Südtirol Saurier zum Sammeln

Die Bletterbachschlucht im Südtiroler Unterland gibt Einblick in ein faszinierendes Kapitel der Erdgeschichte. Mit etwas Glück können hier auch kleine Fossilienjäger große Trophäen finden

Sonntagmorgen, am Frühstückstisch: Draußen lockte ideales Bergwetter. Wir unterbreiten unseren vier Kindern so beiläufig wie möglich unseren Vorschlag. "In die Berge? Schon wieder wandern!?" Wenn sich unser Nachwuchs provoziert fühlt, reagiert er ähnlich gereizt wie ein in die Enge getriebenes Löwenrudel. An diesem Tag ist die Abwehrhaltung besonders stark ausgeprägt.

Entsprechend gedrückte Stimmung herrscht anschließend im Auto. Die gewundene Bergstraße führt in Richtung Fleimstal hinauf – Schweigen. Auf einer Weide traben Ponys mit wehenden Mähnen über die Wiesen – kein Kommentar von den Rücksitzen. Für die Pfarrkirche zu den Heiligen Jakob und Helena, ein Schmuckstück der alpinen Gotik mit Schnitzaltären, alten Fresken und einer berühmten Orgel, haben die Kinder nur Verachtung übrig. Und als wenig später tief unten im Etschtal der Fluss durch die grünen Obstplantagen schimmert, während oben am Weiß- und Schwarzhorn die Firnfelder in einem strahlenden Weiß leuchten, sind den Widerständlern auf der Rückbank diese Bilder allesamt verhasst. Langweilig, öde – ein richtig verpfuschter Sonntag eben, aus ihrer Sicht.

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Der Retter wartet schon im Besucherzentrum des Geoparkes Bletterbach. Er heißt Christian Giordani, steckt in klobigen Bergstiefeln und ist 37 Jahre alt. Der Grundschullehrer und nebenberufliche Mitarbeiter des Geoparks weiß mit kritischen Gästen umzugehen. Mit seinem schulterhohen Haselnussstab, den er wie ein Hirte während der gesamten anschließenden Tour bei sich trägt, zeigt er auf den graubraunen Grödner Sandstein.

Normalerweise geht jeder an diesem unscheinbaren Felsbrocken vorbei. Doch Christian macht uns auf ein paar Löcher aufmerksam, etwa fünf Zentimeter tief und so groß wie eine fleischige Männerhand. "Die versteinerte Fährte eines Pachypes dolomiticus", erklärt er und schweigt vielsagend. Ihr wisst schon, ein Saurier", fügt er dann hinzu, und zeichnet mit seiner eisernen Stockspitze die Umrisse der rund 250 Millionen Jahre alten Fußspur nach. "Er gehörte zu den Pareiasauriern, bis zu 1000 Kilo schwer waren die Burschen, im Perm waren sie die größten Pflanzenfresser."

Das Stichwort Saurier genügt, die Kinder sind jetzt hoch motiviert. Denn die Bletterbachschlucht bei Aldein im Südtiroler Unterland ist nicht irgendeine Schlucht. Zwar dürfte es kaum mehr als eine hübsche Mutmaßung sein, dass sich der Name von „blättern“ ableite, weil die übereinander liegenden Gesteinsschichten der Abbruchkante an die Seiten eines gigantischen, vielfarbigen Buches erinnern, in dem man ein faszinierendes Kapitel der Erdgeschichte nachlesen kann.

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