Satire-WebseiteDu bist Deutschland – Du wirst abgemahnt

Die Agentur der Kampagne "Du bist Deutschland" will eine Satire der Spots verhindern und droht einem Studenten mit Klage. Internet-User sind empört von 

Du bist Terrorist

Stein des Anstoßes: Die Webseite dubistterrorist.de  |  © Screenshot: ZEIT ONLINE

Kinder sind kleine Terroristen, die uns den letzten Nerv kosten und die wir trotzdem und gerade deswegen lieben und brauchen – das ungefähr war die Aussage der Kampagne "Du bist Deutschland". Den Nachwuchs befördern sollte diese Imagewerbung die 2005 und 2007 ausgestrahlt wurde, vor allem aber wollte sie im Land positive Energie wecken.

Gar nicht positiv aber ist der Ton, mit dem die verantwortliche Werbeagentur nun auf eine Satire der Kampagne reagiert. Offensichtlich ist der Umgang mit dem Nachwuchs doch nicht so einfach, wie in den Spots gern suggeriert wurde.

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"Lieber Herr Lehmann", beginnt eine Mail an den Designstudenten Alexander Lehmann, die fordert, "sämtliche Bezüge" zu der "Du bist Deutschland" Kampagne zu löschen und die Domain "DubistTerrorist.de" nicht mehr zu verwenden. Klingt noch ganz freundlich. Doch die Mail endet mit einer handfesten Drohung: "Sollten Sie meinen Bitten nicht innerhalb der nächsten 3 Tage nachkommen, werden unsere Auftraggeber den Rechtsweg einschlagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dann Kosten auf Sie zukommen ist groß."

Lehmanns Vergehen: Er hat als Abschlussarbeit im Fach Virtual Design an der Fachhochschule Kaiserslautern ein Video produziert, dass Ton und Logo der Kampagne nutzt, um die Sicherheitspolitik der Bundesregierung zu kritisieren. Um das BKA-Gesetz geht es darin, um Nacktscanner oder biometrische Ausweise und dass das alles nötig sei, "denn Du bist Terrorist". Eine ruhig und darum umso eindringlicher kommentierte Satire, die die Sicherheitsgesetze der vergangenen Jahre zusammenfasst und damit ein bedrückendes Bild entwirft.

Nur wenige Tage war der Film online, als Lehman nun die Klagedrohung bekam – praktischerweise am Freitagabend. Nicht viel Zeit, um sich um einen Anwalt zu kümmern, wenn am kommenden Montag die gesetzte Frist abläuft. Genug Zeit aber, um im Internet Unterstützung zu erhalten.

Der Blogger Markus Beckedahl beispielsweise reagierte sofort: "Das ist ein nicht akzeptabler Versuch, Meinungsfreiheit zu beschränken. Die Kampagne 'Du bist Deutschland' diente zur Auseinandersetzung mit unserem Staat. Wenn ein Student hingeht und sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzt und dies in seiner Abschlussarbeit thematisiert, sollte ihm nicht eine Ankündigung zur Abmahnung geschickt werden und damit die juristische Keule." Am Feiertag des Grundgesetzes sei es wohl keine gute Idee, so mit der Meinungsfreiheit umzugehen, schrieb er. Und Benedikt Köhler bloggte: "Du bist peinlich".

Michael Trautmann, Geschäftsführer der Werbeagentur, sieht dagegen seine "Markenrechte" verletzt. Immerhin sei "Du bist Deutschland" eine eingetragene Marke.

Leserkommentare
  1. bald als eingetragene Marke einer Werbefirma? Terrorist als Markenname?!
    Wurde die Kampange wegen der Bezüge zu der Bild-Überschrift 'Wir sind Papst' abgemahnt? Nein!

    "Diese Zustände werden wir nicht weiter hinnehmen - gegen diesen Haufen kann man sich ja kaum mehr auf der Straße blicken lassen!"

  2. Da hat's aber so was von keine Chance vor Gericht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gojira
    • 23. Mai 2009 17:51 Uhr

    Muss sowas ja auch nicht. Einem Studenten ohne jede Not mit der Zerstörung der persönlichen Existenz zu drohen, bevor er sich diese überhaupt aufbauen konnte, reicht ja in der Regel schon um seine Interessen durchsetzen zu können. Selbst wenn die Chance auf Erfolg gering ist, kann es sich das Opfer wohl kaum leisten, es auf einen Prozess ankommen zu lassen, den es schon verliert, wenn die Gegenseite es schafft das ganze nur lange genug zu verschleppen. Unsympathischer Haufen, da. Erst dieser verkrampfte Versuch den unwilligen Deutschen nen gepflegten Patriotismus aufzuokroyieren, weil die nicht wissen, was gut für sie ist und dann im nächsten Zug ordentlich den Dialog mit andersdenkenden abwürgen. Toller Verein.

    • ela01
    • 23. Mai 2009 17:33 Uhr

    Lehmann hat eine großartige Kritik geschaffen. Und soweit ich weiß, kann man mittlerweile doch auch in Werbespots die Konkurrenten direkt angreifen, wieso sollte es in diesem Fall anders sein?
    Falls es hierbei zu einer Anklage kommen sollte, wird nur noch einmal mehr deutlich, wie wahr die "du bist Terrorist" Kampagne ist und wie traurig es um unser Land bestellt ist. Ein Hoch auf Lehmann und der Meinungsfreiheit.

    _______________________________

    Ich weiß, dass ich nichts weiß.

    • pekka
    • 23. Mai 2009 17:37 Uhr
    4. schade

    schon die zweite satireseite in so kurzer zeit.
    Was ist mit deutschland(tm) los?
    satire oder kritik unerwünscht?
    können einige nicht mehr lachen?
    naja diktaturen haben was gegen lachen :-(
    aber ein lob an die zeit für die überschrift, so traurig es ist, ich musste grinsen

    • TimmyS
    • 23. Mai 2009 17:38 Uhr

    TiSe

    Ich finde die Aktion super von Alexander Lehmann, genauso fand ich auch die Ausgangskampagne gut. Ich frage mich aber in wie weit ein Ausspruch wie "Du bist Deutschland" geschützt werden kann. Vielleicht stecken, die Nutzungsrechte schon bei einer Agentur zur Zeit des 3. Reiches, denn die Kampagne "Du bist Deutschland" gab schon einmal. Ich beabsichtige hiermit keinen Vergleich mit NS-Aktionen. Viel mehr geht es um den übertriebenen Markenschutz. "Asbach Uralt" ist sowohl eine Marke als auch ein negativ anmutender Ausspruch in der Umgangssprache. Muss ich da von Glück reden, dass noch kein Anwalt vor der Tür stand?

    • Gojira
    • 23. Mai 2009 17:51 Uhr

    Muss sowas ja auch nicht. Einem Studenten ohne jede Not mit der Zerstörung der persönlichen Existenz zu drohen, bevor er sich diese überhaupt aufbauen konnte, reicht ja in der Regel schon um seine Interessen durchsetzen zu können. Selbst wenn die Chance auf Erfolg gering ist, kann es sich das Opfer wohl kaum leisten, es auf einen Prozess ankommen zu lassen, den es schon verliert, wenn die Gegenseite es schafft das ganze nur lange genug zu verschleppen. Unsympathischer Haufen, da. Erst dieser verkrampfte Versuch den unwilligen Deutschen nen gepflegten Patriotismus aufzuokroyieren, weil die nicht wissen, was gut für sie ist und dann im nächsten Zug ordentlich den Dialog mit andersdenkenden abwürgen. Toller Verein.

    • HBogon
    • 23. Mai 2009 18:08 Uhr

    Du bist Deppenland.

    Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es jetzt schon ist.

  3. Also ich finde diese Geschichte ja sehr belustigend.
    Es ist ja nichts verwerfliches, das es in Zeiten des Wandels Menschen gibt, die mit der aktuellen Entwicklung nicht Schritt halten. Aber dass gerade eine Werbeagentur, die sich mit der Verbreitung von Informationen professionell auseinandersetzt, in so ein Fettnäpfchen tritt, ist urkomisch.
    Die versuchte Abmahnung der Bahn gegen Markus Beckedahl hat doch vor kurzem erst gezeigt, wie sowas nach hinten losgehen kann. Und so ein Schuß in den Ofen zeichnet sich auch im aktuellen Fall ab.

    Für mich bleiben zwei mögliche Erklärungen:
    Entweder Herr Michael Trautmann ist zu alt für diesen Job und sollte langsam in Rente gehen, um seiner Agentur solch negative PR in Zukunft zu ersparen.
    Oder diese Abmahnung ist nur der satirische und öffentlichkeitswirksame Auftakt einer großangelegten Kampagne für freie Rechte.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesregierung | Abmahnung | Agentur | Blogger | Design | Domain
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