Designerinnen Die Modemutigen
Getrennt entwerfen, gemeinsam verkaufen: In Prenzlauer Berg wagen Designerinnen den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie eröffnen ihr eigenes Geschäft – allein oder im Verbund mit Kolleginnen. Der Szenekiez bietet dafür das richtige Umfeld

© Mike Wolff/Tagesspiegel
Eigenes Design verkauft sich gut: Andrea Faupel in ihrem Laden in Prenzlauer Berg
Ein Bezirk zieht an – im doppelten Wortsinn. "Mitte ist tot, da findet man Label an Label. Modedesigner kommen mittlerweile nach Prenzlauer Berg", sagt Anna Tembrink. Dort hat die 34-Jährige sich mit zwei befreundeten Designerinnen zusammengetan. Die drei verkaufen eigene Kollektionen im eigenen Laden. Ein Netzwerk, das Sicherheit gibt und das Risiko der Selbstständigkeit verringert. Ein Modell, das im Szenekiez funktioniert – trotz nicht eben niedriger Mieten.
Ein Trend, den Tanja Mühlhans, Referentin für Kreativwirtschaft der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, bestätigt. Zwar sei Mitte laut einer Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) mit 28 Prozent immer noch der beliebteste Bezirk, um sich selbstständig zu machen. "Doch wegen steigender Gewerbemieten weichen viele in die Seitenstraßen und über die Torstraße hinaus nach Prenzlauer Berg aus." Auch Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln profitierten vom Expansionsdrang mutiger Modemacher.
Tembrink und ihre Kolleginnen Raja Tanczik und Lisa Kaltwasser sind mit ihrem Laden "Charivari" in Prenzlauer Berg ein Musterbeispiel. "Die Jobmöglichkeiten in der Branche sind begrenzt. Da machen sich viele Designer nach dem Studium selbstständig und gründen Modelabels, viele mit angeschlossenen Shops", sagt Tanja Mühlhans. So funktioniert auch "Charivari" in der Rykestraße: Seit drei Jahren verkaufen sie Eigenkollektionen. Tembrink kam mit ihrer Strickmode im Oktober 2007 dazu. Im hinteren Teil des Ladens liegt die Werkstatt, in der die Frauen ihre Stücke entwerfen. Anna Tembrink lässt ihre Sachen in Berlin produzieren, denn Strick ist aufwändig, verlangt Qualität. Tanczik und Kaltwasser nähen alles selbst. Wer will, kann sich den Prototyp in passender Größe fertigen lassen.
Mode für Individualisten, weg von der Massenware – ein Konzept, das sich im ganzen Kiez wiederfindet. Für Lisa Kaltwasser ist der eigene Laden optimal. "Es war nie beschwerlich, noch nicht mal am Anfang", sagt sie.
Die Designerinnen haben in Prenzlauer Berg die passende Umgebung. Hier leben die jungen Zugezogenen, schicke Mütter schieben trendige Kinderwagen und die Touristen kommen zum Shoppen ins Viertel. "Die Leute suchen hochwertige Sachen und sind bereit, etwas mehr auszugeben", sagt Anna Tembrink.
Auch Axel Hansen, Leiter der Wirtschaftsförderung Pankow, sieht den "ungebrochenen Trend", dass sich Kreative und junge gebildete Leute mit entsprechender Kaufkraft um den Helmholtzplatz ansiedeln – wie früher im Kollwitzkiez. Bei der Kaufkraft liege der Bezirk stadtweit an dritter Stelle. Die Mieten allerdings seien nicht mehr so günstig, wie die Senatsverwaltung für Wirtschaft annimmt: "Die Zeit der Schnäppchenmieten ist vorbei, da haben wir uns Mitte angenähert", sagt Hansen. Stattdessen würden die Kreativen oft "im stillen Kämmerlein basteln", bis sie sich ein Geschäft leisten könnten.
Genauso lief es bei Anne Wolf, Designerin für Braut- und Abendkleider und -mäntel: Die 29-Jährige eröffnete ihren Laden in der Lychener Straße nahe dem Helmholtzplatz vor drei Jahren, nachdem sie sich einen festen Kundenstamm von zu Hause aus erarbeitet hatte. "Hier wird geheiratet, hier laufen viele Kinder rum, die Struktur passt am besten zu meinem Geschäft", sagt sie. Sie hat eine Lücke gefunden im Designer-Allerlei. "Mit T-Shirts hätte ich mich nicht selbstständig machen müssen." Erst vorigen Sommer hat sie sich vergrößert, ist umgezogen innerhalb der Straße. "Der Laden hat sich sehr schnell etabliert", sagt Anne Wolf. Ihre Kunden müssen nicht aufs Geld schauen und entscheiden sich gern für ein Brautkleid nach Maß. Für 800 bis 2000 Euro erhält die Braut ein Unikat, made in Berlin.
- Datum 03.06.2009 - 10:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








den gleichen artikel hab ich heute schonmal im Tagesspiegel gelesen*gähn
ZEIT und Tagesspiegel, genauso wie Stuttgarter Nachrichten, Handelsblatt und Wirtschaftwoche gehören zum Holzbrink-Konzern. Die Medien tauschen ihre Artikel aus. Daran ist nichts verwerfliches.
Übler ist schon, dass die ZEIT unbedingt die Bertelsmann-Ergüsse unreflektiert verbreitet. Wie e.g. das CHE Hochschul-Ranking.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren