Europawahlen 2009 Warum Europa so wenig sexy ist
Die Europäische Union ist ein großer Erfolg. Doch heute steckt sie in einer tiefen Krise - und nur ein Drittel der EU-Wahlberechtigten will seine Stimme abgeben

© SHAUN CURRY/AFP/Getty Images
Die EU-Gegner von der Libertas-Partei werben vor Westminster in London mit einem Model um Aufmerksamkeit und Stimmen bei der Europawahl
Europa ist unsere gemeinsame Zukunft, verkündeten die Chefs der 27 EU-Mitgliedsstaaten vor zwei Jahren, als die Europäische Union ihr fünfzigjähriges Bestehen feierte. Überzeugt haben sie davon aber nur wenige. Nur einer von drei Wahlberechtigten hat die Absicht, bei den Wahlen zum Europäischen Parlament seine Stimme abzugeben. Warum solch bedenkliche Wahlabstinenz?
Begreifen die Europäer nicht die historische Bedeutung ihres Integrationsvorhabens? Sollten sie nicht erleichtert sein, dass Deutschland unumkehrbar in den institutionellen Strukturen der Brüsseler Gemeinschaft verankert ist? Dankbar, dass sie Griechenland, Spanien und Portugal nach den finsteren Jahren der Diktatur ins Licht der Demokratie geleiten konnten? Glücklich auch, dass sie zehn osteuropäische Länder in die Gemeinschaft des freien Europa aufnehmen durften? Verschließen sie wirklich die Augen vor den Riesenfortschritten, die sie während der vergangenen fünfzig Jahre in der Alten Welt gemacht haben?
Zunächst einmal: Seit über sechzig Jahren herrscht in Europa Frieden. Nach einem Jahrtausend der Bruderkriege, des Blutvergießens und des Sich-Abschlachtens gehen die Europäer nicht mehr aufeinander los. Bewaffnete Konflikte zwischen ihnen sind undenkbar geworden. Sie haben gelernt, in versöhnter Verschiedenheit miteinander auszukommen. Nie zuvor in der Geschichte hat es das gegeben. Zudem haben sie ein Wohlstandsniveau erreicht, von dem die Generation ihrer Väter und Großväter noch nicht einmal träumen konnten. Sechzehn EU-Länder haben den Euro als ihre Gemeinschaftswährung eingeführt; weitere möchten sich ihrem Verbund möglichst bald anschließen. Mit ihren knapp 500 Millionen Einwohnern bildet die Union die größten zusammenhängenden marktwirtschaftlichen Länderblock. Anders als die amerikanische Version des Kapitalismus verbindet ihr Wirtschaftsmodell ökonomische Wettbewerbsfähigkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung; es begünstigt nicht nur die Starken, sondern sorgt auch für die Schwachen.
Schließlich haben die Europäer eine Wahrheit wiederentdeckt, die Ortega y Gasset, der spanische Denker, schon vor langer Zeit formuliert hat: vier Fünftel unserer geistigen Habe sind europäisches Gemeineigentum. Die Europäer haben mehr gemein als die Asiaten oder die Afrikaner. Europa ist nicht bloß eine Bezeichnung auf der Landkarte, es ist eine kulturelle Einheit, entsprossen denselben religiösen und philosophischen Wurzeln.
Auf vieles können die Europäer denn sehr stolz sein – auf Frieden und Wohlstand; Freiheit und Ordnung; Herrschaft des Rechts anstelle des Rechts der Herrschaften; offene Grenzen in Schengenland; nicht zuletzt auf ihr Gesellschaftsmodell, das in der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise an Bedeutung wie an Glanz gewonnen hat. Aber auch anderes brauchen sie nicht unter den Scheffel zu stellen, beispielsweise Airbus und Ariane, Volkswagen, Renault und Fiat, den Teilchenbeschleuniger CERN. Nicht zu vergessen Shakespeare und Goethe, Moliere, Dante und Cervantes, Vivaldi und Verdi, Bach und Beethoven, Mozart und Moricone, Chopin und Chaplin, dazu Descartes, Locke, Kant und Copernicus. Europa ist ein kultureller Gigant. Politisch und ökonomisch ist es weniger als eine Supermacht, aber längst weit mehr als bloß eine Freihandelszone.
Weshalb also die Europaskepsis, Europaträgheit, Europaunlust der Europäer, und ihre massive Wahlabstinenz?
Um es kurz zu machen: Europa ist einfach nicht "hip". Es hat null Sexappeal. Anders als in den Mitgliedsstaaten, ist der politische Prozess weder anregend noch aufregend. Er kennt kein Drama, sondern nur Drögheit. Das politische Personal ist farblos, durch Kuhhandel und undurchsichtige Selektionsverfahren auf seinen Posten geraten. Die Gegenstände, mit denen es sich befasst, locken keinen Hund hinter dem Ofen hervor; sie sind technisch und technokratisch, von Interesse für die Lobbies, kaum für die Öffentlichkeit.
Dies gilt in erster Linie für die Europäische Kommission. Das Spitzenpersonal wird nicht vom Wähler bestimmt: Die Mitgliedsstaaten nominieren den Präsidenten, und sie schlagen auch die Kandidaten für die 26 Kommissionssitze vor. Das Wahlvolk hat nichts zu sagen. Kein Wunder, dass die Wahlen als langweilig empfunden werden – es fehlt jene Personalisierung, die der Politik sonst die Würze gibt. Hinzukommt, dass die Kommission hinter verschlossenen Türen tagt; ohne gelegentliche Indiskretionen dränge wenig an die Öffentlichkeit. Zwar regelt die Kommission viel Vernünftiges und viele Notwendigkeiten, doch ihr Image wird weithin bestimmt von ihren absurden Hervorbringungen wie der Normierung der Traktorensitzbreite, der Länge und Durchmesser von Kondomen, dem Krümmungsgrad von Gurken und Bananen oder der Beschaffenheit von Schnullerschnüren (51 Seiten!). Die außenpolitische Kompetenz der Kommission ist nach wie vor beschränkt; und zur Weltwirtschaftskrise wusste sie wenig zu sagen.
- Datum 07.06.2009 - 13:49 Uhr
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- Serie opi
- Quelle ZEIT ONLINE, 6.6.2009
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Nicht die obskure Nominierung der Kandidaten für "Europa" ist das große Problem, sondern der Umstand, dass offenbar kein Politiker hierzulande schlecht genug ist, um nicht doch noch als EU-Parlamentarier zu taugen.
Wir wissen in Deutschland wer nach einer Landtags- oder Bundestagswahl nach dem "Kreuzchenerfolg" vier oder fünf Jahre macht was er will. Bei der Europawahl weiß niemand wer wann und wo macht was er will. Sind wir schon in Europa ein gutes Stück von der Demokratie abgerückt weiß man überhaupt nicht wie Brüssel Demokratie definiert.
So ist es eben. Ich könnte wie beim Lotto-Zettel die Augen zu machen und dort ein Kreuzchen machen wo meine Fingerspitze gelandet ist.
Gruß, Bernd
*** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***
Ja, ich bin bekennender Anhänger Der EU. Ich finde esgut, dass ich in Spanien oder Frankreich mit dem Euro zahlen kann, dass ich quasi ohne Grenze durch die Lande fahren kann und das esseit etlichen Jahrzehnten hier friedlich geblieben ist.
Aber ich bin kein Anhänger von trannigen Politikern, die eine EU als Altersvorsorge sehen und sich in irgendwelchen Sitzungen den Hintern breit sitzen. Und das ist das eigentliche Problem in der EU, eine Politikerkaste, die weder vom Tuten noch von Blasen Ahnung hat und sich von einer Wahl zur nächsten schleppt, nebenbei dem Lobbyismus sehr zugetan ist und keinen Koffer verschmäht, der vor der Tür steht.
Und ich wette, eine EU mit engagierten Politikern ( ich weiss, sowas gibt es nur im Märchen ) wäre eine andere. Aber so bleibt eben alles beim alten und der Muff von vorgestern legt sich über das Land. Eine tolle Idee, eine besch***ene Ausführung!
Vielleicht ist Nicht-Wählen ja eine Form der Freude und Dankbarkeit.
Vielleicht ist es ja ein Zeichen der Emanzipation vom Postulat des Politischen, ein Primat über die Leben seiner ihn Ausgeliferten zu erheben. Wir gehen schließlich auch nicht alle ins Fußballstadion. Warum sollten wir dann alle wählen gehen?
Vielleicht ist es auch eine Einsicht, dass repräsentative Demokratie am besten funktioniert, wenn man die Repräsentaten nicht in eine Klientel- und Wahlkampfpolitik des blinden Aktionismus zwingt, wie es auf nationaler Ebene noch als Fluch über uns lastet.
Vielleicht ist es auch die Erkenntnis, dass alle paar Jahre ein Kreuzch zu machen, doch eher ziemlich albern und mehr so eine demokratische Fassade ist, angesichts der hundertausender Entscheidungen und Prozesse, die das politische System täglich produziert.
Ich für meinen Teil finde Europa auch sexy. Und es geht mir in fast allen Bereichen noch nicht annähernd weit genug … voran!
--
der geist in der maschine
Ulrich Beck diagnostiziert: "Europa in großer Gefahr"
und plädiert für eine "Kosmopolitisierung" Europas:
http://www.sueddeutsche.d...
Wie anders als durch eine "Weltinnenpolitik" sollen die gigantischen Weltprobleme,
die auf der Zukunft lasten, gelöst werden ?
Durch nationalstaatliche Lösungen zur Sicherung der eigenen Interessen sicher nicht.
Europa könnte sich für eine weltweite Ökosoziale MArktwirtschaft engagieren,
nach innen und nach außen !
um sie gemeinsam zu knechten.
So erreicht man Frieden?
Und gut, sie bekriegen sich nicht mehr untereinander (seit 60 Jahren, ohooo), dafür wollen sie gemeinsam gegen andere Krieg führen. Super...
"aus der Diktatur ins Licht der Demokratie". Wow! Was für Worte! Mit diesem Talent würde es dem Mann in einer Diktatur sehr gut gehen, als Dichter für die Parteibonzen oder so.
Und ich sehe auch nicht die "Riesenfortschritte", die die Menschheit oder hier speziell Europa macht. Ich finde uns gehts beschissen. Wir bewegen uns schnell und dafür verbrennen wir unsere Umwelt, die sich über Millionen von Jahren entwickelt hat. Unser Lebensstandard ist auf Pump gekauft. Außerdem ernähren wir uns schlecht, haben Stress im Beruf, haben immer öfters Krebs. Wenn wir alt werden, wird keine Familie uns umsorgen, sondern wir müssen irgendwo außerhalb der Gesellschaft verrotten. Alles was die EU macht, ist, die Politik noch weiter vom Bürger zu entfernen, damit er sich mit den "wichtigen" Dingen beschäftigen kann.
Was wir brauchen ist mehr Autonomie. Zurück zur Dorfgemeinschaft. Entscheidungen auf unterer Ebene. Also das Gegenteil von der EU.
für Jammern auf hohem Niveau gelesen.
Sorry aber die gesellschaftlichen Probleme sind keine probleme der EU. Im Vielvoelkerstaat Oesterreich lebten die Voelker auch in Frieden zusammen bis sich einige Leute profilieren wollten und das als Voelkerkerker gesehen haben. Nur zu Verbesserungen der Menschen hat es nicht gefuehrt. Menschen sind in der Gruppe effektiever als alleine. Je groesser die Gruppe desto effizienter.
Und hier beginnt nun ein wirkliche Problem der EU. Wenn alle Staaten glauben die EU dient nur ihren eigenen kleinen Zweck dann funktioniert es nicht. Es muss eine gemeinsame Richtung geben. Aber hier setzt nun das gesellschaftliche Problem an. Wir haben keine Familie im alter weil sich schon bei 2 Menschen es nicht moeglich ist das man sich auf einen gemeinsamen Weg einigen kann. Einer steigt so gut wie immer aus. Gemeinsam heist auch das man mitunter auf einige Dinge verzichtet. Der eine tut es gerne fuer ein wir, der andere findet es fuerchterlich. Nur tut er das beim naechsten und naechsten usw auch. Die Dorfgemeinschaft? Wo denn? Wo ist es heute moeglich das in einer Dorfgemeinschaft Projekte realisiert werden. Nur aus der freiwilligen Kraft der Gemeinde. Immer sollen andere was tun. So verbreitet sich der Egoismus. Und nichts bewegt sich. Europa braucht Visionaere denen es nicht um Bereicherung geht sondern um das Wohl der Menschen in der Union. Nicht um Kontrolle der Buerger sondern deren Wohlergehen. Die die Menschen der EU (und zwar alle) als das ware Kapital sehen und nicht als bloede Empfehlsempfaneger. Der Egosimus des einzelene und der Politiker und Komunen zerstoert die Gesellschaft ebenso wie die grossen Visionen. Und diese Leute werden zu verhindern wissen das Idealisten wieder was bewegen koennen. So werden grosse Ideen korrupiert.
für Jammern auf hohem Niveau gelesen.
Sorry aber die gesellschaftlichen Probleme sind keine probleme der EU. Im Vielvoelkerstaat Oesterreich lebten die Voelker auch in Frieden zusammen bis sich einige Leute profilieren wollten und das als Voelkerkerker gesehen haben. Nur zu Verbesserungen der Menschen hat es nicht gefuehrt. Menschen sind in der Gruppe effektiever als alleine. Je groesser die Gruppe desto effizienter.
Und hier beginnt nun ein wirkliche Problem der EU. Wenn alle Staaten glauben die EU dient nur ihren eigenen kleinen Zweck dann funktioniert es nicht. Es muss eine gemeinsame Richtung geben. Aber hier setzt nun das gesellschaftliche Problem an. Wir haben keine Familie im alter weil sich schon bei 2 Menschen es nicht moeglich ist das man sich auf einen gemeinsamen Weg einigen kann. Einer steigt so gut wie immer aus. Gemeinsam heist auch das man mitunter auf einige Dinge verzichtet. Der eine tut es gerne fuer ein wir, der andere findet es fuerchterlich. Nur tut er das beim naechsten und naechsten usw auch. Die Dorfgemeinschaft? Wo denn? Wo ist es heute moeglich das in einer Dorfgemeinschaft Projekte realisiert werden. Nur aus der freiwilligen Kraft der Gemeinde. Immer sollen andere was tun. So verbreitet sich der Egoismus. Und nichts bewegt sich. Europa braucht Visionaere denen es nicht um Bereicherung geht sondern um das Wohl der Menschen in der Union. Nicht um Kontrolle der Buerger sondern deren Wohlergehen. Die die Menschen der EU (und zwar alle) als das ware Kapital sehen und nicht als bloede Empfehlsempfaneger. Der Egosimus des einzelene und der Politiker und Komunen zerstoert die Gesellschaft ebenso wie die grossen Visionen. Und diese Leute werden zu verhindern wissen das Idealisten wieder was bewegen koennen. So werden grosse Ideen korrupiert.
EUrokraten-Moloch mit sexy zu tun?
Der EUro wird genutzt, um Löhne und
Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen.
Der dogmatische Tod der Glühlampe schlägt dem
Fass den Boden aus.
Nicht mit mir.
Also wenn das auf dem Bild Europa ist, verstehe ich die Frage nicht!
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