Belletristik Schwellkörper, Muttis und das Beste von Karl MaySeite 2/2
Storch: Wenn man zwischen Klingelbeutel und Rosenkranz groß wird, und wenn dann vielleicht auch noch der Rohrstock regiert, dann schleppt man das, in welcher Form auch immer, bis ans Lebensende mit sich rum, das ist nun mal so. Aber das muss ja nicht gleich tragisch sein. Ich hab’s mal überschlagen: Bis zur Volljährigkeit muss ich mindestens 50.000 Kreuzzeichen geschlagen haben. Von daher wär’s komisch, wenn sich das nicht in meiner Filmproduktion niedergeschlagen hätte. Im letzten Film, Die Reise ins Glück, kommt Kirche dann gar nicht mehr vor. Kirche war kein wirkliches Thema mehr für mich. Dass der Spuk im Rahmen der Textproduktion dann noch einmal zurückgekehrt ist, hat mich selbst überrascht.
ZEIT ONLINE: Ihr Schreiben hat etwas von einer Bastelarbeit, Ihrem filmischen Werk gar nicht so unähnlich. Wie entstehen diese Text-Bild-Collagen?
Storch: Ich sammele zunächst möglichst viel Material. Das Material liegt nicht unbedingt am Straßenrand. Im Moment bereite ich eine Reise durch die wunderbare Welt des Würzburger Prälaten Berthold Lutz vor, dessen großes Thema das "Geheimnis des Lebens" war. Lutz war der Oswalt Kolle der katholischen Sexuallehre, der wahrscheinlich größte Sexualmystiker, den die Kirche im letzten Jahrhundert hatte. Ein Zauberer im Reich der Blütenkelche und Schwellkörper, ein Meister seines Fachs und vom eigenen Verein völlig vergessen. Der hat unzählige nebulöse Fachbücher für Buben und Mädels geschrieben, mit wunderschönen Titeln wie Peter legt die Latte höher, laut Schutzumschlag ein Buch für Jungen zum Größerwerden. Außerdem war er Schriftleiter der von ihm gegründeten Knabenzeitschrift Unser Guckloch.
ZEIT ONLINE: Und wenn das Material gesichtet ist?
Storch: Wenn die Texte so bizarr sind wie im Falle Lutz, dann läuft es fast automatisch, dann verschmilzt der fremde Quatsch mit dem Unsinn, den man sich irgendwann selber mal notiert hat. Für den Fall liegt hier ein dicker Schnellhefter, da stehen Hunderte von komischen Sätzen drin – lauter zusammenhangloses, zum Teil recht dubioses Zeug, das mir in den letzten 20 Jahren so durch den Kopf geschossen ist. Da schreibe ich auch gute Stellen aus Büchern rein. Zum Beispiel heute morgen den Satz: "Wenn die Liebe zu stark wird, zerreißen die Kleider." Der ist von Karl May. Den spricht die dicke Seiltänzerin in Die Liebe des Ulanen.
ZEIT ONLINE: Das Bildmaterial hat starken Anteil an der komischen Wirkung Ihrer Aufsätze. Führen Sie ein Archiv für solche Kuriositäten?
Storch: Ich hab vor 25 Jahren damit angefangen, Bilder aus Zeitschriften auszuschneiden. Was mich halt so ansprach. Mit der Zeit ist das immer mehr geworden, und irgendwann hab ich die Sachen mal sortiert. Nach so Themen: Tiere, Blumen, Priester, Muttis, Möbel usw. Das sind Hunderte von Bildern, aus Sex- und Modezeitschriften, aus Prospekten und Versandhauskatalogen, aus Pfarrbriefen usw. Na ja, und wenn ein Text fertig ist, dann mach ich mich halt auf die Suche nach den passenden Illustrationen. Oft schwebt mir dann schon was Genaueres vor. Das geht mal mehr, mal weniger schnell. Wenn ich einen Text mit 30 oder 40 Bildern illustriere, dann kann das schon mal dauern. Hin und wieder stolpere ich übrigens in der Titanic, in der Kolumne von Max Goldt, über ein Bild, das ich auch in meiner Sammlung habe. Max Goldt wäre bestimmt ein guter Tauschpartner, was selbst ausgeschnittene Bilder angeht.
Die Fragen stellte Frank Schäfer.
- Datum 20.05.2009 - 12:13 Uhr
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