"Was soll denn das sein, eine Rabenmutter?" Diese Frage kann nur von einer Frau aus der ehemaligen DDR kommen. Gudrun Krüger hat sich über den Muttertag aufgeregt: Im Westen werde der nur gefeiert, weil die Mütter nichts anderes hatten. Ihre eigene Tochter, Mandy, hat Gudrun Krüger am Muttertag nicht gesehen. Die 27-Jährige ist nach dem Studium nach Köln gezogen, arbeitet dort als Logistikerin. Vollzeit. Trotz ihres vierjährigen Kindes. Genau wie ihre Mutter damals in der DDR.

Die SED-Führung hatte vollmundig verkündet, in der DDR seien die Frauen emanzipiert. Alle könnten für sich selbst sorgen, würden ja arbeiten gehen. Was die Parteioberen dabei verschwiegen – in den Führungsebenen von Politik, Verwaltung und Betrieben waren Frauen unerwünscht. Gudrun Krüger schnaubt empört: "Was heißt schon Emanzipation. Natürlich sind wir alle arbeiten gegangen. Aber die Kinder in die Krippe gebracht, abgeholt, der Haushalt, das blieb an uns hängen."

Die Unabhängigkeit der Frauen in der DDR ist auch für Babett Bauer nichts weiter als ein Mythos. Für ihr Buch Kontrolle und Repression: Individuelle Erfahrungen in der DDR hat sie Interviews mit Zeitzeugen geführt und dabei viele Lebensgeschichten von Frauen gestreift: "Unabhängig sein, das war mit nur einem Gehalt gar nicht möglich. Meist hatten nur Verheiratete Anrecht auf eine neue Wohnung oder konnten sich mal den Luxus eines Urlaubs leisten."

Die starke, emanzipierte Genossin? Fehlanzeige. Die Familienpolitik der DDR war auf ein traditionelles Bild der Frau ausgerichtet. Das einzig Neue daran: Frauen mussten nun das Doppelte leisten. Produktion und Reproduktion, so nennt Babett Bauer diese Aufgaben. Die Historikerin hat im Familiengesetzbuch der DDR nachgelesen, dass die Aufgaben der Frau sogar gesetzlich geregelt waren: "Die Frau sollte ihre berufliche und gesellschaftliche Tätigkeit, die immer in Zusammenhang mit dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft stehen musste, mit der Mutterschaft vereinbaren können. Von Vaterschaft ist hingegen nie die Rede."

Warum gab es keine Wutanfälle? Kein Aufbegehren gegen die Doppelbelastung? Babett Bauer hat auch einige Frauen getroffen, die bewusst zu Hause geblieben sind. Auch und gerade, um ihre Kinder von den Institutionen der ideologischen, staatlichen Erziehung fernzuhalten. Ausgerechnet die Frauen, die nicht arbeiteten, engagierten sich politisch, kamen so auch mit der westdeutschen Frauenbewegung in Kontakt.

Viel häufiger jedoch wurde die Doppelbelastung hingenommen, alternative Lebensmodelle waren kaum bekannt. Der Sozialwissenschaftler Daniel Erler sagt: "In den großen Betrieben gab es die Mensa. Das Kochen wurde so, man könnte fast sagen, outgesourct. Und Waschsalons, wo man die Wäsche hinbringen konnte, gab es auch."

Von einer Gleichberechtigung im Sinne der Frauenbewegung kann dabei kaum die Rede sein. Aber auch eine verordnete Emanzipation hinterlässt Spuren. Welche, das illustriert die Studie "Frauen machen neue Länder" des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung aus dem letzten Jahr. Darin steht der interessante Satz: "Der Osten liegt vor dem Westen, was die gesellschaftliche Rolle von Frauen angeht."