atomkraft-Bewegung der 70er und 80er Jahre. "Die 68er haben eigentlich am 2. Juni 1967 begonnen", schreiben heute Autoren und Publizisten mit Blick auf die gesellschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik.

Fraglich ist, ob die Studentenbewegung nun neu bewertet werden muss, nachdem bekannt wurde, dass Kurras ein Stasi-Spion war. Für ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gewinnt das Thema neue Aktualität: "Das ZDF wird die Konsequenzen dieses virulenten Moments der deutschen Nachkriegsgeschichte weiter erforschen und recherchieren."

 
Leser-Kommentare
  1. 1. na,...

    ...hauptsache, die birthler-behörde findet nicht irgendwann heraus, dass die westerplatte 1939 in wirklichkeit von der NVA bombardiert wurde.

    ansonsten wär ich für alles offen.

  2. ... für die Birthler-Behörde. Sobald ein wenig zeitlicher Abstand hergestellt ist, wird es einen neuen Anlauf von links geben, diese lästige Institution abzuschaffen.

    Trotzdem bemerkenswert: wenige Tage nach Erscheinen des Buches von Jan Fleischhauer ein zweiter Schlag gegen das Selbstverständnis der 68er - auch wenn sie es vermutlich wieder einmal nicht merken werden.

  3. Dass die Stasi das Misstrauensvotum gegen Brandt gekauft hat, ist bekannt. Dass man RAF-Terror gefördert hat, ebenfalls, und auch dass mit allerlei DDR-Gegnern auch im Westen kurzen Prozess gemacht hat. Dann geht wohl auch die Barschel-Affäre einschließlich Liquidierung auf das Konto der Stasi. Peinlich nur, dass die Westmedien immer schön Beihilfe geleistet haben.

  4. ... kann man der Stasi sogar dankbar sein. Sie hat mit ihrem Wirken der Welt vor Augen geführt, wie leicht sich die bundesdeutsche Gesellschaft von 68 radikalisieren ließ und wie wenig sich diese 68-er Generation noch von der 33-er Generation unterschied.

    Antwort auf
  5. sollte man Folgendes bedenken. Es gibt einen Unterschied zwischen Auslöser und Ursache von politischen Bewegungen. Sicher hat der Tod von Ohnesorg die Studenten radikalisiert. Aber natürlich gab es schon vorher die entsprechenden Proteste. Die Studentebewegung begann nicht mit dem Tod von Ohnesorg. Sie wurde auch nicht erst dann politisch, wie der Artikel sugeriert, sie war es schon vorher. Oder waren die Proteste gegen den Schah und die Auseinandersetzung mit der Berliner Polizei etwa unpolitisch? Und es gab zu 68 Vorgänger (Spiegelaffäre, Schwabinger Krawalle). Außerdem waren die 68er ein Teil der Protestbewegung, die sich vor allem in den USA und Frankreich bildete. Eine 68er-Bewegung hätte es also auf jeden Fall gegeben, in welcher Form auch immer.

    Es mag ja sein, dass Kurras ein Stasi-Spitzel war. Bedeutung hätte das aber nur, wenn die Stasi hier gezielt geschossen hätte. So bleibt es eine jener Zufälle in der Geschichte, die etwas auslösen, ohne es zu wollen. Es bleibt der Eindruck, als müsse man zum 20ten, nun wirklich alles herausholen, um die DDR zu diskreditieren. Das ist aber wirklich nicht nötig. Und auch bei den 68er gibt es genug zu kritisieren, dafür braucht man deraritge Meldungen wirklich nicht.

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    "Es gab schon vorher politischen Protest...es bleibt der Eindruck, man wolle die DDR diskreditieren...auch bei den 68ern gibt es genug zu kritisieren, DAFÜR BRAUCHT MAN DERARTIGE MELDUNGEN NICHT."

    Es werden in den nächsten Tagen ähnliche argumentative Klimmzüge und geistige Verrenkungen zu beobachten sein. Eine ganze Generation von Besser-Demokraten muß sich mal wieder um ihr fortwährend gekittetes Weldbild sorgen.

    Mit der Unschuldsvermutung, es hätte sich (da noch nicht nachgewiesen) nicht um einen Stasi-Auftragsmord gehandelt, ist man jedenfalls erstaunlich schnell bei der Hand. Mit den bundesrepublikanischen Institutionen war man seinerzeit weit weniger nachsichtig. Und die Frage nach der Motivlage wird, damals wie heute, schlicht ausgeblendet.

    Ich denke, die jüngere Deutsche Geschichte muß sehr wohl umgeschrieben werden. Ohne den Tod Ohnesorgs würde das Land heute anders aussehen. Es hätte vielleicht keine Ära Brandt gegeben, keine Grünen und keinen RAF-Terror. (Und die ZEIT wäre vielleicht auch pleite gegangen.)

    "Es gab schon vorher politischen Protest...es bleibt der Eindruck, man wolle die DDR diskreditieren...auch bei den 68ern gibt es genug zu kritisieren, DAFÜR BRAUCHT MAN DERARTIGE MELDUNGEN NICHT."

    Es werden in den nächsten Tagen ähnliche argumentative Klimmzüge und geistige Verrenkungen zu beobachten sein. Eine ganze Generation von Besser-Demokraten muß sich mal wieder um ihr fortwährend gekittetes Weldbild sorgen.

    Mit der Unschuldsvermutung, es hätte sich (da noch nicht nachgewiesen) nicht um einen Stasi-Auftragsmord gehandelt, ist man jedenfalls erstaunlich schnell bei der Hand. Mit den bundesrepublikanischen Institutionen war man seinerzeit weit weniger nachsichtig. Und die Frage nach der Motivlage wird, damals wie heute, schlicht ausgeblendet.

    Ich denke, die jüngere Deutsche Geschichte muß sehr wohl umgeschrieben werden. Ohne den Tod Ohnesorgs würde das Land heute anders aussehen. Es hätte vielleicht keine Ära Brandt gegeben, keine Grünen und keinen RAF-Terror. (Und die ZEIT wäre vielleicht auch pleite gegangen.)

  6. Leider muß ich ihnen da widersprechen fragfix.

    Stellen sie sich nur vor, was passiert wäre, wenn diese Information zeitnah zum Tod Benno Ohnesorgs an die westdeutsche Öffentlichkeit gelangt wäre. Bewiesen durch handfeste Dokumente.

    Nicht das es ein "Auftragsmord" war, sondern nur, daß der Polizist der geschossen hat SED Mitglied war...mehr noch...Stasi Spitzel und Spion des Ostblock.

    Ein Orkan der Empörung hätte sich erhoben gegen den gesamten Ostblock und besonders gegen DDR und Stasi. NIEMAND hätte mehr gegen die Regierung der BRD demonstriert.

    Es hätte keinen Rudi Dutschke gegeben. Selbst wenn sich ähnliche Vorfälle wie der Tod Benno Ohnesorgs oder der Anschlag auf Rudi Dutschke (im nachhinein und mit den neuen Erkenntnisse erscheint auch diese Sache sehr konstruiert..der Täter hatte praktischerweise eine rechte Zeitung dabei und malte ein Hilter Bild...auch das stinkt nach Stasi Methoden) ereignet hätten, JEDER hätte gezwiefelt ob nicht auch das ein verdecktes Werk der Stasi war.

    Es hätte NIEMALS eine RAF gegeben. Die ersten Gruppen der RAF bezog sich in ihrem Namen EXPLIZIT auf das Datum des Todes von Benno Ohnesorg.

    Diese heute aufgedeckte Information hätte, wenn sie damals glaubwürdig öffentlich bekannt geworden wäre, die Geschichte vollständig verändert. Wir würden heute in einer völlig anderen Republik leben.

    Ich habe mich imemr gewundert, warum die Masse der Menschen so sehr nach "rechts" zur CDU/FDP gerückt sind, warum sie die Parteien der Ausbeuter gewählt haben. Inszwischen glaube ich das lag zu einem großen Teil am linken Terror der RAF, der die meisten Menschen abgestoßen hat.

    Der Sturz von Brandt und Schmidt wäre ohne wahlpolitischen Rückenwind nicht möglich gewesen. 16 Jahre Kohl wären ohne die RAF nie möglich gewesen.

    Überhaupt...schon die Annäherungspolitk Brandts wäre wahrscheinlich nie Realität geworden, wenn der Tod Benno Ohnesorgs in der Öffentlichkeit als der Versuch der DDR und somit des Ostblocks die freiheitlich demokratische Grundordnung in der BRD zu stürzen wahrgenommen worden wäre.

    Viellleicht hätte es in Westdeutschland statt einer sich an den Ostblock anbiedernden Linken eine selbstbewußte Linke, die offen gegen die Diktaturen des Ostblicks kämpft gegeben.

    Wir würden heute in einem anderen Land leben. Es ist erschreckend wie dramatisch das aufdecken oder verborgen bleiben einer solchen Information dieses Land verändert hätte.

    Die 68er entstanden wegen Benno Ohnesorg. Ohne ihn oder mit ihm als vermeintliches Stasi Opfer, wären sie undenkbar gewesen.

    "Die haben zuerst geschossen"...ein Leitsatz der RAF. Nur waren "die" nciht die fachsisten in der BRD sondern die sozialistischen Stasispitzel. Zumindest wäre es in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit so angekommen, wenn diese Informationen damals ans Licht gelangt wären.

  7. "Es bleibt der Eindruck, als müsse man zum 20ten, nun wirklich alles herausholen, um die DDR zu diskreditieren."

    Unabhängig davon, wieviel Unrecht von der DDR ausging: jede einzelne Tat - und sei sie noch so klein - muss lückenlos aufgeklärt werden. Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen weil wir müßig sind, immer weitere Unrechtsmeldungen der DDR hinzunehmen. Jede einzelne Tat zeigt, was für ein Unrechtsstaat die DDR war.

  8. "Es gab schon vorher politischen Protest...es bleibt der Eindruck, man wolle die DDR diskreditieren...auch bei den 68ern gibt es genug zu kritisieren, DAFÜR BRAUCHT MAN DERARTIGE MELDUNGEN NICHT."

    Es werden in den nächsten Tagen ähnliche argumentative Klimmzüge und geistige Verrenkungen zu beobachten sein. Eine ganze Generation von Besser-Demokraten muß sich mal wieder um ihr fortwährend gekittetes Weldbild sorgen.

    Mit der Unschuldsvermutung, es hätte sich (da noch nicht nachgewiesen) nicht um einen Stasi-Auftragsmord gehandelt, ist man jedenfalls erstaunlich schnell bei der Hand. Mit den bundesrepublikanischen Institutionen war man seinerzeit weit weniger nachsichtig. Und die Frage nach der Motivlage wird, damals wie heute, schlicht ausgeblendet.

    Ich denke, die jüngere Deutsche Geschichte muß sehr wohl umgeschrieben werden. Ohne den Tod Ohnesorgs würde das Land heute anders aussehen. Es hätte vielleicht keine Ära Brandt gegeben, keine Grünen und keinen RAF-Terror. (Und die ZEIT wäre vielleicht auch pleite gegangen.)

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    1. gegen den muff unter talaren wurde schon vorher protestiert
    1a. in diesen zusammenhang gehört auch die "SPIEGEL-affäre"
    1b. schon der Auschwitz-prozess bot reichlich gelegenheit, herbe züge zu bekommen;
    1c. das regime des schah von persien bot reichlich anlass, sich zu echauffieren!
    2. es wurde zeit, dass sich etwas ändert - über die methoden muss diskutiert werden;
    3. spätestens das attentat auf rudi dutschke (oder war der täter auch von der stasi vorgeschickt?) hätte eine erheblich radikalisierung bedeutet.
    4. und dann waren da ja noch
    - das attentat auf j.f.kennedy
    - das attentat auf seinen bruder
    - das attentat auf martin l. king ...
    - die invasion in der CSSR
    - die proteste in frankreich und anderen ländern

    ... alles reichlich anlässe, jugendliches blut in wallung zu bringen...

    aber es ist schon interessant zu beobachten, wie die reflexe auf beiden seiten funktionieren. war es nicht der SPIEGEL, der einmal mit der these herauskam, in einigen parteigrüppchen halte man 1968 für schlimmer als die nazi-zeit? und war da mal was mit der nicht stattgefundenen aufarbeitung der ns-vergangenheit der justiz nach 1949 bis in die 60er?

    schaun wir mal, was da noch alles so aus den archiven herfürflattert...

    mfg

    1. gegen den muff unter talaren wurde schon vorher protestiert
    1a. in diesen zusammenhang gehört auch die "SPIEGEL-affäre"
    1b. schon der Auschwitz-prozess bot reichlich gelegenheit, herbe züge zu bekommen;
    1c. das regime des schah von persien bot reichlich anlass, sich zu echauffieren!
    2. es wurde zeit, dass sich etwas ändert - über die methoden muss diskutiert werden;
    3. spätestens das attentat auf rudi dutschke (oder war der täter auch von der stasi vorgeschickt?) hätte eine erheblich radikalisierung bedeutet.
    4. und dann waren da ja noch
    - das attentat auf j.f.kennedy
    - das attentat auf seinen bruder
    - das attentat auf martin l. king ...
    - die invasion in der CSSR
    - die proteste in frankreich und anderen ländern

    ... alles reichlich anlässe, jugendliches blut in wallung zu bringen...

    aber es ist schon interessant zu beobachten, wie die reflexe auf beiden seiten funktionieren. war es nicht der SPIEGEL, der einmal mit der these herauskam, in einigen parteigrüppchen halte man 1968 für schlimmer als die nazi-zeit? und war da mal was mit der nicht stattgefundenen aufarbeitung der ns-vergangenheit der justiz nach 1949 bis in die 60er?

    schaun wir mal, was da noch alles so aus den archiven herfürflattert...

    mfg

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