Es ist Mai, der Liebesmonat, und selbst in Elternzeitschriften springt einen das Thema Sex permanent an. Unter Vorbehalt allerdings. "Guter Sex trotz kleiner Kinder" verspricht das Lifestyle-Eltern-Magazin Nido, der Klassiker Eltern zieht das beruhigende und ermunternde Fazit: "Keine Panik, die Lust kommt wieder."  

Wozu dann all das Gerede und Geschreibe, wenn doch alles in bester Ordnung ist? Die Sexualtherapeutin Ulrike Brandenburg, sieht durchaus Probleme bei vielen jungen Eltern. Bis zu 600 Paare pro Jahr beraten sie und ihre Mitarbeiter am Institut für Sexualwissenschaft am Universitätsklinikum in Aachen. "Von den Paaren, die zu uns kommen, klagt ein Drittel über Lustlosigkeit und gibt an, dass diese im Zusammenhang mit der Geburt der Kinder entstanden ist – ganz gleich, ob sie bei der Frau oder beim Mann auftritt", sagt Brandenburg.

Zahlen, die den Gynäkologen Kai J. Bühling nicht erstaunen. Er hat zwar 2006 eine Studie an der Berliner Charité geleitet, wonach "die Hälfte der Paare schon in den ersten acht Wochen nach der Geburt wieder sexuell aktiv wurden" - in seiner "Hormonsprechstunde" in der Gynäkologischen Abteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf  suchen dennoch pro Jahr etwa 200 "lustlose" Patientinnen seinen Rat. Bei schätzungsweise zehn Prozent liege das an organischen Ursachen wie etwa Schmerzen oder der Hormonumstellung, sagt Bühling. Weitere zehn Prozent nennen als Gründe die Mehrbelastung, die die Geburt eines Kindes mit sich bringt.

Kinderkriegen passiert heutzutage in der Regel nicht mehr nebenbei. Vor allem sogenannte Spätgebärende ab 35 Jahren – dazu zählt mittlerweile fast jede vierte Frau in Deutschland - bereiten sich sorgfältig und diszipliniert auf das Ereignis vor. Die meisten werdenden Eltern sind also bestens informiert und präpariert – bis zur Geburt.

Bereits das Erlebnis selbst ist für einige Männer problematisch, vielleicht gerade weil es inzwischen schon als selbstverständlich gilt, dass sie bei der Entbindung dabei sind. Im Jahr 2004 befragte Bühling an der Berliner Charité 86 Männer, die die Geburt ihres Kindes miterlebt hatten. Sieben Prozent von ihnen hielten es für möglich, dass dies ihr Sexualleben negativ beeinflussen könnte. 

"Ich glaube, dass die Geburt eines Kindes in unserer hoch bewussten und hoch perfektionierten Welt ein gigantischer Einschnitt ist", sagt Ulrike Brandenburg. Auch bei harmonischen Paaren läuft plötzlich alles aus dem Ruder. Frischgebackene Eltern sind übermüdet und überfordert, sie lachen, reden und schlafen weniger miteinander, streiten dafür aber umso mehr. Kein Wunder also, dass sie sich auch sexuell auseinander leben.  "Viele dieser Paare denken, mit ihnen stimme etwas nicht", sagt die Sexualtherapeutin. "Die meisten glauben, sie hätten einen Paarkonflikt, in Wirklichkeit werden sie einfach mit der Elternsituation nicht fertig."