Belletristik Schwellkörper, Muttis und das Beste von Karl May

Wenzel Storch ist ein Katholikenschreck und Kuriositätensammler. Seine Prosastücke sind hochkomische Bastelarbeiten – mit Filzstiftzeichnungen und Klebebildchen. Ein Interview.

"Deutschlands bester Regisseur", schrieb die "Titanic". Wenzel Storch, geboren 1961 in Braunschweig.

"Deutschlands bester Regisseur", schrieb die "Titanic". Wenzel Storch, geboren 1961 in Braunschweig.

Wenzel Storch, der Katholikenschreck und Independent-Filmer mit einem gewissen Hang zum Größenwahn, hat gerade die DVD-Fassung seine Acid-Märchens Die Reise ins Glück erscheinen lassen. Jetzt legt er sein "gesamtes schriftstellerisches Werk" nach. Der Bulldozer Gottes (Ventil Verlag) ist ein Konvolut aus Filzstift-Zeichnungen, Endreimgedichten, absurder Kurzprosa und mit allerlei Bildmaterial illustrierten Essays.

ZEIT ONLINE: Herr Storch, Ihr Der Bulldozer Gottes geht entschieden in Richtung Gesamtkunstwerk. Sehen Sie sich so?

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Wenzel Storch: Ich hab’s nicht so mit der Selbstexegese. Bei "Gesamtkunstwerk" zucke ich allerdings zusammen. Dass hier einiges durcheinanderpurzelt, ist natürlich gewollt – ich hab für das Buch eben einfach zusammengefegt, was bei mir so rumlag. Die Leute denken ja immer: Man ist bis ans Ende seines Lebens Filmemacher, bloß weil man drei Filme gemacht hat, aber in die Filmwelt bin ich ja auch nur so hineingerutscht. Ich habe nebenher immer andere Sachen gemacht. Bilder gemalt oder auch mal eine Bastelarbeit, irgendwelche Klebebildchen aus Buntpapier, aus Stoffresten und Klinkertapete, oder mal ein Gedicht. Die Sachen kennt nur keiner, weil ich die bislang nicht vorgezeigt habe.

ZEIT ONLINE: Dass Sie sich in der Popkultur auskennen, bei Petzi, Karl May, im franko-belgischen Abenteuercomic, Teeny-Pop-Zeitschriften, das hat man erwartet. Aber jetzt wird auf einmal Kenntnis der Literaturgeschichte suggeriert. Sind das bloße Google-Girlanden, oder was steckt dahinter?

Storch: Dahinter steckt eigentlich nur, dass ich am Tag 40 oder 50 Seiten lesen muss. In den Achtzigern hab ich mir immer montags den Spiegel gekauft, aber davon wird man ja erst recht schwermütig. Dann hatte ich vor einigen Jahren einen schlimmen Rückfall in Sachen Karl May. Als sich die Rechnungen immer höher stapelten, da lag ich oft stundenlang wie ein Käfer auf dem Rücken. Völlig apathisch. In der Zeit habe ich rund 10.000 Seiten Karl May in mich reingestopft, den kompletten Orient-Zyklus, Old Surehand I bis III und noch ein paar andere dieser eigenartigen Reiseromane. Zum zweiten oder dritten Mal übrigens, die hatte ich ja bereits als Kind verschlungen.

ZEIT ONLINE: Und was kam nach Karl May?

Storch: Ich dachte, das kann so nicht weitergehen! Probier doch mal was ohne Trapper und Beduinen. Dann hab ich mir den Taugenichts von Eichendorff aus der Stadtbücherei geholt und fand den genauso gut wie Old Surehand. Vielleicht sogar noch einen Tick besser. Und eh man sich versieht, entwickelt man seine Vorlieben, das ist bei schöner Literatur nicht viel anders als beim Rauschgift.

ZEIT ONLINE: Woher kommt eigentlich ihre polemische Fixierung auf den Katholizismus?

Storch: Wenn man zwischen Klingelbeutel und Rosenkranz groß wird, und wenn dann vielleicht auch noch der Rohrstock regiert, dann schleppt man das, in welcher Form auch immer, bis ans Lebensende mit sich rum, das ist nun mal so. Aber das muss ja nicht gleich tragisch sein. Ich hab’s mal überschlagen: Bis zur Volljährigkeit muss ich mindestens 50.000 Kreuzzeichen geschlagen haben. Von daher wär’s komisch, wenn sich das nicht in meiner Filmproduktion niedergeschlagen hätte. Im letzten Film, Die Reise ins Glück, kommt Kirche dann gar nicht mehr vor. Kirche war kein wirkliches Thema mehr für mich. Dass der Spuk im Rahmen der Textproduktion dann noch einmal zurückgekehrt ist, hat mich selbst überrascht.

ZEIT ONLINE: Ihr Schreiben hat etwas von einer Bastelarbeit, Ihrem filmischen Werk gar nicht so unähnlich. Wie entstehen diese Text-Bild-Collagen?

Storch: Ich sammele zunächst möglichst viel Material. Das Material liegt nicht unbedingt am Straßenrand. Im Moment bereite ich eine Reise durch die wunderbare Welt des Würzburger Prälaten Berthold Lutz vor, dessen großes Thema das "Geheimnis des Lebens" war. Lutz war der Oswalt Kolle der katholischen Sexuallehre, der wahrscheinlich größte Sexualmystiker, den die Kirche im letzten Jahrhundert hatte. Ein Zauberer im Reich der Blütenkelche und Schwellkörper, ein Meister seines Fachs und vom eigenen Verein völlig vergessen. Der hat unzählige nebulöse Fachbücher für Buben und Mädels geschrieben, mit wunderschönen Titeln wie Peter legt die Latte höher, laut Schutzumschlag ein Buch für Jungen zum Größerwerden. Außerdem war er Schriftleiter der von ihm gegründeten Knabenzeitschrift Unser Guckloch.

ZEIT ONLINE: Und wenn das Material gesichtet ist?

Storch: Wenn die Texte so bizarr sind wie im Falle Lutz, dann läuft es fast automatisch, dann verschmilzt der fremde Quatsch mit dem Unsinn, den man sich irgendwann selber mal notiert hat. Für den Fall liegt hier ein dicker Schnellhefter, da stehen Hunderte von komischen Sätzen drin – lauter zusammenhangloses, zum Teil recht dubioses Zeug, das mir in den letzten 20 Jahren so durch den Kopf geschossen ist. Da schreibe ich auch gute Stellen aus Büchern rein. Zum Beispiel heute morgen den Satz: "Wenn die Liebe zu stark wird, zerreißen die Kleider." Der ist von Karl May. Den spricht die dicke Seiltänzerin in Die Liebe des Ulanen.

ZEIT ONLINE: Das Bildmaterial hat starken Anteil an der komischen Wirkung Ihrer Aufsätze. Führen Sie ein Archiv für solche Kuriositäten?

Storch: Ich hab vor 25 Jahren damit angefangen, Bilder aus Zeitschriften auszuschneiden. Was mich halt so ansprach. Mit der Zeit ist das immer mehr geworden, und irgendwann hab ich die Sachen mal sortiert. Nach so Themen: Tiere, Blumen, Priester, Muttis, Möbel usw. Das sind Hunderte von Bildern, aus Sex- und Modezeitschriften, aus Prospekten und Versandhauskatalogen, aus Pfarrbriefen usw. Na ja, und wenn ein Text fertig ist, dann mach ich mich halt auf die Suche nach den passenden Illustrationen. Oft schwebt mir dann schon was Genaueres vor. Das geht mal mehr, mal weniger schnell. Wenn ich einen Text mit 30 oder 40 Bildern illustriere, dann kann das schon mal dauern. Hin und wieder stolpere ich übrigens in der Titanic, in der Kolumne von Max Goldt, über ein Bild, das ich auch in meiner Sammlung habe. Max Goldt wäre bestimmt ein guter Tauschpartner, was selbst ausgeschnittene Bilder angeht.

Die Fragen stellte Frank Schäfer.

 
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