ZEIT ONLINE: Herr Hilmer, was kann Meinungsforschung?

Richard Hilmer: Meinungsforschung hilft, das Meinungsbild der Bevölkerung mittels repräsentativer Stichproben zu unterschiedlichsten Themen zu eruieren.

ZEIT ONLINE: Kann Meinungsforschung Wahrheit abbilden?

Hilmer: Sie kann auf jeden Fall das aktuelle Meinungsbild abbilden. Natürlich nur insofern, als die Bevölkerung auch informiert ist über diese Themen. Und es gibt sicherlich auch technische Grenzen der Abfragbarkeit.

ZEIT ONLINE: Was wären das für Grenzen?

Hilmer: Das kommt auf den Einzelfall an.

ZEIT ONLINE: Kommen wir zu einem Einzelfall. Der oberste Grundsatz der Meinungsforschung lautet, sie muss objektiv sein. Sind die beiden Umfragen zum Thema Netzsperren, die am Wochenende und heute veröffentlicht wurden, objektiv?

Hilmer: Natürlich sind sie objektiv. Wir haben sie nach den Regeln der Kunst abgefragt, daher: Die Fragen weisen nicht in irgendeine Richtung, sie sind gut verständlich, sie weisen nachvollziehbare Alternativen aus und sie bilden den Sachverhalt, den sie behandeln, korrekt ab.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es dann, dass zwei Umfragen mit ähnlicher Fragestellung zu dem gleichen Thema zu einem diametralen Ergebnis führen?

Hilmer: Ich sehe in den Ergebnissen keinen Gegensatz. Im Gegenteil: Beide Umfragen ergeben einen erheblichen Bedarf in der Bevölkerung nach Maßnahmen gegen kinderpornografische Darstellungen im Internet. Die erste Umfrage (die der Deutschen Kinderhilfe, Anm. d. Red.) zielt darauf ab, ob man Seiten sperren soll. Da sagten uns 92 Prozent, dem stimmen wir zu. Dieser Plan trifft also per se auf große Zustimmung der Bevölkerung.

Wenn man weitergeht, wie in der nächsten Befragung (der des Vereins Mogis, Anm. d. Red.), und – weil die Sperren kein hundertprozentiger Schutz sind und die Seiten weiter erreichbar bleiben – ergänzend fragt: Sollte man sperren oder die Website löschen und die Betreiber strafrechtlich verfolgen? – dann sind 90 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass die weitergehenden Maßnahmen sinnvoll sind.

ZEIT ONLINE: Nun wurde in der zweiten Umfrage gefragt, soll gesperrt werden, auch wenn die Inhalte unverändert im Netz bleiben. Bei dieser Frage aber gab es keine Zustimmung...

Hilmer: Moment, in der ersten Umfrage wurde die Alternative gestellt: Sollen kinderpornografische Seiten im Internet gesperrt werden oder nicht. Ergebnis: 92 Prozent für Sperrung. In der zweiten Umfrage gab es drei Alternativen, keine Maßnahmen oder zwei alternative Gegenmaßnahmen: Sperrung oder weitergehend die Löschung der Seiten, um sie auch auf Umwegen nicht erreichen zu können. Offensichtlich ist die Mehrheit für weitergehende Maßnahmen gegen Kinderpornografie. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Sperrung keine Mehrheit findet – jeder Schritt gegen Kinderpornografie wird begrüßt, je weitergehender, desto besser.

ZEIT ONLINE: Ist es nicht suggestiv, wenn in diesem Zusammenhang wie in der ersten Umfrage keine Alternative geboten wird, also nur gefragt wird, Sperrung oder nichts?

Hilmer: Es kommt immer auf den Kontext an. Es gab eine Übereinkunft in der Politik (der Gesetzentwurf zur Sperrung von solchen Seiten, Anm. d. Red.) und wir wollten wissen, findet diese Übereinkunft die Zustimmung der Bevölkerung. Das ist durchaus legitim und methodisch korrekt. In einem weitergehenden Schritt wollte ein anderer Auftraggeber wissen, wie ist es, wenn es eine weitergehende Alternative zu diesen Sperrungen gibt? Das Ergebnis: In diesem Falle sprachen sich die Bürger für die schärfere Maßnahme aus. Die politische Übereinkunft muss also nicht der Schlusspunkt sein. Einen Widerspruch zwischen den Ergebnissen beider Erhebungen kann ich nicht erkennen.

ZEIT ONLINE: Sie haben mal gesagt: Wir liefern solide Zahlen, für die Interpretation sind andere zuständig...

Hilmer: Häufig werden solche Äußerungen verkürzt dargestellt. Gemeint war: Wenn es um ein politisches Stimmungsbild geht, obliegt es uns nicht, zu sagen, ob das Stimmungsbild gut oder schlecht für die Politik ist. Allerdings, was die Analyse von Ergebnissen betrifft, ist sie natürlich unsere Aufgabe. Wir müssen den Auftraggebern – dieses Beispiel zeigt, wie notwendig das ist – bei der Interpretation der Ergebnisse behilflich sein. Sonst wird ein Antagonismus in die Zahlen hinein interpretiert, der nicht vorhanden ist.

ZEIT ONLINE: Ihre Interpretation lautet, die Umfragen widersprechen sich nicht?

Hilmer: So ist es. Die vereinbarte Sperrung als solches wird von der großen Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen. Allerdings hält eine ebenso große Mehrheit weitergehende Maßnahmen für sinnvoll und wünschenswert.

ZEIT ONLINE: Beide Umfragen erbringen dasselbe Ergebnis?

Hilmer: Sie machen beide deutlich, dass die Bürger der Meinung sind, alle Beteiligten müssen aktiver diesen Missbrauch unterbinden. Und die Bürger sind offensichtlich der Auffassung, dass die Maßnahmen härter sein können als die, die jetzt im politischen Prozess herausgekommen sind.

Richard Hilmer ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap, das in den vergangenen Tagen im Auftrag zweier verschiedener Vereine zwei Umfragen zum Thema Netzsperren durchgeführt hat. Ein Vergleich der Umfragen wurde auf ZEIT ONLINE veröffentlicht.

Die Fragen stellte Kai Biermann