So weit entfernt von den Üblichkeiten des literarischen Marktes hat sich die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die den renommierten Georg-Büchner-Preis vergibt, schon lange nicht mehr. Walter Kappacher ist ein der literarischen Öffentlichkeit wenig bekannter Autor aus Obertrum bei Salzburg, dessen umfangreiches Werk, von drei Titeln abgesehen, im Buchhandel nicht mehr lieferbar ist. Obgleich bereits 70 Jahre alt und von Peter Handke und bedeutenden Interpreten gefeiert, ist er noch immer der literarischen Schattenwirtschaft der Noblen und Verkannten zuzurechnen. Ein Hermann-Lenz-Schicksal, möchte man meinen. Nach der umstrittenen Vergabe des Büchner-Preises an den polarisierenden Preisträger Martin Mosebach vor zwei Jahren, nach der allfälligen Vergabe des Preises an Josef Winkler im letzten Jahr scheint die Akademie sich auf ihr unbezweifelbares Recht auf das Unpopuläre und Turmgesellschaftsmäßige besonnen zu haben.

Darin liegt kein Schade, das Hauptprogramm der großen Verlage wird ausreichend bewirtschaftet. Büchner-Preisträger aus diesem Wirtschaftszweig wie etwa Ingo Schulze oder Reinhard Jirgl wären zwar begrüßenswert, doch ist der sublime Reiz der diesjährigen Entdeckung ein beträchtlicher. Liest man zumindest die drei im Handel befindlichen Romane – Der lange Brief, Der Fliegenpalast (ZEIT Nr. 22/09) und vor allem Selina oder das Andere Leben –, lernt man einen Autor kennen, dessen Sprödigkeit und aufreizende Demut überzeugen. Wenn auch erst auf den zweiten Blick.

Es sind gebildete Herren in der zweiten Lebenshälfte, in deren geistigem Horizont und Tempo sich diese Erzählungen bewegen. Herren in einer mehr oder weniger komfortablen Lebenskrise, die sie jeweils in bukolische Ferienorte verschlagen hat, wo ein zweites, wo das berühmte "Andere Leben" mit dem Chianti-Glas winkt. Aber das klingt zu boshaft. Denn mitnichten handelt es sich bei den Romanen von Walter Kappacher um irgendeine Art von gehobener mallorquinischer Seniorenliteratur. Ein Schelm, wer so etwas vermuten würde. Es geht vielmehr – und Martin Walser hat das 1975 beim Erscheinen von Kappachers Zweitling Morgen in der ZEIT geschrieben – um die "Prüfung einer Lebensart". Das ist ein literarisches und ein existenzielles Programm. Wie leben wir, und wie sprechen wir über unser Leben?

Jedenfalls deutlich anders als diese zutiefst unehrgeizigen und über jede bekömmliche literarische Diät hinaus abgemagerten, unauffälligen Erzähler Walter Kappachers, neben denen sich jeder normalmenschliche Diskurs streberhaft und von unangenehmer Ruhmsucht befallen ausnimmt. Im Langen Brief, erschienen 1982 und wiederaufgelegt im Deuticke Verlag 2007, ist es ein Angestellter der Pensionsversicherungsanstalt, der das "Andere Leben" sucht und unter der "Wichtigtuerei" seiner Kollegen leidet, die ihre Tage damit füllen, ihre Austauschbarkeit zu kaschieren. Er ist angewidert von der Stein gewordenen Gedankenlosigkeit unserer Städte – er nennt sie "die großen Absterbenszentren" – und bangt um die darin zusammengepferchten Lebensdienstleistenden, denen man "alles zumuten und antun kann, was ihr Leben einschränkt, verkürzt, zerstört – solange man Fernsehprogramme ausstrahlt, ihnen Schnaps gibt und sie in ihren Automobilen hin und her fahren lässt".

Doch woher ein anderes Leben nehmen? Der Zivilisationskritiker mit kleinem Gemüsegarten und großen Welterlösungshoffnungen ist eine ausgeweidete publizistische Spottfigur. Mit Thoreaus Anleitungen zum Bau einsamer Waldhütten unterhält man in den Sonntagsbeilagen die frühstückenden Freizeitleser. Kappachers Helden versuchen unbeirrt, eine "neue Lebensart, eine Art Eden zu initiieren". Im langen Brief ist es ein Ökodorf namens Moville, ein Aussteiger-Miniaturparadies, wie sie – angefangen mit der Obstbaukolonie "Eden" in den zwanziger Jahren – inzwischen weltweit verbreitet sind und belächelt werden.

In dem vielleicht schönsten Kappacher-Roman Selina oder das Andere Leben findet der Held, ein langurlaubender österreichischer Schulmeister, sein Eden im toskanischen Pratomagno-Gebirge in einem verfallenen Haus, unter Kennern: in einem podere, ohne Strom und fließendes Wasser, in dem er seine Tage wie ein Mönch lesend, gärtnernd und die unendlichen Weiten des Alls bedenkend in vollkommenem Seelenfrieden verbringt. Das schöne Gleichmaß dieses reichen und anspruchslosen Lebens spiegelt sich im gleichmütigen und anspruchslosen Fluss des Erzählens, das mit großem Scharfsinn jede Pointe, jede vulgärweltliche Dramatik vermeidet. Wie das Vieh zum Wassertrog trottet der Roman dahin, berichtet mal davon, dass "der Eingang zu dem kleinen Stall unter der Küche verhangen war mit dicken Spinnweben", mal davon, dass der Italienreisende sich "gegen elf Uhr aus dem Küchenfenster beugte, um zwei verdorbene Tomaten ins Gestrüpp zu werfen".

Darüber ist leicht lachen, doch das wäre ganz verfehlt. Denn das "arme Schreiben", wie man Kappachers Poetik analog zum "armen Leben", dem seine Helden anhängen, nennen könnte, hat eine Sprengkraft, die vielleicht sogar die Stifterschen Entschleunigungsexerzitien übertrifft. Denn mehr noch als im Nachsommer werden alle Spuren einer ästhetischen Programmatik (und auch jeder Stolz darauf) hier vollständig verwischt. Der flüchtige Leser könnte Kappacher für einen einfältigen Um-elf-Uhr-warf-ich-die-Tomaten-Autor halten. In Wahrheit ist er einer jener bescheidenen Autoren, die der gewaltigen Übermacht der Schöpfung mit der vornehmen Ohnmacht des Wortes begegnen. Ein Autor, der sich durchlässig und widerstandslos macht gegenüber dem, was er für größer hält als sich selbst. Wie anders als so, so beiläufig, so armselig, könnte von den großen metaphysischen Lebensfragen heute gesprochen werden? Wenn man die Schriftsteller in zwei Gruppen einteilen wollte, in solche, die ständig selbst auf Sendung sind, und solche, die lieber empfangen, würde Kappacher zu den wenigen gehören, die auf Empfang geschaltet haben. Das macht ihn zu einem der stillen Großen.