Seit einer guten Woche tobt der Streit um den Hessischen Kulturpreis durch die Feuilletons. Und es spricht nicht gegen die Feuilletons, dass er ausschließlich dort tobt. Die Politik hat die Wiesbadener Kabale bisher kaum entdeckt – dabei gehörte sie auch dort hin.

Was bisher geschah: Der Hessische Staatspreis für Kultur sollte in diesem Jahr für Verdienste um den Dialog der Religionen verliehen werden. Die Jury einigt sich auf vier Kandidaten: einen Katholiken, einen Protestanten, einen Juden und einen Muslim. Doch der Muslim Fuat Sezgin springt ab: Er wolle nicht zusammen mit Salomon Korn ausgezeichnet werden, der Israels Krieg in Gaza rechtfertige. Als Ersatz-Muslim wird der Kölner Publizist und Schriftsteller Navid Kermani nominiert, der erklärt, dass er bestenfalls ein Problem mit Hessens Ministerpräsident Roland Koch habe.

Doch nun hat sein katholischer Ko-Preisträger – der evangelische Vertreter Peter Steinacker schließt sich an – ein Problem mit ihm: Der Mainzer Kardinal Lehmann hat einen Artikel der Neuen Zürcher Zeitung gelesen, in dem Kermani erklärt, warum er die Kreuzesverehrung der Christen ablehnt, aber angesichts einer Kreuzigungsszene des Malers Guido Reni aus dem 17. Jahrhundert, die er in einer römischen Kirche entdeckte, ins Zweifeln geriet. Mit einem, der das Kreuz für gotteslästerlich erkläre, wolle er nicht auf einem Podium stehen, schreibt Lehmann an Hessens Staatskanzlei. Die lädt darauf Kermani aus.

Nur eine Posse aus der Länderkulturbürokratie? Man kann die Sache auch so sehen: Zwei künftige Staatspreisträger mit den sehr deutschen Namen Lehmann und Steinacker beißen einen dritten Kandidaten weg, der einen persischen Namen trägt. Der vierte, Salomon Korn, scheint gar nicht erst gefragt worden zu sein. Ahnen Lehmann und Steinacker, dass Kermani wohl zu denen gehört, die sie bald beerben werden?

Deutschland steckt mitten in einem Elitenwechsel. Und während noch längst nicht ausgemacht ist, ob die Krise und das Versagen erheblicher Teile unserer Wirtschaftselite überhaupt einen Austausch der Köpfe nach sich ziehen werden, viel weniger noch der Ideen, machen sich in der Kultur längst nicht nur neue Namen, sondern auch neue Themen und eine neue Sprache bemerkbar. Der Hamburger Fatih Akin ist einer der wichtigsten deutschen Filmregisseure und sammelt auch international angesehene Preise. Die Sprachwucht und -wut der Romane von Feridun Zaimoglu sind beispiellos in der aktuellen deutschen Literatur. In den Erzählungen von Emine Sevgi Özdamar verschränken sich idiomatisch Deutsches und Türkisches zu einem manchmal magischen neuen Deutsch. Und Navid Kermani ist einer der bedeutenden öffentlichen Denker in diesem Land.

Aber es geht um viel mehr als diese wenigen Namen, und Deutschland hat davon mehr zu gewinnen – so schön auch das ist – als ein paar internationale Filmpreise und Erfolgstitel auf den Buchmärkten der Welt. Schon jetzt machen "Menschen mit Migrationshintergrund" ein knappes Fünftel der deutschen Wohnbevölkerung aus, in Städten wie Stuttgart und Frankfurt am Main schon mehr als 40 Prozent. Weniger bekannt und statistisch noch höchst unzureichend erfasst ist die Bildungsbeteiligung dieser neuen Deutschen.

Um nur das Beispiel der großen türkischen Gemeinschaft zu nehmen: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl türkischer Studierender an deutschen Universitäten mehr als verdoppelt. Forscher nehmen sogar an, dass sie sich in Wirklichkeit verdreifacht hat, weil für die offiziellen Zahlen immer noch der Pass entscheidend ist und eingebürgerte türkischstämmige Studenten damit aus der Statistik fallen. Hinter diesen Zahlen steht eine enorme soziale Dynamik, ein großer Aufstiegswille.