Werte-Debatte Maßhalten, um zu überleben
Kann eine Gesellschaft, die Wachstum zum Grundsatz hat, Gier und Maßlosigkeit verhindern? Ja - wenn jeder Einzelne mehr Verantwortung dafür übernimmt
Als der Club of Rome 1972 seinen Bericht "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlichte, dominierten linker Terror und Kalter Krieg die Sorgen der Deutschen. Eine Wirtschaftskrise derzeitiger Ausprägung war weit entfernt. Doch der Schweizer Club handverlesener Wissenschaftler thematisierte bereits vor 37 Jahren ein bis heute ungelöstes Problem: Wer darf für sich wie viel aus dem globalen Geld- und Warenfluss entnehmen – und was muss er im Gegenzug selbst einbringen?
Die Politik ist bis heute ratlos. "Welches Wachstum brauchen wir?", stellte die Bundeskanzlerin hilflos die Gegenfrage, nachdem 2008 das Versagen des Kapitalismus' transatlantischer Spielart zutage trat und weltweit der wirtschaftliche Abschwung einsetzte. Andere schwingen die Geißel gegen "raffgierige Manager", wie Finanzminister Steinbrück, weil auch sie keine Lösung haben.
Die Wirtschaftskrise verlangt eine Antwort auf eine Kernfrage unseres Miteinanders: Die nach dem rechten Maß. Am Pranger stehen jene, die sie nicht einmal stellten: Manager wie Ex-Postchef Zumwinkel beispielsweise, der trotz üppiger Vergütung massenhaft Steuern hinterzog. Die Kaste der Finanzmanager hat ein massives Imageproblem, seit ihr von Wetten und Optionen getragenes Rendite-Schlaraffenland Bankrott anmeldete. Mancherorts, wie in Frankreich, reagiert das arbeitende Volk und nimmt die Chefs in Geiselhaft. Studenten organisieren sich zur "Aktion Banküberfall", um der Forderung nach gerechter Verteilung Nachdruck zu verleihen.
Was in der Aufregung übersehen wird: Die Antwort auf die Frage nach dem rechten Maß, der Grenze zu Maßlosigkeit und Gier – sie muss zu allererst von jedem Einzelnen gegeben werden. Wissenschaftler und Politiker können niemandem vorschreiben, wie sie zu lauten habe. Zwar muss der Staat allgemein gültige Regeln finden. Er legt fest, wer wie viele Steuern zu zahlen hat, und er kann auch den Managergehältern Grenzen setzen. Doch wer nicht an die Berechtigung der Regeln glaubt, findet leicht Wege, sie zu umgehen.
Zu Beginn des siebten Jahrzehnts seiner Existenz steckt das neue Deutschland in einem beschwerlichen Selbstfindungsprozess. Seit dem Mauerfall tasten sich die Bürger zu einem neuen, einheitsdeutschen Selbstverständnis vor. Der Untergang der DDR dokumentierte das Versagen der Planwirtschaft – jetzt bedarf auch der rendite- und multiplikationsfixierte Kapitalismus der Reformation.
Doch lässt sich in einer Gesellschaft überhaupt Maß halten, deren Wirtschaftsordnung auf Wachstum fußt, deren Motor die stetige Expansion ist? Wo beginnt schädliche Gier, wenn das "Immer mehr" als Tugend zählt? Bei 15 Prozent Rendite, bei 20 oder erst bei 25?
Die DDR-Sozialisten machten es sich einfach, auf diese Fragen zu antworten: Sie propagierten den Grundsatz, dass Geld verdienen nur durch Arbeit möglich sein sollte. Hinzu kam der Anspruch, Erwirtschaftetes umfassend der Allgemeinheit zuteil werden zu lassen. Das gewinnträchtige Verschieben von Geld oder Wertpapieren zählte nicht zum vorgesehenen Broterwerb. So verwerflich das Regime war und so verlogen seine Führung, so gut war diese soziale Grundidee.
- Datum 25.05.2009 - 16:22 Uhr
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Ich denke ein entscheidender Faktor für zunehmenden Egoismus und Entsolidarisierung der Gesellschaft ist der Verlust der Transparenz. Ein Beispiel: Hirnforscher und Psychologen haben klar gezeigt, dass nicht eigene Gewinnmaximierung, sondern das Verschenken von Geld und Gütern an andere die grösste Zufriedenheit (Nutzen) bringt. Ergo müsste das Bezahlen von Steuern ein gutes Gefühl auslösen: man leistet seinen Beitrag, hilft Schwächeren. Das irrwitzig komplizierte, verbürokratisierte, für den Normalbürger schlichtweg nicht mehr nachvollziehbare Steuersystem sorgt jedoch dafür, dass eine Steuervermeidungsgesellschaft entstanden ist, bis hin zur Kriminalität. In ähnlicher Form gilt dies für die Gesetzgebung ausserhalb des Steuerrechts (z.B. EU-Recht), das Gesundheitswesen, die Altersvorsorge, etc. Um Stimmen von allen möglichen Interessengruppen zu sichern (die Politik sprcht länst nicht mehr von Bürgern, sondern von Stimmpotentialen), und durch den Selbsterhaltungstrieb der Bürokratie, sind gigantisch teure Subsysteme entstanden, deren solidarische Grundintention deswegen vorlorengegangen ist, weil wir Bürger sie einfach nicht mehr verstehen können. Deswegen ist ein notwendiger Schritt die Solidargemeinschaft und auch die Märkte zu reaktivieren, die Schaffung von mehr Transparenz und einfacheren, nachvollziehbaren und somit gerechteren Systemen.
Das von Ihnen beschriebene Paradox sehe ich ähnlich, allerdings spielt meiner Ansicht nach nicht nur das komplizierte Steuersystem eine Rolle, welches ich durchaus mitverantwortlich sehe, als ein ebenso komplexes System der Staatsausgaben, d.h. man weiss nicht, wer wie viel Beitrag bezahlt, sondern ebenso wenig, was mit dem Geld gemacht wird und wer es ggf. bekommt. Die empfundene Zufriedenheit beim "Verschenken von Gütern" hängt sicher davon ab, ob man deren Empfänger kennt, und ob der Empfänger z.B. des Transfers würdig ist, oder sich auf Kosten anderer einen faulen Lenz macht (oder: ob von dem Geld für einen Politiker die neue S-Klasse angeschafft wird, weil die alte schon ein Jahr alt ist, oder Schulbücher gekauft werden). Aber die Intransparenz bei Steuersystem und Ausgabenregime hat womöglich Methode ...
Hallo Mmirwald, das Verschenken an eine Person oder eine Wohltat zugunsten einer konkreten Initiative löst Zufriedenheit aus. Das Steuern Zahlen hat nicht dieselbe Wirkung, weil dies einer anonymen Masse zugute kommt, meine ich. Insgesamt aber Zustimmung! Tilman Steffen ZEIT ONLINE
Das von Ihnen beschriebene Paradox sehe ich ähnlich, allerdings spielt meiner Ansicht nach nicht nur das komplizierte Steuersystem eine Rolle, welches ich durchaus mitverantwortlich sehe, als ein ebenso komplexes System der Staatsausgaben, d.h. man weiss nicht, wer wie viel Beitrag bezahlt, sondern ebenso wenig, was mit dem Geld gemacht wird und wer es ggf. bekommt. Die empfundene Zufriedenheit beim "Verschenken von Gütern" hängt sicher davon ab, ob man deren Empfänger kennt, und ob der Empfänger z.B. des Transfers würdig ist, oder sich auf Kosten anderer einen faulen Lenz macht (oder: ob von dem Geld für einen Politiker die neue S-Klasse angeschafft wird, weil die alte schon ein Jahr alt ist, oder Schulbücher gekauft werden). Aber die Intransparenz bei Steuersystem und Ausgabenregime hat womöglich Methode ...
Hallo Mmirwald, das Verschenken an eine Person oder eine Wohltat zugunsten einer konkreten Initiative löst Zufriedenheit aus. Das Steuern Zahlen hat nicht dieselbe Wirkung, weil dies einer anonymen Masse zugute kommt, meine ich. Insgesamt aber Zustimmung! Tilman Steffen ZEIT ONLINE
Der Kapitalismus an sich braucht kein Wachtum, der Warentauschhandel mit Produktionsmitteln in Privatbesitz kann theoretisch ewig auf demselben Level stattfinden (Fussnote 1), so wie es deutsche Arbeiter seit 30 Jahren erleben müssen, deren Portemonnai hat inflationsbereinigt auch kein Wachstum. Nur der Wohlstand steigt halt in der Zeit nicht an.
Wachstum ist aber, neben dem Wunsch nach mehr Wohlstand, aus einem Grund unbedingt notwendig: Wenn Schulden auf die Zukunft gemacht werden. Denn wenn jemand (vor allem der Staat, in den USA auch der Häuselebauer) heute nicht 100%, sondern 105% erwirtschaften lassen will, dann muss er die Schuld eines Tages zurückzahlen, und wenn die Leute dann bereits mit ihren 100% der Leistung bis an die Grenzen belastet sind mit Arbeit, kann es die 5% extra eben nicht aufbringen. Es bringt die nur auf, wenn bis dorthin ein Wachstum der produktiven Leistungsfähigkeit stattfand.
Also: Der Kapitalismus braucht kein Wachstum, aber die Zinswirtschaft. Und weil der Staat (seine Arbeiter) seine Schulden noch nie zurückzahlen konnte (Nettiokreditaufnahme immer über 0) wird die Schuld auf die Zukunft im Endeffekt mit der Vernichtung von Sparguthaben bezahlt, mit Inflation. Wir erleben heute nicht einen Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern einen Zusammenbruch der Schuldenwirtschaft, ausgelöst zuerst natürlich durch Schulden, dann durch immense Geldmengenausweitung der USA unter Bush (Verdopplung der Geldmenge - de facto 50% Inflation in 8 Jahren), und nun durch Vernichtung von angeblichen Guthaben (ob Sparguthaben, Aktienkurse, oder Hauspreise).
Leider wird nicht daraus gelernt. Wir fahren nach wie vor eine Schuldenpolitik, laden also nach wie vor zu viel nicht schaffbare Arbeit auf die Schultern unserer Produktiven und unserer Kinder. Ein Herr Ackermann gehört nicht zu den Produktiven, sondern zu den Sklaventreibern und damit zu den Geld(wert)vernichtern. Er müsste 10 Mio zahlen statt zu bekommen. Denn wenn in einer wirklichen Marktwirtschaft irgendein Business eine substantielle Rendite von mehr als 3% einbringen würde, dann würde sofort Konkurrenz entstehen, die den Job billiger macht. Aber die deutsche Wirtschaft ist keine Marktwirtschaft, die Banken sind hoch reguliert und protektioniert (siehe heute die Staatsbürgschaften udn Finanzspritzen). Wer 25% Rendite macht, nimmt (durch Rechentricks und anderes übers-Ohr-hauen) anderen die Rendite weg. Er ist ein Feind der Gesellschaft.
Fussnote 1: Erschöpfte Resourcen können ewig gleicher Produktion ein Ende setzen, aber zur Stabilisierung der Theorie reicht es aus, dann eben mit Intelligenz auf andere Resourcen auszuweichen.
Fussnote 2: 3% sind in der Kalkulation, weil die EZB (theoretisch, d.h. noch bis letztes Jahr) unter Geldwertstabilität 3% Inflation versteht. Man benutzt das politisch als Sklaventreiberfunktion: Nur wer pro Jahr seine Leistung um 3% steigern kann, kann seinen Level halten. Mit 3% ist also noch kein Wachstum erreicht, sondern eine Nullrunde. Da ein tag auch nicht länger wird, kann man Wachstum nicht durch mehr Arbeit erreichen, sondern nur durch effektivere Arbeit. Leider leiden wir schon seit vielen Jahren an Effektivitätsproblemen durch unsere Damager, die lieber Fertigung in Niedroglohnländer verlagern, als die intelligenter zu strukturieren.
Ich, ja tatsächlich ich beginne mal bei mir ;-)
Aufgewachsen ohne Mängel, kein Hunger, gute Schulbildung und Infrastruktur, saubere Umwelt, ein Fahrrad und öffentliches Freibad standen ebenso zu verfügung wie öffentlicher Transport... so ungefähr meine Eindrücke. Mangelerscheindungen... eigentlich keine. Wünsche... ein paar. Die aber vergingen oft so schnell wie sie gekommen waren...
Bereits als Jugendlicher hatte ich in etwa so eine Einstellung, das wenn ich genug zum Leben habe, das ich dann eigentlich nicht noch mehr haben möchte. Weiterer Konsum erschien und erscheint unsinnig und tatsächlich.... Es befriedigt überhaupt nicht.
Doch was kam mir des Weges? Die Leistungsgesellschaft in der Tageträumer und sogenannte Faulenzer als Unrat deklariert worden sind und es bis heute werden. Eingebunden in einen Leistungsgesellschaft die so manchen zwingt zu arbeiten bis zum sprichwörtlichen umfallen...
Dabei währe ich ja zufrieden mit einem ordentlichen Lohn bei dem man nicht jeden Cent umdrehen muss um einige Grundbedürfnisse erfüllen zu können. Gute Wohnung und/oder Wohngegend, gesunde Lebensmittel, Mitspracherecht im Unternehmen, ehrliche Demokratiemöglichkeiten, verantwortungsvolle Arbeit, Teilzeitmöglichkeiten...
usw.
Aber immer mehr Geld und Konsumorgasmen? Nein, das brauche ich nicht wirklich um mir gegenüber glücklich sein zu können...
Dann aber, ich würde mich nicht als Arm bezeichnen. Eher das was allgemein als obere Mitteklasse definiert wird....
Wie geht es nun den anderen, meinen Mitmenschen?
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Naja - ihr Wunsch nach einer gute Wohnung/Wohngegend ist ja bereits einer, der sich mit einem heutigen Durchschnittseinkommen nicht mehr ueberall so leicht realisieren laesst.
Eine Familie mit 2-3 Kindern muss in Koeln, Frankfurt, Muenchen, Freiburg, Stuttgart und vielen anderen Staedten zwischen 1500 und 1800 Euro fuer eine geraeumige Mietwohung hinblaettern. Das heisst, man ist auf jeden Fall auf 2 Einkommen angewiesen - wodurch man dann wieder zusaetzliche Kinderbetreuung "kaufen" muss.
Gehen wir doch einmal von der im Artikel benannten Durchschnittsfamilie aus, die 3200 netto verdient und siedeln wir sie in Freiburg an.
Dann ergeben sich neben 1500 Euro Mietkosten und ca. 800 Euro fuer Kinderbetreuung ein Restbetrag von "gerade einmal" 900 Euro fuer den Rest. Strom, Telefon, Wasser, Haushaltsartikel, Nahrung.
D.H. hat man erst einmal das Ziel, nicht beengt zu wohnen und ist man durch seinen Arbeitsplatz an die Stadt gebunden, muss man bereits weit ueberdurchschnittlich verdienen um jenseits der fuer Kinder und Wohnung entstandenen Aufwendungen nicht mit einem Hartz IV Budget rechnen zu muessen.
So bescheiden, wie Sie sich darstellen sind Sie also nicht. Durch die kalte Steuerprogression zaehlen heute viele Familien bereits als Gutverdiener, die es - kaufkraftbereinigt - vor 20 Jahren nicht waren.
ICh wuchs in den spaeten 70ern und 80ern auf, als sich eine durchschnittliche Familie mit 3 Kindern und einem Arbeitseinkommen ein Haus mit Garten, ein Mittelklasseauto, einen Jahresurlaub und diverse Kuechengeraete leisten konnte, ohne allzusehr ins Straucheln zu geraten. Diese Normalitaet ist heute nicht mehr gegeben, wird aber, weil viele eben so auswuchsen, als eine Art virtuelle Realitaet weiterhin postuliert (weshalb sich so viele Haushalte verschulden).
Sie haben das Gefuehl, eigentlich bescheiden zu sein und nicht mehr zu wollen als "den in Deutschland geltenden Standard" - und realisieren nicht, dass dieser durch ihr Nettogehalt eigentlich nicht mehr gedeckt ist/ bzw. sich in ueberschaubarer Zeit abzahlen liesse.
Naja - ihr Wunsch nach einer gute Wohnung/Wohngegend ist ja bereits einer, der sich mit einem heutigen Durchschnittseinkommen nicht mehr ueberall so leicht realisieren laesst.
Eine Familie mit 2-3 Kindern muss in Koeln, Frankfurt, Muenchen, Freiburg, Stuttgart und vielen anderen Staedten zwischen 1500 und 1800 Euro fuer eine geraeumige Mietwohung hinblaettern. Das heisst, man ist auf jeden Fall auf 2 Einkommen angewiesen - wodurch man dann wieder zusaetzliche Kinderbetreuung "kaufen" muss.
Gehen wir doch einmal von der im Artikel benannten Durchschnittsfamilie aus, die 3200 netto verdient und siedeln wir sie in Freiburg an.
Dann ergeben sich neben 1500 Euro Mietkosten und ca. 800 Euro fuer Kinderbetreuung ein Restbetrag von "gerade einmal" 900 Euro fuer den Rest. Strom, Telefon, Wasser, Haushaltsartikel, Nahrung.
D.H. hat man erst einmal das Ziel, nicht beengt zu wohnen und ist man durch seinen Arbeitsplatz an die Stadt gebunden, muss man bereits weit ueberdurchschnittlich verdienen um jenseits der fuer Kinder und Wohnung entstandenen Aufwendungen nicht mit einem Hartz IV Budget rechnen zu muessen.
So bescheiden, wie Sie sich darstellen sind Sie also nicht. Durch die kalte Steuerprogression zaehlen heute viele Familien bereits als Gutverdiener, die es - kaufkraftbereinigt - vor 20 Jahren nicht waren.
ICh wuchs in den spaeten 70ern und 80ern auf, als sich eine durchschnittliche Familie mit 3 Kindern und einem Arbeitseinkommen ein Haus mit Garten, ein Mittelklasseauto, einen Jahresurlaub und diverse Kuechengeraete leisten konnte, ohne allzusehr ins Straucheln zu geraten. Diese Normalitaet ist heute nicht mehr gegeben, wird aber, weil viele eben so auswuchsen, als eine Art virtuelle Realitaet weiterhin postuliert (weshalb sich so viele Haushalte verschulden).
Sie haben das Gefuehl, eigentlich bescheiden zu sein und nicht mehr zu wollen als "den in Deutschland geltenden Standard" - und realisieren nicht, dass dieser durch ihr Nettogehalt eigentlich nicht mehr gedeckt ist/ bzw. sich in ueberschaubarer Zeit abzahlen liesse.
Die gegenwärtige Krise hat ihre Ursache zuallerletzt im Verhalten der Durchschnitts- und Geringverdiener. Auch wenn uns das sozialdarwinistisch orientierte Figuren wie unser Bundespräsident ("wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt") mit großzügiger Unterstützung der Medien (auch dieser Zeitung!) gebetsmühlenartig einsoufflieren wollen.
Die Schuldigen sitzen in den Bundesregierungen, welche die entsprechenden Gesetze entgegen Ihrem Auftrag erbärmlicherweise von der sogenannten "Finanzindustrie" schreiben ließen. Erst dadurch konnte das Kettenbriefsystem Kapitalismus erst so gewaltig an Fahrt aufnehmen.
Das von Ihnen beschriebene Paradox sehe ich ähnlich, allerdings spielt meiner Ansicht nach nicht nur das komplizierte Steuersystem eine Rolle, welches ich durchaus mitverantwortlich sehe, als ein ebenso komplexes System der Staatsausgaben, d.h. man weiss nicht, wer wie viel Beitrag bezahlt, sondern ebenso wenig, was mit dem Geld gemacht wird und wer es ggf. bekommt. Die empfundene Zufriedenheit beim "Verschenken von Gütern" hängt sicher davon ab, ob man deren Empfänger kennt, und ob der Empfänger z.B. des Transfers würdig ist, oder sich auf Kosten anderer einen faulen Lenz macht (oder: ob von dem Geld für einen Politiker die neue S-Klasse angeschafft wird, weil die alte schon ein Jahr alt ist, oder Schulbücher gekauft werden). Aber die Intransparenz bei Steuersystem und Ausgabenregime hat womöglich Methode ...
... ist kaum geeignet, um diese Problematik zu lösen. Es geht beim kategorischen Imperativ nicht um Folgenabschätzung (könnte das, was ich tun möchte, für andere schädlich sein?) und auch nicht um die "goldene Regel" oder das "Was-Du-nicht-willst-das-man-Dir-tu ...". Kant geht es allein darum, ob die Maxime meines (ins Auge gefassten) Handelns als allgemeines Gesetz denkbar wäre oder nicht. Möglichst mit über 200 Sachen über die Autobahn zu brettern muss man für keine besonders sinnvolle Maxime halten, es spricht jedoch prinzipiell nichts dagegen, sie als allgemeines Gesetz (und damit als zulässig) zu denken. Der Kategorische Imperativ liefert prinzipiell keine Soll-Vorschriften in Bezug auf ein gutes Leben. Die Philosophie ist - nach Kant - dazu auch gar nicht in der Lage. Daher ist der Rekurs auf Kant an dieser Stelle m.E. auch nicht besonders erhellend (in diesem konkreten Fall ist er sogar falsch und irreführend, allerdings wird der kat. Imp. meistens falsch verstanden).
Auf die Finanzkrise anwenden ließe sich der kat. Imp. dagegen ohne weiteres. Im Rahmen einer wirtschaftlichen Tätigkeit Investitionen zu tätigen, deren Risiko zum einen völlig unüberschaubar ist und zum anderen systematisch auf andere Marktteilnehmer (und letztlich die Allgemeinheit) abgewälzt wird, während vorher angefallene Gewinne privat abgeschöpft werden, kann unmöglich als Maxime gedacht werden, die sich konsistent zum allgemeinen Gesetz erweitern ließe. Man landet hier zwangsläufig in groben Widersprüchen - und eben diese Widersprüche liegen m.E. auch der aktuellen Krise zugrunde. Ob man diese Widersprüche jetzt als individuellles Fehlverhalten sehen oder einem widersprüchlichen Finanzsystem anlasten möchte, sei einmal dahingestellt.
Wieviel Wachstum wir wollen, welchen Stellenwert materieller Besitz und das Streben danach in unserem Leben sinnvollerweise haben sollte - zu diesen Fragen hat bereits die Antike Philosophie bis heute diskusssionswürdige Antworten gegeben. Um so mehr überrascht es, dass, trotz Krise, wieder einmal von Philosophen vergleichsweise wenig zu hören ist.
Naja - ihr Wunsch nach einer gute Wohnung/Wohngegend ist ja bereits einer, der sich mit einem heutigen Durchschnittseinkommen nicht mehr ueberall so leicht realisieren laesst.
Eine Familie mit 2-3 Kindern muss in Koeln, Frankfurt, Muenchen, Freiburg, Stuttgart und vielen anderen Staedten zwischen 1500 und 1800 Euro fuer eine geraeumige Mietwohung hinblaettern. Das heisst, man ist auf jeden Fall auf 2 Einkommen angewiesen - wodurch man dann wieder zusaetzliche Kinderbetreuung "kaufen" muss.
Gehen wir doch einmal von der im Artikel benannten Durchschnittsfamilie aus, die 3200 netto verdient und siedeln wir sie in Freiburg an.
Dann ergeben sich neben 1500 Euro Mietkosten und ca. 800 Euro fuer Kinderbetreuung ein Restbetrag von "gerade einmal" 900 Euro fuer den Rest. Strom, Telefon, Wasser, Haushaltsartikel, Nahrung.
D.H. hat man erst einmal das Ziel, nicht beengt zu wohnen und ist man durch seinen Arbeitsplatz an die Stadt gebunden, muss man bereits weit ueberdurchschnittlich verdienen um jenseits der fuer Kinder und Wohnung entstandenen Aufwendungen nicht mit einem Hartz IV Budget rechnen zu muessen.
So bescheiden, wie Sie sich darstellen sind Sie also nicht. Durch die kalte Steuerprogression zaehlen heute viele Familien bereits als Gutverdiener, die es - kaufkraftbereinigt - vor 20 Jahren nicht waren.
ICh wuchs in den spaeten 70ern und 80ern auf, als sich eine durchschnittliche Familie mit 3 Kindern und einem Arbeitseinkommen ein Haus mit Garten, ein Mittelklasseauto, einen Jahresurlaub und diverse Kuechengeraete leisten konnte, ohne allzusehr ins Straucheln zu geraten. Diese Normalitaet ist heute nicht mehr gegeben, wird aber, weil viele eben so auswuchsen, als eine Art virtuelle Realitaet weiterhin postuliert (weshalb sich so viele Haushalte verschulden).
Sie haben das Gefuehl, eigentlich bescheiden zu sein und nicht mehr zu wollen als "den in Deutschland geltenden Standard" - und realisieren nicht, dass dieser durch ihr Nettogehalt eigentlich nicht mehr gedeckt ist/ bzw. sich in ueberschaubarer Zeit abzahlen liesse.
Ich bin da völlig bei Ihnen. Aufgewachsen in derselben Zeit wie Sie, zeigt ein Blick in meine eigene Familie das "Drama" unserer Generation. Onkel ist ohne akademische Qualifikation in Führungsposition aufgestiegen, dann mit Mitte fünfzig wegen eines leichten Unfalls zu fantastischen Bedingungen frühverrentet worden und wohnt seitdem mit seiner ebenfalls vorzeitig verrenteten Frau, drei Autos, zwei Hektar Land und diversen Hobbys im längst abbezahlten Eigenheim. Das Schlimme: Mir kommt der Onkel nicht mal reich vor. Er lebt halt so, wie solche Leute oftmals leben. Er ist ja auch nett. Trotzdem weiß ich selbst, dass ich einen solchen Standard auch mit sehr guter Qualifikation und trotz sehr gutem Berufseinstieg wohl niemals erreichen werde.
Ja OK, ich wollte ja auch nicht so sehr in's Detail gehen... nur zu meiner Wohnung, ich hab da Glück gehabt. Zugegeben die ist ziemlich günstig... das liegt aber einfach daran das die Besitzerin nicht so gierig wie andere ist. Keine Mieterhöhung in mehr als 10 Jahren...
Eine Ursache die ich heute, je nach Industrie, erkennen kann ist tatsächlich das durch das auflösen der Flächentarifverträge, der sich teils daraus ergebenden Lohndrückerei und vielen anderen kleinen Aenderungen wie Steuergesetze die sich gewaltig summieren, eben solch ein Bild des Verarmten Deutschen (oder auch Schweizers) ergibt...
Die Realität sind nun, nach + 20 Jahren verfehlter Politik, immer grösser werdende Anteile der Bevölkerung die jeden Cent mehrmals umdrehen bevor dieser ausgegeben wird. Dies, obwohl konstant damit gepralt wird wie reich und fortschrittlich wir doch sind... angeblich.
Speziell in Deutschland fehlt es tatsächlich am Willen überhaupt einen starken Binnemarkt haben zu wollen. Dabei spielen die Löhne für den Titel Exportweltmeister gar keine so grosse Rolle wie von der Industrie immer vorgegeben wird. Gerade etwa die Wechselkursänderungen des Euro zu anderen Währungen sind weitaus höher als alle Inflationsangepassten Lohnerhöhungen der letzen 10 Jahre... sofern diese überhaupt gegeben wurden.
Da liegt also durchaus noch Potenzial zur Umverteilung wenn nur die Unternehmen nicht die dumme Angewohnheit hätten primär den Aktionären zu dienen. Das war früher nämlich nicht der Fall...
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Ich bin da völlig bei Ihnen. Aufgewachsen in derselben Zeit wie Sie, zeigt ein Blick in meine eigene Familie das "Drama" unserer Generation. Onkel ist ohne akademische Qualifikation in Führungsposition aufgestiegen, dann mit Mitte fünfzig wegen eines leichten Unfalls zu fantastischen Bedingungen frühverrentet worden und wohnt seitdem mit seiner ebenfalls vorzeitig verrenteten Frau, drei Autos, zwei Hektar Land und diversen Hobbys im längst abbezahlten Eigenheim. Das Schlimme: Mir kommt der Onkel nicht mal reich vor. Er lebt halt so, wie solche Leute oftmals leben. Er ist ja auch nett. Trotzdem weiß ich selbst, dass ich einen solchen Standard auch mit sehr guter Qualifikation und trotz sehr gutem Berufseinstieg wohl niemals erreichen werde.
Ja OK, ich wollte ja auch nicht so sehr in's Detail gehen... nur zu meiner Wohnung, ich hab da Glück gehabt. Zugegeben die ist ziemlich günstig... das liegt aber einfach daran das die Besitzerin nicht so gierig wie andere ist. Keine Mieterhöhung in mehr als 10 Jahren...
Eine Ursache die ich heute, je nach Industrie, erkennen kann ist tatsächlich das durch das auflösen der Flächentarifverträge, der sich teils daraus ergebenden Lohndrückerei und vielen anderen kleinen Aenderungen wie Steuergesetze die sich gewaltig summieren, eben solch ein Bild des Verarmten Deutschen (oder auch Schweizers) ergibt...
Die Realität sind nun, nach + 20 Jahren verfehlter Politik, immer grösser werdende Anteile der Bevölkerung die jeden Cent mehrmals umdrehen bevor dieser ausgegeben wird. Dies, obwohl konstant damit gepralt wird wie reich und fortschrittlich wir doch sind... angeblich.
Speziell in Deutschland fehlt es tatsächlich am Willen überhaupt einen starken Binnemarkt haben zu wollen. Dabei spielen die Löhne für den Titel Exportweltmeister gar keine so grosse Rolle wie von der Industrie immer vorgegeben wird. Gerade etwa die Wechselkursänderungen des Euro zu anderen Währungen sind weitaus höher als alle Inflationsangepassten Lohnerhöhungen der letzen 10 Jahre... sofern diese überhaupt gegeben wurden.
Da liegt also durchaus noch Potenzial zur Umverteilung wenn nur die Unternehmen nicht die dumme Angewohnheit hätten primär den Aktionären zu dienen. Das war früher nämlich nicht der Fall...
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Ich bin da völlig bei Ihnen. Aufgewachsen in derselben Zeit wie Sie, zeigt ein Blick in meine eigene Familie das "Drama" unserer Generation. Onkel ist ohne akademische Qualifikation in Führungsposition aufgestiegen, dann mit Mitte fünfzig wegen eines leichten Unfalls zu fantastischen Bedingungen frühverrentet worden und wohnt seitdem mit seiner ebenfalls vorzeitig verrenteten Frau, drei Autos, zwei Hektar Land und diversen Hobbys im längst abbezahlten Eigenheim. Das Schlimme: Mir kommt der Onkel nicht mal reich vor. Er lebt halt so, wie solche Leute oftmals leben. Er ist ja auch nett. Trotzdem weiß ich selbst, dass ich einen solchen Standard auch mit sehr guter Qualifikation und trotz sehr gutem Berufseinstieg wohl niemals erreichen werde.
Wirtschaftlich gesehen ist unsere Elterngeneration eine Anomalie der Geschichte - ins Wirtschaftswachstum hineingeboren, wegen der dezimierten Bevoelkerungszahl nach dem Krieg hatten sie praktisch freie Auswahl auf dem Arbeitsmarkt und benoetigten dazu nicht einmal besondere Eingangsqualifikationen. Nun profitieren sie auch noch von guten Renten.
Ist ihnen ja auch zu goennen und wir hatten dadurch ja auch eine zumindest materiell recht sorgenfreie Kindheit.
Nur: es ist eben nicht "der Normalzustand" - und das "downshiften" waere ein wenig einfacher, wenn unsere lieben Eltern und Verwandten dieser Generation ein wenig aufmerksamer fuer "unsere" Lebensrealitaeten waeren.
Um nochmal zu Ihrer urspruenglichen Frage zurueckzukommen: Mir faellt es nicht schwer, auf Schnickschnack zu verzichten, ich muss auch kein Haus haben und komme auch schon viele Jahre ohne eigenes Auto aus.
Was ich mir aber trotz "eigentlich" recht guten Einkommens nicht mehr leisten kann sind Freizeitausgaben (Kino, Konzertkarten, "Essen gehen") - und das schmerzt mich, weil ich immer noch nicht recht verstehen kann, wieso ich all das als Jugendliche und Studentin locker kaufen konnte - und es mir heute kaum noch moeglich ist, wo ich doch mein Geld nun selbst verwalten kann.
Vieles ist ja in den letzten Jahrzehnten auch billiger geworden (Reisen, Computer...) - mir scheint jedoch, dass noch nie soviel Einkommen wie heute in Steuern, Abgaben, Krankenversicherung und anderen "unvermeidbaren" Ausgaben wie Miete, Strom, Wasser, Abwasser, Muellgebuehren, Kita etc. gebunden war.
Das "wirklich" frei verfuegbare Geld, von dem es in den 80ern noch reichlich gab, habe ich seit ich es bewusst wahrnehme immer nur schrumpfen sehen.
Wirtschaftlich gesehen ist unsere Elterngeneration eine Anomalie der Geschichte - ins Wirtschaftswachstum hineingeboren, wegen der dezimierten Bevoelkerungszahl nach dem Krieg hatten sie praktisch freie Auswahl auf dem Arbeitsmarkt und benoetigten dazu nicht einmal besondere Eingangsqualifikationen. Nun profitieren sie auch noch von guten Renten.
Ist ihnen ja auch zu goennen und wir hatten dadurch ja auch eine zumindest materiell recht sorgenfreie Kindheit.
Nur: es ist eben nicht "der Normalzustand" - und das "downshiften" waere ein wenig einfacher, wenn unsere lieben Eltern und Verwandten dieser Generation ein wenig aufmerksamer fuer "unsere" Lebensrealitaeten waeren.
Um nochmal zu Ihrer urspruenglichen Frage zurueckzukommen: Mir faellt es nicht schwer, auf Schnickschnack zu verzichten, ich muss auch kein Haus haben und komme auch schon viele Jahre ohne eigenes Auto aus.
Was ich mir aber trotz "eigentlich" recht guten Einkommens nicht mehr leisten kann sind Freizeitausgaben (Kino, Konzertkarten, "Essen gehen") - und das schmerzt mich, weil ich immer noch nicht recht verstehen kann, wieso ich all das als Jugendliche und Studentin locker kaufen konnte - und es mir heute kaum noch moeglich ist, wo ich doch mein Geld nun selbst verwalten kann.
Vieles ist ja in den letzten Jahrzehnten auch billiger geworden (Reisen, Computer...) - mir scheint jedoch, dass noch nie soviel Einkommen wie heute in Steuern, Abgaben, Krankenversicherung und anderen "unvermeidbaren" Ausgaben wie Miete, Strom, Wasser, Abwasser, Muellgebuehren, Kita etc. gebunden war.
Das "wirklich" frei verfuegbare Geld, von dem es in den 80ern noch reichlich gab, habe ich seit ich es bewusst wahrnehme immer nur schrumpfen sehen.
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