Engagement Ich wünschte ein Bürger zu sein

Um in Zeiten der Krise zu bestehen, müssen wir einen lange verkannten Zeitgenossen wieder in uns entdecken: den Bürger

Es ist ein Zufall, jedoch ein trefflicher: Im Jahr bevor sich Deutschland ein Grundgesetz gab, veröffentlichte die Zeitschrift Die Wandlung posthum ein Zitat des großen Historikers Theodor Mommsen. “Ich wünschte ein Bürger zu sein”, hatte dieser in seiner Testamentsklausel 1899 geschrieben.

Damit artikulierte Mommsen schon im wilhelminischen Zeitalter eine Sehnsucht, die sich auch hinter den klaren Worten des Grundgesetzes von 1949 verbirgt: Der Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Gesetze nur einen Rahmen bieten, der dem Einzelnen die Freiheit sichert, Verantwortung für sich und die Allgemeinheit zu übernehmen.

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Während das Grundgesetz auch noch nach 60 Jahren zeitgemäß wirkt, mutet die Idee der Bürgerlichkeit allerdings inzwischen erstaunlich antiquiert an: Der Bürger erscheint als Auslaufmodell, das allenfalls noch als Affix in Sonntagsreden (an die “Bundesbürger” gerichtet) oder überkommenen Politik-Kategorien (dem “bürgerlichen Lager”) Erwähnung findet.

Dies ist auch dem Zeitgeist geschuldet: Das Ideal des Bürgerlichen ist ein Aktives. Folglich passt es nicht in ein Zeitalter der Ängste und Krisen. Das Gefühl der Degradierung des Einzelnen zum Objekt ist in Deutschland zur fixen Idee geworden, ausgelöst durch das Phänomen der Globalisierung, verstärkt durch die jüngsten Exzesse im Bankenwesen.

Wo fremde Mächte wie der allmächtig scheinende Kapitalismus über das eigene Schicksal walten, findet Selbstbestimmung keinen Platz, schrumpft der gesellschaftliche Gestaltungsspielraum und -wille des Einzelnen allzu oft auf die Größe eines Biedermeier-Zimmers.

Doch Bürger-Sein ist im Idealfall das genaue Gegenteil von Rückzug. Es bedeutet, aktiv Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen. Wenn sich immer weniger Deutsche mit diesem Anspruch identifizieren, hat dies dramatische Folgen. Die Flucht ins Private hat sich schon allzu oft als der größte Dämon jeder demokratischen Gesellschaft erwiesen.

Dabei wäre gerade jetzt, wo das Primat der Ökonomie von weiten Teilen der Gesellschaft als überkommen angesehen wird, Platz für Entfaltung von Bürgerlichkeit im besten Sinne: Wer heute nicht am Diskurs über die Frage teilnimmt, wie wir als Gesellschaft die Balance zwischen individueller Freiheit und Sicherheit, zwischen Selbstentfaltung und Gemeinwohl finden, verschenkt die große Chance, den Weg dieses Landes für das nächste Jahrzehnt mitzubestimmen.

Leser-Kommentare
  1. "Die digitale Vernetzung bietet inzwischen die einzigartige Möglichkeit, seinem Willen Ausdruck zu verleihen und Mitstreiter für Ideen zu finden. Daraus könnte sich ein notwendiges Korrektiv einer Demokratie entwickeln, deren Entscheidungsinstanzen sich immer öfter dem Vorwurf fehlender Transparenz und Menschennähe ausgesetzt sehen."

    So sehe ich das auch. Nur an welcher Stelle dockt die Willensbildung im Bürgernetzwerk an die Realpolitik an?

    Es bietet sich die Position des Bundespräsidenten an, denn schon dem Namen nach, ist er der Vorsitzende aller Bürger. Die Citoyen sollten sich also aus ihrer Mitte einen unbestechlichen Vertreter wählen - und nicht einen Parteipolitiker.

    Hier ist eine Grundgesetzänderung zur Direktwahl nötig.

    Unser Bundesvorsitzender unterschreibt ja per se im Namen aller Bürger alle Gesetze. Zeigt sich nun im Bürgernetzwerk eine überwiegende Ablehnung zu Vorhaben, z.B. Militäreinsätze im Ausland, Rettungsschirme für private Konzerne, dann wird der B-Präsident eine Abstimmung darüber organisieren. Bei Ablehnung, wird das Bürgerveto durch Verweigerung "unserer" Unterschrift durch unseren Vorsitzenden manifest. Die Regierung und das Parlament müssen nachbessern.

    (Auch Lobbyismus, Parteienklüngel und Korruption lassen sich so eindämmen).
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

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    Nur muß da eine Gesetzesänderung kommen. Und wer schlägt die vor? Genau die gleichen Nasen, die dadurch entmachtet werden.
    Unsere Politiker lassen noch nicht mal Volksentscheide zu.
    Da ist eine Direktwahl des Bundespräsidenten ein frommer Wunsch.

    "Nur an welcher Stelle dockt die Willensbildung im Bürgernetzwerk an die Realpolitik an?" Mit dieser Frage treffen Sie den Kern.

    Nach meiner Meinung verkommt das politische Leben momentan zur bismarckschen virtuellen Quasselbude, die kein Tabu kennt außer der Umsetzung ihrer gesellschaftlichen Ideen in die Tat.

    Ich würde das bürgerliche Engagement in Vereinen und NGO´s nicht so abwerten, wie es in dem Aufsatz geschieht. Nur weil es keine Parteiarbeit ist, heisst das nicht, dass es unpolitische Arbeit wäre, die Bürger dort leisten.

    Nur muß da eine Gesetzesänderung kommen. Und wer schlägt die vor? Genau die gleichen Nasen, die dadurch entmachtet werden.
    Unsere Politiker lassen noch nicht mal Volksentscheide zu.
    Da ist eine Direktwahl des Bundespräsidenten ein frommer Wunsch.

    "Nur an welcher Stelle dockt die Willensbildung im Bürgernetzwerk an die Realpolitik an?" Mit dieser Frage treffen Sie den Kern.

    Nach meiner Meinung verkommt das politische Leben momentan zur bismarckschen virtuellen Quasselbude, die kein Tabu kennt außer der Umsetzung ihrer gesellschaftlichen Ideen in die Tat.

    Ich würde das bürgerliche Engagement in Vereinen und NGO´s nicht so abwerten, wie es in dem Aufsatz geschieht. Nur weil es keine Parteiarbeit ist, heisst das nicht, dass es unpolitische Arbeit wäre, die Bürger dort leisten.

  2. Wenn sich diese Gesellschaft weiter entwickeln soll, ist ein freier Meinungsaustausch dafür unabdingbar. Woher sollen sonst die die Ideen für Verbesserungen kommen, als aus einer kritischen Diskussion der bestehenden Zustände?

    Dafür müssen wir auch einen gewissen Missbrauch dieses Rechts in Kauf nehmen.

    Die Grundrechte sind kein "Luxus", die man bei Schwierigkeiten schnell einschränken muss. Sie sind alle für eine positive Entwicklung eines Landes unabdingbar und die Probleme, die sie manchmal zu verursachen scheinen, allemal wert.

    Diese Erkenntnis muss in der Mehrheit der Menschen in diesem Land verankert sein. Nur das kann langfristig den Bestand des Grundgesetzes und der darin garantierten Freiheiten garantieren.

  3. "Um in Zeiten der Krise zu bestehen, müssen wir einen lang verkannten Zeitgenossen wieder in uns entdecken: den Bürger"
    Jenes deutsche Bürgertum, auf das sich Johannes Kuhn bezieht, war in den vergangenen acht Jahrzehnten sowohl Zielscheibe der politischen Extreme als auch der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Das Modernisierungsopfer kann bei der Behebung vermeintlicher Modernisierungsschäden nicht helfen, weil es spätestens im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen der sechziger Jahre untergegangen ist. Es kommt nicht wieder und ist schon gar nicht "in uns" zu finden.

  4. Nur muß da eine Gesetzesänderung kommen. Und wer schlägt die vor? Genau die gleichen Nasen, die dadurch entmachtet werden.
    Unsere Politiker lassen noch nicht mal Volksentscheide zu.
    Da ist eine Direktwahl des Bundespräsidenten ein frommer Wunsch.

  5. "Nur an welcher Stelle dockt die Willensbildung im Bürgernetzwerk an die Realpolitik an?" Mit dieser Frage treffen Sie den Kern.

    Nach meiner Meinung verkommt das politische Leben momentan zur bismarckschen virtuellen Quasselbude, die kein Tabu kennt außer der Umsetzung ihrer gesellschaftlichen Ideen in die Tat.

    Ich würde das bürgerliche Engagement in Vereinen und NGO´s nicht so abwerten, wie es in dem Aufsatz geschieht. Nur weil es keine Parteiarbeit ist, heisst das nicht, dass es unpolitische Arbeit wäre, die Bürger dort leisten.

  6. Es ist naiv zu glauben auf demokratischen Wege würden sich grundlegende Dinge ändern können. Dies ist von den Machtinhabern nicht vorgesehen und mehr als unsere Stimme für die 2+2 Einheitspartei ist nunmal nicht drin.

    Hier der 5 Punkte Plan, für Leute die wirklich etwas ändern wollen:

    1. Finde möglichst viele Mitstreiter mit möglichst vielen Ressourcen
    2. Organisiere dich mit deinen Mitstreitern und bündel die finanziellen Ressourcen
    3. Wende dich an eine gute Marketing/Lobby Vereinigung und kaufe dich ein
    4. Platziere deine Lobbyisten in Brüssel und Berlin
    5. Hoffe das dein Anliegen wirtschaftsfreundlich ist, ansonsten das Geld lieber gleich verbrennen

  7. Sehr geehrter Herr Kuhn,

    Ihr Plädoyer für eine Rückbesinnung vom Besitzstands-Bürger, der alles "kritisch hinterfragt" und dabei alle viere gerade sein lässt, hin zum engagierten und aktiv um gesellschaftliche Teilhabe ringenden Citoyen ist uneingeschränkt zu unterstützen.

    Hinsichtlich Ihrer diesbezüglichen Hoffnung auf Internet und neue Medien bin ich dagegen sehr viel kritischer. Sie schreiben zu Recht:
    .
    [...]Doch Bürger-Sein ist im Idealfall das genaue Gegenteil von Rückzug. Es bedeutet, aktiv Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen. Wenn sich immer weniger Deutsche mit diesem Anspruch identifizieren, hat dies dramatische Folgen. Die Flucht ins Private hat sich schon allzu oft als der größte Dämon jeder demokratischen Gesellschaft erwiesen.
    .
    Ich möchte einwenden, dass auch der Rückzug in den virtuellen Raum des Web im Grunde eine Art "Rückzug ins Private" darstellt, bleibt er doch - trotz aller Kontroverse und Interaktivität - ohne mainfeste politische Relevanz.
    Kein Forum, kein Blog, kein Chatroom hat je den Gang der Dinge draussen in der realen Welt nennenswert verändert. Im Gegenteil: die virtuelle Parallelwelt versetzt den "neuen Bürger" in die gefährliche Illusion einer vermeintlichen politischen Teilhabe, die bei Licht betrachtet kaum mehr als Konsum von Telekommunikationsdienstleistungen ist.
    .
    Auch wenn ich dem Internet nicht die Eigenschaft absprechen will, Kritik sichtbar zu machen und Gleichgesinnte zusammenzuführen: das Subjekt bleibt im Cyberspace nichtsdestotrotz auch in der Masse (oder auf Neudeutsch: im Schwarm) isoliert und unsichtbar.
    Letztlich spielt das Medium mit seinem Placebo-Effekt den etablierten Verhältnissen und dem Status quo damit eher in die Hand, als es ihn zu transformieren in der Lage wäre.
    .
    MfG
    Corto.

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    Kein Forum, kein Blog, kein Chatroom hat je den Gang der Dinge draussen in der realen Welt nennenswert verändert. Im Gegenteil: die virtuelle Parallelwelt versetzt den "neuen Bürger" in die gefährliche Illusion einer vermeintlichen politischen Teilhabe, die bei Licht betrachtet kaum mehr als Konsum von Telekommunikationsdienstleistungen ist.

    Das stimmt.... scheinbar. Einerseits scheint es so zu sein, andererseits schauen Sie sich doch beispielsweise die Internetaktion der Petetion zur Internetsperre an. Binnen weniger Tage 50000 dann über 80000 Unterschriften zu einer wichtigen politischen Resolution, die entscheidend in die Freiheit des mündigen Bürgers eingreift mit den Vorhaben der Bundesregierung unter dem Deckmantel der Kinderpornografie (gegen die noch viel mehr gemacht werden könnte und muss).

    Die Menschen - hier: Bürger! - lernen ja erst mit dem Internet "umzugehen". Das meint hier nicht den technischen Gebrauch, sondern den informativen, kritischen, politischen.

    Natürlich, alles was gut und konstruktiv sich entfalten kann, kann auch missbraucht werden und es wird auch nichts unversucht gelassen, vielen kritischen Bürgern in die Parade zu fahren.

    Dennoch ist es eine große Chance. Und der Rückzug ins scheinbar Private kann durchaus auch als Bildungsrückzug gestaltet werden, in dem sich die Bürger nun vielmehr als je zuvor zu kritischen Meinungen, Informationen, Fakten Zugang verschaffen, der vorher doch über die normale Presse gar nicht zu bekommen war.

    Ich nutze das Internet schon lange als Bildungswerkzeug und kann nur sagen, dass sich unter den neuen Möglichkeiten mein Blick für vieles schärfen konnte.
    Und ich bin gewiss kein Einzelfall. Ihr kritischer Ansatz oben mag derzeit noch überwiegend stimmen, aber das Verhältnis kann sich bald ändern.

    Kein Forum, kein Blog, kein Chatroom hat je den Gang der Dinge draussen in der realen Welt nennenswert verändert. Im Gegenteil: die virtuelle Parallelwelt versetzt den "neuen Bürger" in die gefährliche Illusion einer vermeintlichen politischen Teilhabe, die bei Licht betrachtet kaum mehr als Konsum von Telekommunikationsdienstleistungen ist.

    Das stimmt.... scheinbar. Einerseits scheint es so zu sein, andererseits schauen Sie sich doch beispielsweise die Internetaktion der Petetion zur Internetsperre an. Binnen weniger Tage 50000 dann über 80000 Unterschriften zu einer wichtigen politischen Resolution, die entscheidend in die Freiheit des mündigen Bürgers eingreift mit den Vorhaben der Bundesregierung unter dem Deckmantel der Kinderpornografie (gegen die noch viel mehr gemacht werden könnte und muss).

    Die Menschen - hier: Bürger! - lernen ja erst mit dem Internet "umzugehen". Das meint hier nicht den technischen Gebrauch, sondern den informativen, kritischen, politischen.

    Natürlich, alles was gut und konstruktiv sich entfalten kann, kann auch missbraucht werden und es wird auch nichts unversucht gelassen, vielen kritischen Bürgern in die Parade zu fahren.

    Dennoch ist es eine große Chance. Und der Rückzug ins scheinbar Private kann durchaus auch als Bildungsrückzug gestaltet werden, in dem sich die Bürger nun vielmehr als je zuvor zu kritischen Meinungen, Informationen, Fakten Zugang verschaffen, der vorher doch über die normale Presse gar nicht zu bekommen war.

    Ich nutze das Internet schon lange als Bildungswerkzeug und kann nur sagen, dass sich unter den neuen Möglichkeiten mein Blick für vieles schärfen konnte.
    Und ich bin gewiss kein Einzelfall. Ihr kritischer Ansatz oben mag derzeit noch überwiegend stimmen, aber das Verhältnis kann sich bald ändern.

  8. Wenn das das Kennzeichen eines Bürgers ist, lehne ich es ab, ein Bürger zu sein. Wenn ich irgendwie nur langlaufen will, gehe ich zu den Wanderern - obwohl, sie haben ja eigentlich auch ein Ziel.
    Ich gestalte aktiv als Schachtrainerin die Schachkultur eines Vereins und versuche unseren jungen Spielern die Lust am Denken nahe zu bringen. Die Eltern achten sehr diese Arbeit, aber ansonsten... Die Universität Viadrina Frankfurt (Oder) zum Beispiel, in deren Räumen wir immer schöne Kinderschachturniere durchführen konnten, fordern für solche Turniere seit der vergangenen Saison pro Stuhl und Stunde 0,30 Euro Miete. Die Uni wurde zu diesem Zeitpunkt Stiftungsuniversität - Frau Schwan sein Dank -. Die Umwandlung zur Stiftungsuniversität war ihr großes Abschiedsgeschenk.
    Erwähnen möchte ich noch, dass wir eine Abteilung des Universitätssportclubs sind.

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