Der Tod kam in der Kirche – dem Ort, den die weltlichen Gegner des Opfers nach eigenen Worten für heilig erachten. Ein Gegner jeglicher Schwangerschaftsabbrüche erschoss den bekannten Abtreibungsarzt George Tiller am Pfingstsonntag in Wichita, Kansas, als Tiller in seiner Kirchengemeinde Gottesdienstblätter austeilte. Wenige Stunden später nahm die Polizei den mutmaßlichen Täter, Scott Roeder, fest. Seither debattiert Amerika, wie lebensbedrohlich die radikalen Abtreibungsgegner sind, die sich selbst Anwälte des Lebens nennen.

Es war nicht der erste Angriff auf Tillers Leben und auch nicht der erste Mord an Abtreibungsärzten. 1986 wurde ein Bombenanschlag auf Tillers Klinik in Wichita verübt. 1991 riefen seine Gegner zu einem "Sommer des Erbarmens" auf, blockierten zu Tausenden die Klinik und erreichten mit teils gewaltsamen Aktionen, dass sie für mehrere Wochen aus Sicherheitsgründen geschlossen werden musste. 1993 schoss eine Frau vor dem Eingang auf Tiller und verletzte ihn an beiden Armen.

Im Zeitraum von 1993 bis 1998 wurden drei Abtreibungsärzte in den USA erschossen. In jüngeren Jahren hatten sich die Gegner auf Demonstrationen und Gerichtsverfahren verlegt, darunter vier größere Prozesse gegen Tiller seit 2006. Erst im März war er erneut freigesprochen worden. Er hatte mehrfach Personenschutz von der Bundespolizei erhalten. Die Vorkehrungen wurden jeweils nach wenigen Wochen wieder beendet. Er trug zeitweise auch eine kugelsichere Weste.

Der mutmaßliche Mörder Roeder beobachtete einen der Prozesse und bezeichnete Tillers Freispruch als "Farce". Roeders Ex-Frau beschreibt den 51-Jährigen als labilen Menschen, der mit den Problemen des Alltags kämpfte und "auf der Suche nach einem Sündenbock" war. Erst habe er sich Gruppen angeschlossen, die Steuern verweigern und die Bundesregierung auflösen wollen. Dann sei er zu den religiösen Abtreibungsgegnern gegangen und habe deren Kampf zu seinem Lebensinhalt gemacht. "Der Mann, den ich geheiratet hatte, verwandelte sich in diese ganz andere Person."

Die Debatte um die Tat öffnet einen Riss in der Front der religiösen Gruppen, die einen Schwangerschaftsabbruch ablehnen. Der Großteil verurteilt den Mord an Tiller als "kriminellen Akt". Manche rechtfertigen die Tat jedoch. Tiller "hat geerntet, was er gesät hat", sagt Randall Terry, Gründer der Gruppe "Operation Rescue" (Operation Rettung). Er verteidigt auch die hoch moralische Wortwahl der meisten Abtreibungsgegner. Die Bewegung "muss konfrontative Taktiken und eine aufgeladene Rhetorik benutzen", weil sie sonst irrelevant werde.

Die Verteidiger der Abtreibungsfreiheit geben den moralischen Scharfmachern eine Mitschuld an dem Mord. Nancy Keenan, Vorsitzende von "Naral Pro-Choice", einer der größten Gruppen für Frauenrechte, sagt, "der Mord war keine isolierte Tat. Er entstand aus der hasserfüllten Rhetorik." Das liberale Internetmagazin Salon rückt Bill O’Reilly, Moderator einer emotionalen politischen Talkshow im rechten Fernsehsender Fox und ein Wortführer der religiösen Rechten, ins Zentrum der Vorwürfe. Er habe Tiller regelmäßig den "Baby-Killer" genannt.

Abtreibung gehört zu den großen Streitfragen in den USA, die nahezu täglich in der politischen Debatte auftauchen. Anhand der Frage, ob jemand "pro life" (für das Leben) oder "pro choice" (für die Entscheidungsfreiheit der Frauen) sei, lässt sich nahezu zweifelsfrei erkennen, welchem politischen Lager die oder der Betreffende zuzuordnen ist. Das Abtreibungsrecht in den USA ist seit 1973 liberaler als in Deutschland. In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch im Prinzip verboten, wird aber mit Blick auf Gewissenskonflikte und soziale Nöte unter bestimmten Bedingung straffrei gestellt. In den USA ist Abtreibung generell erlaubt, seit das Oberste Gericht im Fall Roe vs. Wade 1973 urteilte, diese Wahlfreiheit gehöre zu dem aus der Verfassung abzuleitenden Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.