Studentenbewegung 1967 Zu Besuch bei Ohnesorgs Todesschützen

"Die sollen mich in Ruhe lassen": Dass er immer wieder mit seiner Tat konfrontiert wird, ärgert Karl-Heinz-Kurras. Entschuldigen will sich der Ex-Stasi-Mitarbeiter nicht.

Karl-Heinz Kurras sitzt in seinem Wohnzimmer. Seine Frau empört sich, sie seien alte Menschen und krank. In der Tat, Kurras hat in den letzten Jahren gesundheitlich erkennbar abgebaut. Auf seinem Fahrrad hat man ihn schon einige Monate nicht mehr durch sein Viertel in Spandau fahren sehen. Nach einem Sturz musste er operiert werden, er hat abgenommen und das Laufen fällt ihm zunehmend schwerer.

Er hört schlecht, was sicherlich auch eine Folge des Schießsports ist. "Wir haben geballert wie die Blöden", sagte er einmal lachend. Auch dem MfS war nicht entgangen, dass Kurras den größten Teil seiner Freizeit auf dem Schießplatz verbringt. Monatlich soll er in den 60er Jahren 300 bis 400 DM allein für Munition ausgegeben haben.

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Da, wo die Kurras’ wohnen, ein Neubaublock, gepflegt, es riecht nach Landwirtschaft, seien sie geachtete Leute. "Wir haben hier Eigentumswohnungen und halten zusammen", sagt Frau Kurras. Niemand mache Fremden die Tür auf, einmal stand ein Journalist eine dreiviertel Stunde im Treppenhaus, aber sämtliche Türen blieben verschlossen.

Es klingelt. Frau Kurras geht zur Tür und wird von einem Fernsehteam begrüßt. Sie lehnt ab, ihren Mann an die Tür zu holen und schließt die Tür.

Wieder klingelt es, nun reicht es Herrn Kurras, und er geht selbst zur Tür, so energisch er noch kann. Man wird die Bilder abends ausstrahlen: Kurras im blauen Morgenmantel, mustert eine Kopie seines SED-Parteiausweises und bestätigt, dass er auf dem Foto zu sehen ist, mehr nicht.

Aufgewühlt kommen beide zurück ins Wohnzimmer. Konsterniert nimmt Kurras die Dokumente aus der Birthler-Behörde in die Hand und bestreitet die Vorwürfe. Auf dem Foto ist er eindeutig zu erkennen, und ja, er hat sicher damals so unterschrieben, wie es in seinem SED-Ausweis zu sehen ist. Dann fällt ein Satz, der nicht so recht zu dem Stasi-Spitzel passen will: "Da steckt bestimmt der Ströbele hinter." Die Bereitschaft, das Gespräch fortzusetzen, ist nach dem Zwischenfall an der Tür gesunken. Warum er geschossen habe, er sei doch nicht angegriffen worden. Erregt antwortet er: "Aus Spaß!", und er wiederholt seine Antwort nach ein paar Sekunden noch einmal.

Dass sich Kurras bis heute nicht entschuldigen kann, daran ist das Verhalten der Berliner Polizei, der Ermittlungsbehörden und der Justiz mit schuldig. Die Berliner Polizei nahm Kurras sofort schützend in ihre Mitte. So besichtigten einige Beamte gemeinsam mit dem Täter den toten Ohnesorg im Leichenkeller des Moabiter Krankenhauses. Hohe Polizeibeamte entwarfen gemeinsam mit dem von der Gewerkschaft der Polizei angeheuerten und fürstlich entlohnten Rechtsanwalt Roos eine Verteidigungsstrategie. Die Ermittlungsbehörden haben aufschlussreiche Zeugenaussagen als unglaubwürdig verworfen und klagten extrem zurückhaltend an, mit dem schwächsten aller denkbaren Vorwürfe: fahrlässige Tötung.

Leser-Kommentare
  1. "Wenn ich gezielt geschossen hätte, wie es meine Pflicht gewesen wäre, wären mindestens 18 Mann tot gewesen."

    Ich würde sagen: Psychatrie. Am besten geschlossene Abteilung. Irreversibel.

  2. natürlich.

  3. Das Böse kommt oft nicht nur in der Maske des Biedermanns, sondern wie hier oft auch in der des phobischen Spießers daher.

    Dass dieser sich einst offensichtlich debil ballernde Mann nicht zum Amokschützen wurde, scheint reines Glück gewesen zu sein.

    Und dieses Ballern in Schießständen macht eben doch blöd. q.e.d.!!!!!!!!!!

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    war kein Glück, sondern das Resultat seiner Einbindung in eine Organisation wie die Polizei.

    war kein Glück, sondern das Resultat seiner Einbindung in eine Organisation wie die Polizei.

    • HHuber
    • 22.05.2009 um 20:56 Uhr

    Warum Psychiatrie? Dieser Mann hat nur das getan, was der Staat von ihm wollte. Er und seine gekauften Gerichte haben ihn denn auch aufs Äußerste geschützt - und so läuft ein Mörder heute noch frei herum und brüstet sich seiner Tat.

    Aber nicht vergessen: auch die Hintermänner in Politik, Polizei und Justiz sind an diesem Mord beteiligt.

    • SABATA
    • 22.05.2009 um 20:59 Uhr
    5. Kurras

    Solche Leute die aus Spaß Morden wie er , sagt hat es ja immer gegeben . Ich Denke da an SS
    Leute die auch aus Spaß Babys Hochgeworfen und Erschossen haben .
    Oder KZ Aufseher die sich einen Spaß machten Menschen zu Hängen zu Erschießen usw.
    Das waren Alles Fälle fur die Psychatrie ohne jemalige Freilassung .

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    ...von dem man weiß, dass er Todesurteile gerne höchstpersönlich exekutiert hat. Gerade die 68er hatten sich solche Leute doch gerne als Idol gewählt.

    ...von dem man weiß, dass er Todesurteile gerne höchstpersönlich exekutiert hat. Gerade die 68er hatten sich solche Leute doch gerne als Idol gewählt.

    • HHuber
    • 22.05.2009 um 21:10 Uhr
    6. Kurras

    Da haben Sie sicherlich recht, Sabata. Aber was sind dann die Leute, die dieses Verbrechen in aller Öffentlichkeit und im Gerichtssaal gut geheissen haben?

    Sollen wir die vergessen?

    Das schreckliche an diesem Falle ist nicht, dass ein Mensch einen anderen ermordet hat (für den Getöteten und die Anverwandten ist es natürlich schrecklich), das schreckliche ist, dass dieser Staat und seine Organe diesen Mord ungesühnt gelassen haben - das kennen wir auch aus der braunen Zeit.

    • J.A.
    • 22.05.2009 um 21:15 Uhr

    Wieso wird er als Täter der ein Verbrechen begangen hat bezeichnet, schliesslich wurde er bisher immer freigesprochen.

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    • th
    • 03.06.2009 um 19:59 Uhr

    und bestreitet das gar nicht

    • th
    • 03.06.2009 um 19:59 Uhr

    und bestreitet das gar nicht

  4. Verdacht des Mordes, fast aufgesetzter Schuss, geheimdienstlicher Agententätigkeit für die DDR/MfS, Landesverrat, die Delikte des ehemaligen Beamten Kurras ließen sich fortsetzen. Keine Verjährung der Straftaten! Die Presse stellt Kurras, nicht die Beamten des BKA, der Bundesanwaltschaft oder LKA, das ist der Skandal. Wo bleibt die Reaktion des Berliner Polizeipräsidiums als Dienstherren von Kurras, sofortige Einziehung der Pensionsbezüge und Sicherstellung der Ersparnisse wegen des Agentenlohns, wo blieb die Durchsuchung zur evtl. Feststellung von Beweisen. Nach 60 Jahren GG steht fest, nicht alle sind vor dem Gesetz gleich.

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    • Dike
    • 22.05.2009 um 22:20 Uhr

    Zitat: "Nach 60 Jahren GG steht fest, nicht alle sind vor dem Gesetz gleich"

    deutlicher kann man es nicht beschreiben! Sie haben vollkommen recht, und das ist nicht nur in der BRD so.

    • Dike
    • 22.05.2009 um 22:20 Uhr

    Zitat: "Nach 60 Jahren GG steht fest, nicht alle sind vor dem Gesetz gleich"

    deutlicher kann man es nicht beschreiben! Sie haben vollkommen recht, und das ist nicht nur in der BRD so.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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  • Schlagworte Karl-Heinz Kurras | Spandau
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