Kennen Sie das? Sie denken an jemanden, den Sie monatelang nicht gesprochen haben – und gerade als Sie zum Telefon greifen, um diesen Menschen anzurufen, klingelt es. Und wer ist dran? Genau die Person, an die sie eben dachten. Zufall? Telepathie? Ein paranormales Phänomen?

Der Wissenschaftler Gerd Antes, Leiter des Freiburger Cochrane-Zentrums für evidenzbasierte Medizin, kann dieses "Telefonwunder" ganz einfach erklären. Auf der Jahreskonferenz der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) entlarvte er das mysteriöse Phänomen als statistische Regelerscheinung.

Und das mit nur drei einfachen Fragen: "Wie oft denken Sie an jemanden, und das Telefon klingelt nicht? Wie oft denken Sie gerade nicht an jemanden, und er ruft trotzdem an? Und, das sollten Sie sich besonders gründlich durch den Kopf gehen lassen: Wie oft denken Sie gerade nicht an jemanden, und das Telefon klingelt auch nicht?" Gerade weil der unwahrscheinlichste Fall so selten eintrete, erklärte Antes, verselbstständige sich seine Bedeutung im menschlichen Bewusstsein.

Ein weiteres Skeptiker-Kunststück führte der Kryptografie-Experte Klaus Schmeh auf der Konferenz vor, die in diesem Jahr unter dem Motto "Wissenschaft unter Beschuss" stand. Schmeh beschäftigt sich mit angeblich versteckten Nachrichten – ob aus dem Jenseits, der Vergangenheit oder dem All.

Zuerst präsentierte er den Mythos der Cheops-Pyramide von Gizeh, in deren Maßen schon ganze Generationen von Forschern parawissenschaftliche Codes gefunden zu haben glauben. Die doppelte Länge der Grundseite dividiert durch die Höhe ergibt beispielsweise die Zahl Pi – für den britischen Ägyptologen John Taylor im 19. Jahrhundert ein Sensationsfund, der bewies, dass diese Zahl den alten Ägypter entgegen dem damaligen Stand der Wissenschaft bekannt war.

Wie leicht sich nicht nur die Zahl Pi, sondern auch die Lichtgeschwindigkeit und die Fläche von Venezuela durch einfache Rechenoperationen aus den Abmessungen eines beliebigen Gegenstands herausfischen lassen, demonstrierte Schmeh danach am Beispiel eines gewöhnlichen Kochlöffels.

Neben dem vergnüglichen Aspekt kamen in den Vorträgen jedoch auch Entwicklungen in der parawissenschaftlichen Szene zur Sprache, die seriösen Forschern Anlass zur Sorge geben. Der GWUP-Vorsitzende Amardeo Sarma machte auf mehrere neuere Publikationen aufmerksam, in denen Vertreter der alternativen Medizin nach neuen Regeln für klinische Studien verlangen. "Dahinter steht oft die Argumentation, dass jeder Patient einzigartig ist und die Ergebnisse einer genormten Durchschnittsgruppe deshalb nicht zwangsläufig für ihn gelten", sagte Sarma.

Von der Hand zu weisen sei dieses Problem nicht – es sei allerdings keine Rechtfertigung dafür, sich in Zukunft auf einzelne Fälle von Heilung zu verlassen statt auf randomisierte, Placebo-kontrollierte Studien. Dass ein Einzelfall für die Heilungschancen eines beliebigen Patienten irgendeine Aussagekraft hätte, sei nämlich noch deutlich unwahrscheinlicher.

"Die Alternativmediziner können immer noch nicht nachweisen, dass ihre Methoden wirksam sind", sagte Sarma. "Was tun sie also? Sie fordern, die Wissenschaft zu erweitern; sie behaupten, die erprobten Methoden würden nicht ausreichen, um ihre Phänomene zu erklären. Dass angebliche paramedizinische Erfolge nicht reproduzierbar sind, wird vom Armutszeugnis ins Gegenteil verkehrt: Die Nicht-Wiederholbarkeit wird zur Eigenschaft von paranormalen Phänomenen erklärt. Am Ende steht die vollkommen absurde Aussage: Je mehr man diese Phänomene wissenschaftlich prüft, desto seltener zeigen sie sich."

Als besonders beunruhigend bezeichnete Sarma die Tatsache, dass sich zunehmend auch Politiker und hochrangige Ärztevertreter unterstützend zu Parawissenschaften äußern. "Dadurch werden wissenschaftliche Einrichtungen unter Druck gesetzt", warnte er, "zum Beispiel an der Charité, wo die homöopathiefreundliche Karl-Carstens-Stiftung eine Professur für Komplementärmedizin installiert hat." Dort prüfen Forscher mit wissenschaftlichen Methoden, ob alternative Therapien – wie etwa die Akupunktur – gegen bestimmte Leiden wirken oder nicht.

Dass hinter der scheinbar sanften Alternativmedizin in vielen Fällen knallharte Kalkulation steckt, konnte ein im Publikum anwesender Arzt bestätigen. Die Patienten, erzählte er, erwarteten von ihrem Hausarzt geradezu ein Angebot homöopathischer oder naturheilkundlicher Medizin. Wer sich diesem Druck nicht beuge, riskiere, Patienten zu verlieren – man dürfe nicht vergessen, dass eine Arztpraxis eben auch ein mittelständisches Unternehmen sei.

Sarma pflichtete ihm bei und führte als Beispiel die anthroposophische Medizin an, die anders als die Homöopathie bisher nur im deutschsprachigen Raum verbreitet ist: "Die Anthroposophen wollen natürlich auch den europäischen Markt erobern", sagte er.

Neben diesen ernsten Themen blieb aber auch noch Zeit für die humorvolle Präsentation des deutschen Physikers Martin Lambeck. Er führte vor, wie die Parawissenschaften sich quantenphysikalische Phänomene zunutze machen. An einer Stelle seines Vortrags wollte er den Papst zitieren und hob bereits effektvoll dazu an – als er plötzlich feststellen musste, dass Benedikt XVI. sich auf wundersame Weise aus seiner Powerpoint-Präsentation verflüchtigt hatte. In seinem Kommentar lieferte Lambeck den schlagenden Beweis, dass selbst altverdiente Skeptiker manchmal der Irrationalität erliegen: "Er ist verschwunden!"