Rotes Kreuz "Die Lage in Sri Lanka ist besorgniserregend"

Nach dem Ende des Bürgerkrieges warten in Flüchtlingslagern Tausende Menschen auf Hilfe. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes schildert die Situation dort

In Sri Lankas Hauptstadt Colombo feiern Anhänger des Präsidenten den Sieg über die Tamil Tigers. Das Militär patrouilliert auf den Straßen, die Lage im Land bleibt angespannt

ZEIT ONLINE: Herr Hahn, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er mache sich auch nach dem Ende des Bürgerkriegs noch Sorgen um die Flüchtlinge in Sri Lanka. Wie sieht die Lage dort aus?

Martin Hahn: Die humanitäre Situation ist besorgniserregend. Momentan gehen wir von insgesamt 250.000 Flüchtlingen aus, 160.000 davon leben bereits in Auffanglagern und es werden immer mehr. Soldaten bringen fast alle Tamilen aus dem Norden in Auffanglager.

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ZEIT ONLINE: Wie geht es den Menschen in diesen Auffanglagern?

Hahn: Viele Menschen sind bereits länger als ein Jahr auf der Flucht, viele haben gehungert und hatten keine medizinische Versorgung. Das Rote Kreuz hat versucht die im Kampfgebiet eingeschlossenen Zivilisten mit Booten von der See her mit Lebensmitteln zu versorgen, das hat aber nicht immer funktioniert. Und momentan fehlt auch in den Lagern immer noch eine stabile Nahrungsmittel- und Gesundheitsversorgung.

ZEIT ONLINE: Internationale Hilfsorganisationen klagen, dass Soldaten die Helfer nicht in die Auffanglager im Nordosten Sri Lankas lassen. Wie erreichen Sie die Menschen?

Hahn: Ich habe gerade mit einer Delegation des Roten Kreuzes ein großes Lager in Vavuniya besucht. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes und der Vereinten Nationen dürfen dorthin reisen. Die Zugänge zu den Lagern werden von Soldaten bewacht. Sie kontrollieren wer herein und heraus darf.

ZEIT ONLINE: Behindern die Militärs so nicht Ihre Arbeit?

Hahn: Das Internationale Rote Kreuz verhandelt mit der Regierung in Colombo über einen freien Zugang für die Helfer. Momentan ist das noch nicht so, wie es sein sollte. Unser Hauptproblem ist zurzeit jedoch nicht der Zugang zu Lagern, sondern die schlechte humanitäre Versorgung der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie sich frei in dem Lager bewegen, das sie inspiziert haben?

Hahn: Das Lager, das ich besuchen durfte, ist ganz neu eingerichtet worden. Dafür musste ein Stück Dschungel gerodet werden. Am Montag brachten Soldaten die ersten Menschen dorthin. Der Lagerkomplex in Vavuniya besteht aus fünf Lagern, zu vier davon bekamen wir keinen Zutritt.

ZEIT ONLINE: Die Regierung Sri Lankas hat am Montag den Bürgerkrieg für beendet erklärt, dennoch bringen Soldaten weitere Tamilen in Auffanglager. Wann können die Flüchtlinge in ihre Heimatorte zurückkehren?

Hahn: Das ist eine der wichtigsten Fragen, die das Rote Kreuz versucht mit der Regierung in Colombo zu klären. Die Menschen in den Flüchtlingslagern brauchen eine Perspektive. Viele Häuser wurden im Nordosten der Insel zerstört und es sind dort Anti-Personen-Minen ausgelegt. Eine schnelle Rückkehr scheint ausgeschlossen zu sein.

ZEIT ONLINE: Die Länder der Europäischen Union haben versprochen, Hilfsgelder für die Flüchtlinge auf Sri Lanka bereit zu stellen. Deutschland will mehr als fünf Millionen Euro geben. Reicht die Hilfe aus dem Westen für die Versorgung der Menschen aus?

Hahn: Ob das Geld reicht, werden wir in den nächsten Tagen sehen. Die Hilfsorganisationen brauchen beträchtliche Mittel, um die rund 250.000 Flüchtlinge zu versorgen. Das Deutsche Rote Kreuz will der Bundesregierung mehrere Projekte für eine Förderung vorschlagen, mit denen auf Sri Lanka den Vertriebenen geholfen werden kann.

ZEIT ONLINE: Welche Projekte sind das?

Hahn: Wir wollen eine spezielle Unterstützung für Schwangere aufbauen – viele Frauen in den Lagern werden in der nächsten Zeit Kinder bekommen. In den Lagern fehlt es außerdem an sanitären Anlagen, wir wollen mobile Toiletten aufstellen. Und wir planen, Freiwillige in unsere Projekte einzubeziehen. Sie können in Krankenhäusern etwa den Patienten helfen und die Pfleger unterstützen.

ZEIT ONLINE: Viele Kinder wurden auf der Flucht von ihren Eltern getrennt. Wird den Familien geholfen?

Hahn: Sobald die Menschen sich als Flüchtling registriert haben, kann das Rote Kreuz mit seinem Suchdienst bei der Familienzusammenführung helfen. Einige Familien wurden bereits vor Monaten bei Kämpfen zwischen Armee und Tamilen getrennt.

ZEIT ONLINE: Wie lange werden die Flüchtlinge auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen sein?

Hahn: Die Menschen wollen wieder zurück in ihre Häuser, aber unsere Hilfe wird noch eine lange Zeit erforderlich sein. Wir rechnen bei diesen Projekt nicht in Wochen, sondern in Monaten.

Die Fragen stellte Hauke Friederichs

Martin Hahn koordiniert die Hilfslieferungen des Deutschen Roten Kreuzes für die Flüchtlinge auf Sri Lanka. Er besuchte ein Lager in einer Region, in die sonst keine ausländischen Helfer oder Journalisten kommen. Der Leiter des Auslandshilfe koordinierte bereits in zahlreichen Ländern die Hilfsaktionen – er half unter anderem Cholera-Kranken in Simbabwe.  

 
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