Friedrich Merz ist für viele Christdemokraten längst nicht mehr nur ein scheidender Bundestagsabgeordneter, sondern ein Symbol, eine Projektionsfläche, ein Stachel, um die Kanzlerin zu ärgern. Immer wenn ein hochrangiger Posten zu besetzten ist, dauert es nicht lange, bis der frühere Unions-Fraktionschef und Merkel-Widersacher ins Spiel gebracht wird. Sei es als Wirtschaftsminister oder eben jetzt als künftiger EU-Kommissar. Merz würde das ordnungspolitische Profil der Union wieder schärfen, heißt es aus seinem Fanblock.

Merz als Brüsseler Nachfolger des SPD-Manns Günter Verheugen, der in diesem Jahr nach zwei Amtszeiten ausscheidet? Das wird der Wunschtraum einiger Unionspolitiker bleiben. Denn Angela Merkel ist bekanntermaßen keine Merz-Anhängerin. Der CDU-Chefin dürften die Forderung mehrerer Parteifreunde vom Wochenende daher nicht gefallen haben. Etwa der baden-württembergische Landesgruppenchefs Georg Brunnhuber, der gesagt hatte, Merz sei der "ideale Kandidat" für die europäische Wirtschaftspolitik. Einige andere schlossen eilig an.

Auf einer Pressekonferenz am Montag zum Europawahlaufruf der Union jedenfalls nimmt die Kanzlerin den Namen Merz kein einziges Mal in den Mund, obwohl sie einige Minuten über den Kommissarsposten spricht und auch explizit nach Merz gefragt wird. Mit regungsloser Miene sagt sie, sie habe noch "überhaupt keine Gespräche" mit möglichen Kandidaten geführt. Spekulationen werde sie nicht kommentieren.

Klarer ist da schon die Haltung des Koalitionspartners: Die SPD wird Merz auf keinen Fall akzeptieren. Das hat SPD-Generalsekretär Hubertus Heil prophylaktisch schon einmal klargestellt: Deutschland brauche in Brüssel angesichts der Wirtschaftskrise niemanden, der wie Merz für "mehr Kapitalismus" eintrete, sondern einen Bewerber, der sich stattdessen um den sozialen Ausbau in Europa kümmere. Dafür sei der von der SPD als Kommissar vorgeschlagene sozialdemokratische Fraktionschef im Europaparlament, Martin Schulz, der richtige Mann.

Immerhin, die SPD hat also einen Kandidaten, der innerparteilich unumstritten ist. Bei der Union macht sich dem Vernehmen nach dagegen auch der frühere Europa-Sprecher und Merkel-Vertraute Peter Hintze Hoffnungen auf den Posten. Außerdem stünden wohl auch der hessische Ministerpräsident Roland Koch oder Innenminister Wolfgang Schäuble bereit, falls Merkel ruft.

Die aber will, wie gesagt, nicht öffentlich spekulieren. Immerhin legt sich die Kanzlerin am Montag in einem Punkt fest: bei der Parteizugehörigkeit. Der nächste deutsche EU-Kommissar solle ein Christdemokrat sein. "Die CDU hat seit 15 Jahren keinen Kommissar mehr gestellt", sagt sie. Nun sei ihre Partei wieder an der Reihe.

Auch damit stößt sie jedoch auf Widerspruch bei der SPD. "Eine solchen Automatismus gibt es nicht", protestiert Axel Schäfer, europapolitischer Sprecher seiner Partei. Er betont: Über einen deutschen Kommissar müsste im Kabinett "einvernehmlich" entschieden werden.