Netzsperren : "Jeder Schritt gegen Kinderpornografie wird begrüßt"

90 Prozent für Netzsperren – 90 Prozent dagegen: Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Infratest-Chef Hilmer wehrt sich gegen den Vorwurf, suggestive Fragen zu stellen

ZEIT ONLINE: Herr Hilmer, was kann Meinungsforschung?

Richard Hilmer: Meinungsforschung hilft, das Meinungsbild der Bevölkerung mittels repräsentativer Stichproben zu unterschiedlichsten Themen zu eruieren.

ZEIT ONLINE: Kann Meinungsforschung Wahrheit abbilden?

Hilmer: Sie kann auf jeden Fall das aktuelle Meinungsbild abbilden. Natürlich nur insofern, als die Bevölkerung auch informiert ist über diese Themen. Und es gibt sicherlich auch technische Grenzen der Abfragbarkeit.

ZEIT ONLINE: Was wären das für Grenzen?

Hilmer: Das kommt auf den Einzelfall an.

ZEIT ONLINE: Kommen wir zu einem Einzelfall. Der oberste Grundsatz der Meinungsforschung lautet, sie muss objektiv sein. Sind die beiden Umfragen zum Thema Netzsperren, die am Wochenende und heute veröffentlicht wurden, objektiv?

Hilmer: Natürlich sind sie objektiv. Wir haben sie nach den Regeln der Kunst abgefragt, daher: Die Fragen weisen nicht in irgendeine Richtung, sie sind gut verständlich, sie weisen nachvollziehbare Alternativen aus und sie bilden den Sachverhalt, den sie behandeln, korrekt ab.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es dann, dass zwei Umfragen mit ähnlicher Fragestellung zu dem gleichen Thema zu einem diametralen Ergebnis führen?

Hilmer: Ich sehe in den Ergebnissen keinen Gegensatz. Im Gegenteil: Beide Umfragen ergeben einen erheblichen Bedarf in der Bevölkerung nach Maßnahmen gegen kinderpornografische Darstellungen im Internet. Die erste Umfrage (die der Deutschen Kinderhilfe, Anm. d. Red.) zielt darauf ab, ob man Seiten sperren soll. Da sagten uns 92 Prozent, dem stimmen wir zu. Dieser Plan trifft also per se auf große Zustimmung der Bevölkerung.

Wenn man weitergeht, wie in der nächsten Befragung (der des Vereins Mogis, Anm. d. Red.), und – weil die Sperren kein hundertprozentiger Schutz sind und die Seiten weiter erreichbar bleiben – ergänzend fragt: Sollte man sperren oder die Website löschen und die Betreiber strafrechtlich verfolgen? – dann sind 90 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass die weitergehenden Maßnahmen sinnvoll sind.

ZEIT ONLINE: Nun wurde in der zweiten Umfrage gefragt, soll gesperrt werden, auch wenn die Inhalte unverändert im Netz bleiben. Bei dieser Frage aber gab es keine Zustimmung...

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 6
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Erwartbare Erklärung

Hier erübrigt sich tiefere Kommentierung. Würde er etwas anderes sagen, würde er sein eigenes Institut und seinen Berufsstand in Frage stellen.

Für mich sind Meinungsumfragen schon immer mehr Ärgernis als Erkenntnis gewesen, weil sie jeweils von der entsprechenden Lobby für sich ausgenutzt wurden.
Genau das wollte Mogis zeigen, dass es immer drauf ankommt, was man erreichen will und wie man fragt. Schäbig ist eher, was die Kinderhilfe aus ihrem Ergebnis für Schlussfolgerungen zog, obwohl die Befragten nicht wirklich aufgeklärt wurden darüber, was für Konsequenzen die Zensur (und nichts weiter als das ist eine Sperre der Seiten ohne entfernen) gehabt hätte. Wir müssen die Täter verhaften und die Seiten entfernen. Alles andere verlängert das Leid der Opfer, schützt die Täter und bringt uns Zensur, ob das unsere Politiker hören wollen oder nicht.

"Es gibt Menschen, die Fische fangen und solche, die nur das Wasser trüben."

Re: Erwartbare Erklärung

Die windelweiche Auslegung "Die vereinbarte Sperrung als solches wird von der großen Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen. Allerdings hält eine ebenso große Mehrheit weitergehende Maßnahmen für sinnvoll und wünschenswert." geht am Thema vorbei und wiederum manipulativ. Die "weitergehende Maßnahmen" sind keineswegs weitergehend, sondern haben einen völlig anderen Ansatz. Hier wird ein unzulässiger Zusammenhang hergestellt, der mit sauberer empirischer Arbeit nichts zu tun hat.

smial
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Die Fragen sind objektiv und nach den Regeln der Kunst?

Hilmer: Natürlich sind sie objektiv. Wir haben sie nach den Regeln der Kunst abgefragt [...]

So, so, die Frage der dubiosen Kinderhilfe ist objektiv und "nach den Regeln der Kunst".

Sie lautete:

"Die Bundesregierung plant ein Gesetz zur Sperrung von kinderpornographischen Seiten im Internet. Kritiker befürchten eine Zensur und bezweifeln die Wirksamkeit solcher Sperren. Befürworter betonen dagegen, dass solche Sperren eine sinnvolle und wirksame Maßnahme im Kampf gegen die Verbreitung solcher Bilder sind. Wie sehen Sie das: Sind Sie für ein Gesetz zur Sperrung kinderpornographischer Seiten im Internet oder dagegen?"

Man hätte auch auch fragen können:

"Die Bundesregierung plant ein Gesetz zur Zensur im Internet. Befürworter befürchten, dass ohne Einführung der Zensur ein Kampf gegen die Verbreitung kinderpornographischer Bilder nicht möglich sei. Kritiker betonen dagegen, Zensur sei keine sinnvolle und wirksame Maßnahme. Wie sehen Sie das: Sind Sie für ein Gesetz zur Zensur im Internet oder dagegen?"

Ob da dasselbe Ergebnis erzielt worden wäre...

Einzelne Fragen sind immer manipulativ. Sie sind somit ein untaugliches Instrument.

Und wenn ein Institut eine Zustimmungsquote von 99,5% Zustimmung ermittelt - was heißt das schon? Traue keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast!
Was mich ein bischen Erschreckt ist dass Meinungsumfragen mittlerweile ein ähnlicher Wert wie Volksabstimmungen zugestanden wird. Volksabstimmungen selbst aber in unendlicher Ferne liegen, selbst unsere "Verfassung" ist nicht auf diese Weise legitimiert. Wir haben ein Demokratiedefizit - das ist das Problem.

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