Bauern-Protest Traktoren vor der Siegessäule

Tausende Bauern haben in Berlin demonstriert. Die Große Koalition sagte ihnen nun etwas Hilfe zu. Die Landwirte klagen: Das sei bloß "Beschwichtigungspolitik".

Hilmar Mittag reicht es. "Als der Milchpreis knapp unter 30 Cent pro Liter lag, dachten wir schon, tiefer geht’s nicht", sagt der Milchbauer aus der Gemeinde Uplengen im ostfriesischen Landkreis Leer. Seit ein paar Wochen zahle ihm seine Molkerei nur noch 23 Cent pro Liter. "So niedrig war der Milchpreis noch nie", sagt er. In einigen Regionen Ostfrieslands seien es sogar nur 19 Cent. Für Futter, Strom, Helfer, Diesel und Tierarzt haben die Bauern aber jeden Monat mit steigenden Kosten zu kämpfen. Mittag sagt: Pro Liter Milch kommen etwa 28 bis 35 Cent zusammen. Um mit Milch Geld zu verdienen, müsste der Milchpreis also darüber liegen. "So können wir nicht überleben. Es geht um die Existenz."

Mittag ist wütend. Deswegen ist er am Montag um 4.45 Uhr in einen Bus des Deutschen Bauernverbandes gestiegen und in die Hauptstadt gefahren. Zusammen mit rund 6000 Bauern aus ganz Deutschland demonstrierte er an der Berliner Siegessäule nahe dem Bundestag für finanzielle Hilfen vom Bund und der EU.

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Um mehr Aufmerksamkeit von den Medien zu bekommen, waren mehrere Hundert Bauern extra mit ihren Traktoren angerollt. Etwa 500 der wuchtigen Wagen säumten am Mittag die Straßen rund um die Siegessäule. An den Fenstern klebten Plakate mit den Forderungen der Landwirte: eine niedrigere Steuer auf Agrardiesel, Liquiditätshilfen vom Bund und ein Vorziehen von EU-Direktzahlungen.

Der Protest der Bauern, der seit Monaten immer wieder aufflammt, zeigt jetzt Wirkung: Am Nachmittag sagte die Große Koalition den Landwirten Hilfe zu. Künftig sollen sie bei der Agrardiesel-Steuer noch stärker entlastet werden. Zwar zahlen die deutschen Bauern sowieso schon weniger Steuer auf einen Liter Diesel als der Otto-Normal-Tanker. Im Schnitt liegt die Belastung bei 40 Cent pro Liter. Doch die Preise bei den europäischen Nachbarn liegen weit darunter. In den Niederlanden etwa bei 7,7 Cent pro Liter, in Belgien bei 1,8 Cent und in Frankreich sogar bei 0,6 Cent. "Das muss angeglichen werden, damit die deutschen Bauern im internationalen Wettbewerb mithalten können", sagt Mittag.

Am Montag, pünktlich zur am 7. Juni anstehenden Wahl zum Europäischen Parlament, einigten sich die Spitzen der Koalitionsfraktionen nun darauf, für zwei Jahre die Begrenzung von jährlich maximal 10.000 Liter, bis zu der die Bauern bisher in den Genuss der niedrigen Steuer kommen, zu streichen. Auch der Selbstbehalt von 350 Euro, den jeder Betrieb mindestens für die Agrardiesel-Steuer zahlen muss, soll vorerst wegfallen. Die Steuerbelastung wird dadurch auf im Schnitt 25,56 Cent je Liter gesenkt.

Ein Erfolg für die demonstrierenden Bauern? Für Ilse Aigner (CSU) ja. "Eine gute Nachricht" habe sie mitgebracht, sagte die Bundeslandwirtschaftsministerin, als sie den Bauern die Einigung der Koalition an der Siegessäule verkündete. Milchbauer Mittag spricht dagegen  von "Beschwichtigungspolitik". Michael Lohse vom Deutschen Bauernverband sieht das ähnlich. "Wir sehen dies als Zeichen dafür, dass die Politik erkannt hat, wie schwierig unsere Situation ist", sagt er. "Es ist aber nichts, was uns zufriedenstellt."

Allein mit niedrigen Agrardiesel-Preisen sei den Bauern nicht geholfen, klagen sie. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner forderte ein Konjunkturpaket für Bauern. "Nicht nur Opel, Schaeffler und die Commerzbank stehen auf dem Spiel", rief er den Bauern zu, die seine Rede mit Trillerpfeifen und dem lauten Läuten von Kuhglocken unterstützten.

Leser-Kommentare
    • Ranjit
    • 25.05.2009 um 21:39 Uhr

    "Die Spitzen der Koalitionsfraktionen einigten sich nun am Montag darauf, für zwei Jahre die Begrenzung von jährlich maximal 10.000 Liter, bis zu der die Bauern bisher in den Genuss der niedrigen Steuer kommen, zu streichen."

    Moment... Die Preise fallen durch ein Überangebot und unsere Regierung reagiert indem sie noch krassere Überproduktion indirekt subventioniert?

    Und ohnehin: Wo sind den die wütenden Bauern, wenn in anderen Branchen Stellen abgebaut werden und sich die Angestellten und Arbeiter dort nach neuen Beschäftigungsfeldern umsehen müssen? Warum immer diese Extrawurst?

    • vlad
    • 26.05.2009 um 8:41 Uhr

    Zur Extrawurst: eine gewisse Extrawurst steht den Bauern zu: die Eigenversorgung der deutschen Bevoelkerung hat gewisse strategische (oder sollte man besser sagen: systemische) Bedeutung. Ob das fuer grosse Milchbetriebe gilt, ist eine andere Sache (gibt es den 80iger Jahre Butterberg noch?). Aber gerade in der Milchwirtschaft gibt es viele kleine Betriebe, die zu erhalten, wuenschenswert waere. Fest steht auf jeden Fall, dass unsere Bauern die deutsche Bevoelkerung nicht ernaehren koennten.

    Aber allgemein gebe ich Ihnen natuerlich Recht: Die Problematik wird in keinem Fall durch Subventionen geloest. Man sollte vielmehr Dumpingpreise (z.B. Milch aus Neuseeland, dort wird oft am billigsten produziert) unterbinden, indem die Produkte mit Strafzoellen belegt werden. Ausserdem ist nicht einsehbar, warum ein so schweres Produkt wie Milch weit durch die Gegend gefahren werden muss.

    Gleiches gilt uebrigens fuer chinesische Produkte: Produkte, die nur deshalb so billig sind, weil sie in einem Land mit extrem niedrigen Umweltstandards und vorallem Sozialstandards produziert wurden, sollten mit entsprechenden Zoellen belegt werden. Andernfalls sind wir langfristig gezwungen, zu den gleichen Umwelt- und Sozialstandards zu produzieren.

  1. Was ist eigentlich so toll an den Milchbauern und ihrem Produkt, außer dass die Bauern CSU-Klientel sind? Milch ist kein ausgesprochen gesundes Lebensmittel, in weiten Teilen der Welt kommt man ganz gut ohne zurecht. Außerdem noch umweltschädlich, Landwirtschaft verseucht die Böden und Gewässer, Rinder belasten das Klima erheblich. Aber das sind natürlich alles keine Argumente, wenn Wahlen bevorstehen.

  2. Hoffentlich haben diese Kolosse auch alle eine Umweltplakette an der Windschutzscheibe.

    Jedenfalls tun mir die "armen" Milchbauern leid, die nicht einmal das Geld mehr für Bahn, Bus oder Flugzeug haben, um nach Berlin zu reisen.

    Wie arm sind denn nun die Bauern wirklich, dass sie mit ihren "Arbeitsmaschinen" die Berliner Luft noch zusätzlich verpesten müssen?

    Sind sie etwa "zu fett", um zu Fuß durch Berlin zu marschieren oder einfach nur zu bequem?
    (Anmerkung: Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/jk)

    Eine Frage bleibt aber offen:

    Wie viele Bauern fahren eigentlich überhaupt einen PKW mit Otto-Motor und wie rechnen die Bauern ihre "Privatfahrten mit dem PKW ab?

    Ach ja, die Bauern haben ja keine privaten PKW - weil sie eben dafür zu "arm" sind!

    Manche müssen ja abends sogar mit dem Traktor zum Stammtisch fahren???
    Übrigens:

    Selbständige und Gewerbetreibende fahren auch auf Kosten der Steuerzahler durch die Landschaft - mit ihrem geleasten "Dienstfahrzeug - und das auf Kosten der übrigen Steuerzahler!

  3. Wer gestern die Diskussion bei "Beckmann" gesehen hat, konnte sich nur wundern. Eine Milchkuh prodzierte früher ca. 5000 Liter, jetzt ca. 16.000 Liter Milch im Jahr, aber das hält sie nur ca. 3 Jahre durch. Arme Kuh !
    Milchquoten rauf, Milchquoten runter und unsere Landwirtschaftsministerin war in Brüssel. Demnächst sind Wahlen. Eine Milchbäuerin weiß jetzt schon, welche Partei sie nicht wählt, die CSU. Aber in Begleitung der Ministerin war ja eine Milchbäuerin, die Landtagsabgeordnete bei den Freien Wählern ist.
    Die Milchbäuerinnen vom Hungerstreik waren sich aber in einer Sache einig.
    Der Präsident des Bauernverbandes Sonnleitner vertritt nicht ihre Interessen. Trotzdem hat Sonnleitner, Großgrundbesitzbauer und Mitglied im Präsidium des Arbeitgeberverbandes gestern in Berlin noch eine flammende Rede gehalten, "seelenlose Discounter...."usw. Bei meinem Discounter sind nette Seelen. Jedenfalls sollten sich die Milchbauern erst einmal einigen, was sie eigentlich wollen.
    Der Herr Präsident könnte jedoch eine Stiftung gründen zur Alterspflege der nach drei Jahren ausgemusterten Milchproduktionskühe. Eine Kuh ist auch nur .. ein Tier.

  4. Die Bauern sind doch selbst schuld an ihrem Dilemma:

    Dicke und fette Kühe, die nur noch gemolken und zum Verzehr dadurch ungenießbar werden!

    Apropos ungenießbar:

    Schaue ich mir die Milch in den Regalen der Supermärkte an, dann sehe ich meistens darauf stehen:

    - pasteurisiert und homogenisiert -

    Es gibt sogar Studien, denen zufolge homogenisierte Milch eine Ursache für die bei Kindern zunehmende Milchallergie sein könnte!?

    Wenn ich die heutigen "haltbaren" Milchprodukte kaufe, dann kaufe ich entweder besseres "Milchwasser" bei 1,5% Fettgehalt!
    Wegen dieser Milch sind die Ostdeutschen vor der Wende fast auf die Straße gegangen, weil sie dachten, der Staat würde sie beschei...!

    Oder eben Milch mit 3,5% Fettgehalt. Die schmeckt auch nicht anders - jedenfalls nicht nach Kuhmilch!

    Ich kann mich aber noch gut an die Zeiten der Mangelwirtschaft erinnern, wo ich als Kind mit der Milchkanne in der Hand zum Bauern ging.
    Der hatte in unserer Stadt ein Ladengeschäft.
    Da gab es alles - von der Butter, über den Quark, die BUMI (Buttermilch), den Yoghurt und den Rahm dann oben drauf.

    Später kam die Milch zum örtlichen Milchhof und wurde weiter verarbeitet.
    Die war dann immer noch frisch aus der Flasche, der Rahm war oben drauf.
    Wir kauften dann nur soviel, wie wir in den nächsten Tagen verbrauchen konnten.
    Wurde der Rest sauer, dann hat meine Mutter das Zeug trotzdem noch weiter verarbeitet.
    Wenn es überhaupt nicht mehr ging, dann wars für die Katz' - Kitekat gab es nicht!

    Was uns heute geschmacklich an Yoghurt, Buttermilch, Sahne und Quark "angedreht" wird, das hätten wir früher nicht einmal genommen, wenn man es uns hinterher getragen hätte!

    Entweder schmeckt das Zeug nur süß oder hat überhaupt keinen Geschmack.

    Wer das Zeug früher vom Bauern gekostet hat, der hatte hinterher nicht nur Probleme mit der Verdauung - dafür brauchte man eben kein "Renni", gerannt sind wir damals von alleine, sondern der brauchte beim frischen Quark nicht mal eine Zitrone, um sich seine Geschmacksnerven zu ruinieren.

    Buttermilch-Trinken, das war für uns damals das Gleiche wie für die heutige Jugend, nur das die es heute "Koma-Saufen" nennen. Jedenfalls unsere Art der "Männlichkeitsprüfung" war weitaus gesünder.

    Aber zurück zum Thema:

    Warum wird eigentlich die Milch vom Erzeuger meilenweit durch die deutsche und nunmehr auch europäische Landschaft gekarrt?

    In Berlin gibt es die Sachsenmilch, die Brandenburger, die von der Milchunion Hocheifel.

    Würde es nicht auch einfacher gehen, wenn man nur die Brandenburger hier verkauft?

    In der Eifel dann das gleiche Spiel - nur umgekehrt.

    Wir wundern uns über den Klimawandel aber jene, die eigentlich durch ihren Berufsstand zum Umweltschutz verpflichtet wären, die Bauern, lassen ihre Milch durch halb Europa karren.

    Genau wie mit dem "Spargel" - aber das ist ein anderes Thema.

    Seit Jahren jammern die Bauern und bekommen "Fördergelder" von der EU - fragen Sie mal einen Arbeitslosen, der beruflich gefördert werden möchte, weil er kein Geld hat, sich vernünftig zu qualifizieren - der geht leer aus und kann nur hoffen, dass er mal wieder einen Job findet.

    Nun gut, jammern ist nicht gleich jammern - auf das Niveau kommt es eben an.

    Ich für meinen Teil würde jedenfalls lieber ein paar Cent mehr dafür ausgeben, solche Milchprodukte zu beziehen, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte und nicht diesen Billig-Kram, der heute in den Regalen steht, egal ob "BIO" draufsteht oder nicht - "BIO" ist schließlich kein geschütztes Warenzeichen.

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