ZEIT ONLINE: Herr Jauch, warum ist Jürgen Klinsmann zu Ihnen gekommen, zu Stern TV und nicht in eine Sportsendung?

Günther Jauch: Wir kennen uns schon sehr lange, schon zu Zeiten, als er Spieler war. Wir verstehen uns gut und sehen uns alle zwei bis drei Jahre. Zwischendurch bleiben wir über E-Mail in Kontakt. Klinsmann ist ein Typ, der im Fernsehen nicht nur Fußballer interessiert, sondern beispielsweise auch viele Frauen – die zwei Drittel unserer Zuschauer ausmachen. Und bei uns, einer Mittwochssendung, konnte er unabhängig von direktem Einfluss von Spielergebnissen reden. Zudem ist die Figur Klinsmann gesellschaftlich relevant.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Jauch: Seine Durchsetzungskraft und seinen Reformwillen hat er beim DFB bewiesen, und das Gleiche wollte er im Verein vollziehen. Für mich ist Klinsmann der Obama des deutschen Fußballs. Aber er ist zum Opfer der Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Fraktion geworden. Im Gespräch nach der Sendung habe ich auch gemerkt, dass er ein Problem mit der Mentalität der heutigen Spielergeneration hat. Vielen fehlt der Hunger, auf Messi-Niveau zu kommen.

ZEIT ONLINE: Ist Klinsmann überhaupt jemand, der Spieler auf Messi-Niveau bringen kann? Ob er ein guter Vereinstrainer ist, hat er noch nicht beantwortet?

Jauch: Er ist nicht der erste Trainer, der in frühen Jahren geschasst wurde. Aber er ist nachdenklich geworden. Viele Spieler geben sich seiner Meinung nach zu früh zufrieden. Sowohl wirtschaftlich als auch das Prestige betreffend. Entbehrungen wollen die wenigsten auf sich nehmen.

ZEIT ONLINE: Uli Hoeneß hat nach der Entlassung von Klinsmann auffällig oft verlangt, "keine schmutzige Wäsche zu waschen". Hat Klinsmann das gestern getan?

Jauch: Nein, er ist diskret. Er weiß viel mehr als er sagt. Beim FC Bayern werden nun einige nervös sein. Aber sein Vertrag verlangt vereinskonformes Verhalten von Klinsmann.

ZEIT ONLINE: Könnte noch was nachkommen?

Jauch: Sicher, aber das können die Kollegen lösen.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie nicht nachhaken und Klinsmann vehementer auf seine Fehler ansprechen können?

Jauch: Wir sind Stern TV. Die Sendung wird nicht in die Fernsehgeschichte eingehen. Aber die Tür ist einen Spalt aufgegangen.

ZEIT ONLINE: Hat Ihnen Klinsmann vor dem Gespräch inhaltliche oder andere Bedingungen gestellt?

Jauch: Nein.

Die Fragen stellte Oliver Fritsch.

Das Video zum Interview