Die Bundesliga-Saison Magath, Klinsmann und viel Theater
Diese Fußball-Saison war offensiv, intensiv, unterhaltsam und überraschend wie nie. Dafür sorgten Hoffenheim, Bayern und der neue Meister Wolfsburg. Ein Kommentar

© Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images
Gruppenbild mit Schale
Zum Schluss ein 5:1: Das kraftvolle und dynamische 54-Tore-Stürmerduo Grafite und Edin Dzeko zerzauste die Bremer genauso wie es fast alle anderen Abwehrreihen der Liga zuvor zerzauste. Nicht nur die beste, auch die offensivste und schnellste Mannschaft der Bundesliga, eine besondere "Erfindung" Felix Magaths, hat die Meisterschaft gewonnen. Doch, Moment mal: Wer hätte das eigentlich gedacht?
Vor der Saison wären den Experten mindestens acht Vereine eingefallen, auf die sie eher gewettet hätten als auf den VfL. Vor der Saison war für viele selbst ein Abstieg der Wolfsburger wahrscheinlicher als der Titelgewinn. Die Bayern oder vielleicht sogar die Bremer galten als die nächsten Titelträger. Kurz: Vor der Saison war alles anders. Doch in dieser zurückliegenden Saison hat sich alles geändert.
Dass am 34. Spieltag zwei Vereine, Bayern und Stuttgart, gegeneinander um den Titel spielten, die während der Saison den Trainer entlassen hatten, ist bezeichnend für das Auf und Ab der Spielzeit 2008/09. Die Münchner haben eine aufwühlende Zeit zwischen Reform und Restauration hinter sich, auf der Suche nach einer neuen Identität sind sie keinen Schritt weiter gekommen. In Stuttgart führte der Noch-nicht-Trainer Markus Babbel einen Tabellenelften innerhalb eines halben Jahres bis in die Champions-League-Qualifikation.
Auch andere Vereine setzten Akzente, viel mehr als in den Jahren zuvor. Der Aufsteiger aus Hoffenheim kombinierte sich zum Herbstmeister und zum rhetorischen Feind der Münchner. In der Hinrunde schien er den deutschen Fußball zu revolutionieren. Nach der Winterpause verspielte er teils selbstverschuldet, teils durch unglückliche Fügung alles Erreichte.
Da war Hertha, eine unspektakuläre Elf, die bis zum 33. Spieltag um Platz eins mitkämpfte, und die Deutschlands Hauptstadt erstmals seit mindestens zwanzig Jahrhunderten wieder mit einem Gefühl von Fußball, Freude und Erfolg beglückte. Die Berliner spielten clever, weil sie einen Trainer gefunden haben, Lucien Favre, dem man seine Klugheit in jedem seiner bescheidenen Interviews anmerkt.
Und dieser HSV! Die Hamburger lagen bis einen Monat vor Saisonende im Jahr Eins nach Rafael van der Vaart mit einem kleinen Kader in allen drei Wettbewerben sehr gut im Rennen, um sich dann von den Bremern jede Hoffnung rauben zu lassen. Aber in der allerletzten Spielminute ließ sie der Fußballgott doch nicht alleine: Piotr Trochowskis Siegtor sicherte in Frankfurt wenigstens die Europa League.
Auch Leverkusen schaffte es zwischendurch, mit feinem Kombinationsfußball zu begeistern und die Tabelle anzuführen. Und Borussia Dortmund, der Klub mit den wenigsten Niederlagen, deutete mit einer tollen Serie an, dass Jürgen Klopp mehr kann als Auf- und Abstiegskampf in Mainz.
Am Ende gingen die Wolfsburger schon vor dem letzten Spieltag als Tabellenführer und Favorit in die finalen 90 Minuten – und entsprachen ihrer Rolle gewohnt entschlossen. Triumphator ist der Alleinherrscher Felix Magath, der seinen kulturellen Widerpart Jürgen Klinsmann ausstach. Magath sicherte sich seine ganz persönliche Genugtuung: Den Weltklub FC Bayern, wo er vor zwei Jahren als Meistertrainer entlassen worden war, überholte er mit dem VfL Wolfsburg, einem Provinzverein. Beim 5:1-Erfolg düpierte nicht nur Grafite die Bayern mit seinem Hackentor, sondern auch Magath mit einem Torwartwechsel in der Schlussphase.
Mit seinem frühzeitigen Wechsel nach Schalke riskierte Magath den Titelgewinn, weil er Fans, Verein und Spieler enttäuschte. Doch er scheint den Konflikt gut moderiert zu haben. Stratege, Schleifer und Führungsmann in einem, der im Zenit seines Schaffens steht. Dass er einen Vierjahresvertrag mit Vorstandsposten in Schalke antreten wird, ist einmaliger Ausdruck der Wertschätzung, die ihm hierzulande zuteil wird. Diesem Trainer ist nur noch zu wünschen, dass sich ein ausländischer Verein bei ihm meldet. Es wäre eine Aufwertung der als zweitklassig geltenden deutschen Trainergilde.
Doch: Trotz dieses verrückten Fußballjahres und der einmaligen Unterhaltung – die Bundesliga ist erst auf halbem Weg, den Rückstand gegenüber den führenden Fußballnationen Europas aufzuholen. Es gab gute Zeichen, etwa das Hinrundenduell zwischen Bayern und Hoffenheim, das wohl beste, weil intensivste Bundesligaspiel aller Zeiten. Oder die Finalteilnahme Werder Bremens im Uefa-Pokal, die erste eines Bundesliga-Klubs seit 2002; den Halbfinalgegner Hamburg nicht zu vergessen. Doch dem stehen die enttäuschenden, bisweilen armseligen, Europapokalniederlagen Bayerns in Barcelona, Wolfsburgs gegen Paris und Bremens gegen Donezk gegenüber. Jürgen Klinsmann, der Mann, der für das vielleicht größte Theater in dieser Spielzeit gesorgt hat, würde es wahrscheinlich so ausdrücken: Da steht dem deutschen Fußball noch ein "Lernprozess" bevor.
Was bleibt noch zu hoffen? Dass mit Jürgen Klinsmann nicht auch seine Verbesserungsvorschläge und Ideen aus der Liga verschwunden sind. Und dass die Bundesliga und der DFB nicht weiterhin das Geld oder die Politik dafür verantwortlich machen, dass englische, spanische und inzwischen auch manche osteuropäische Mannschaften schneller, genauer, besser spielen als deutsche. Der Fußball der Bundesliga ist gut. Und vor allem sind die Vereine der Bundesliga gut aufgestellt. Trotz oder gerade weil die 50+1-Regel in Deutschland nicht abgeschafft wurde, haben deutsche Klubs trotz Wirtschaftskrise vorzeigbare Bilanzen.
Louis Van Gaal kommt nun nach München, Armin Veh zieht es nach Wolfsburg, und Felix Magath arbeitet auf Schalke weiter. Was das alles für die Zukunft bedeutet? Wer weiß das schon. Nicht nur Magath wird etwas Neues "erfinden". Wir werden uns wundern, spätestens wenn der Meister 2010 gekürt wird.
- Datum 26.05.2009 - 12:59 Uhr
- Serie News
- Quelle ZEIT ONLINE
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