Fussball-Presseschau Deutscher Meister wurde ein Auto
Felix Magath erntet viel Lorbeer. Doch der Presse stößt auf, dass Volkswagen den Meistertitel als Werbeveranstaltung wie eine pompöse Autohauseröffnung nutzt. Eine Presseschau
VW-Vorstand Martin Winterkorn hat auf der Meisterfeier gesagt: "Erster Volkswagen, Zweiter Bayern, so habe ich mir das gewünscht." Matti Lieske (Berliner Zeitung) zuckt ob dieser Unverblümtheit zusammen: "In Deutschland echauffiert man sich zwar gern über die Abramowitschs, über arabische Scheichs und amerikanische Business-Familien, die ihr Unwesen im Weltfußball treiben, dafür gibt es die merkwürdige Konstruktion des Werksklubs, und gespielt wird in Stadien, die sich wie ein Auszug aus dem Handelsregister anhören. Was passt da besser als ein Titeldreikampf zwischen einer bayrischen Telekom-Filiale, einem schwäbischen Ableger des Arbeitgeberverbandes und einem niedersächsischen Autobauer? Und welcher Meister passt besser zu einem Land, das sich beharrlich jedem Tempolimit verweigert, in der EU tapfer für das Recht kämpft, weiter dicke, stinkende, spritfressende Karossen produzieren zu dürfen, sieben Jahre lang von einem Autokanzler regiert wurde, und seit vier Jahren von einer Art Kleinwagenkanzlerin, als der VW Wolfsburg? (…) Deutscher Meister wurde – ein Auto."
Mit Eindrücken von der Meisterfeier unterstreicht Oliver Trust (Stuttgarter Zeitung) dieses Empfinden: "Selbst beim Jubelempfang auf dem Marktplatz vor dem schmucklosen Rathaus ohne Balkon blieb lange unklar, ob der erste Titelgewinn der Vereinsgeschichte gefeiert wird – oder ob es sich um eine Autoschau handelt, als die Spieler, Trainer sowie einige VW-Manager in der gesamten Produktpalette direkt auf die Bühne fuhren." Paul Linke (Berliner Zeitung) ergänzt: "Der VW-Konzern hat für die letzten Meter alles aufgeboten: von Audi bis Bugatti. Irgendwie erinnert diese Veranstaltung an eine übertrieben pompöse Autohauseröffnung."
Und Bernd Gäbler (Tagesspiegel) wagt einen historischen Einwurf: "Diese Meisterschaft ist auch ein Politikum. Jetzt erst ist diese Ortschaft, die 1938 künstlich als Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben gegründet wurde, endlich ganz in der Bundesrepublik angekommen."
Aber es gibt auch ungetrübte Glückwünsche. Axel Kintzinger (Financial Times Deutschland) freut sich über die Unberechenbarkeit der Bundesliga: "Meister Wolfsburg! Vor ein paar Jahren noch hätte das geklungen wie die Prognose von Wirtschaftsforschern, aber nun ist es wirklich wahr. In England sind es die immer selben vier Klubs, die vorne stehen. Wie in Italien, wo es drei sind. Wie in Spanien, da sind es nur zwei. Wie langweilig! Es ist also Zeit, eine Lanze für die Bundesliga zu brechen. Das Schöne am Fußball ist, dass man vorher nicht weiß, wie es ausgeht. Für die Bundesliga gilt das mehr als anderswo, und das hat schöne Folgen: volle Stadien, prima Klima, die höchsten Sponsoring-Einnahmen weit und breit."
Felix Magath bekommt von der Presse frischen Lorbeer. Peter Stolterfoht (Stuttgarter Zeitung) würdigt dessen ungewöhnliche Leistung: "Magath hat eindrucksvoll bewiesen, dass er nicht nur aus einem Kader das Maximum herausholen kann, sondern dass er auch in der Lage ist, eine ganz neue und erfolgreiche Mannschaft zu kreieren. Das von ihm verpflichtete alles überragende Offensivtrio Misimovic, Grafite, Dzeko hat alles in den Schatten gestellt. Aber auch der Rest der Mannschaft wuchs über sich hinaus – spätestens nachdem klar war, dass Magath den VfL verlassen wird. Wer die von der Wechselnachricht ausgelöste Unruhe in der heißen Finalphase so professionell ausblenden kann, ist ein wahrer Meister."
Der TV-Reporter Marcel Reif misst in seiner Kolumne im Tagesspiegel am Sonntag Magaths persönlichen Triumph: "Keine Frage, der VfL und Magath hatten viel Geld zur Verfügung, aber viel Geld haben und es auch gut anzulegen, ist keine Selbstverständlichkeit. Das hat Magath gemacht, hat nebenbei seinen inneren Marienplatz erlebt und sich am FC Bayern gerächt mit seiner Torwartauswechselung als Demütigung und seinem Interview auf dem Münchner Rathausbalkon. Und dann hat er noch, wenn man so will, all die Kompetenzteams des Fußballs mit Medizinbällen beworfen und getroffen."
Philipp Selldorf (SZ) fügt hinzu: "Felix Magath hat sich für einen Platz in der Ahnengalerie der großen Bundesligatrainer qualifiziert, sein Portrait gehört in die Nähe seiner Lehrmeister und Vorbilder Ernst Happel und Branko Zebec, während zum Beispiel das Bild des Pragmatikers Ottmar Hitzfeld in einem anderen Saal hängt."
- Datum 25.05.2009 - 12:55 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Keine Sorge, ich bin weder Fußball- noch Sporthasser. Ganz im Gegenteil.
Aber dass in einer Zeit, in der die Herren Porsche, Wiedeking und Piech Monopoly mit ihren Existenzen spielen, Wolfsburger Fußballfans, von denen sicher eine ganze Menge direkt oder indirekt von VW abhängen, auf die Straße laufen, um eine zusammengekaufte, Millionen einsackende Fußballmannschaft zu feiern, anstatt auf die Barrikaden zu gehen, ist schon beängstigend.
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