Fussball-Nationalelf "Ich bin Deutscher – das hört sich gut an"

Der Neu-Nationalspieler Cacau über die Hierarchie am Frühstückstisch, seine Dankbarkeit, Deutscher geworden zu sein, und seine Lieblingsstellen in der Bibel

Der Moment der zweiten Einbürgerung: Cacau wird für Mario Gomez eingewechselt und gibt sein Debüt in der deutschen Elf

Der Moment der zweiten Einbürgerung: Cacau wird für Mario Gomez eingewechselt und gibt sein Debüt in der deutschen Elf

Jeronimo Maria Barreto Claudemir, ist als Stürmer des VfB Stuttgart aus Brasilien besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Cacau“. Seit dem 2. Februar 2009 ist der 28jährige Cacau deutscher Staatsbürger. Seine Karriere in Deutschland begann er mit 17 Jahren beim Fünftligisten Türk Gücü München, über die Amateure und Profis des 1. FC Nürnberg kam er schließlich zum VfB, mit dem er 2007 Meister wurde. Am vergangenen Freitag hat er gegen China sein Debüt in der deutschen Nationalmannschaft gegeben. Auch für das zweite Spiel während der Asienreise des DFB-Teams stehen seine Aussichten auf einen Einsatz gut.

ZEIT ONLINE: Cacau, wissen Sie schon, was Sie bei der Bundestagswahl im Herbst wählen werden?

Cacau: Ich weiß, dass ich als deutscher Staatsbürger wählen darf, aber leider bin ich zu dieser Zeit in Brasilien, so dass ich nicht zur Wahl gehen kann.

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ZEIT ONLINE: Es gäbe die Möglichkeit der Briefwahl.

Cacau: Das hat man mir gesagt, aber, um ehrlich zu sein, bin ich noch zu wenig vertraut mit den politischen Parteien, als dass ich mir ein Urteil zutraue. Das will ich aber unbedingt ändern und mich besser informieren.

ZEIT ONLINE: Seit Februar können Sie sagen: "Ich bin Deutscher"? Wie hört sich das für Sie an?

Cacau: Sehr gut hört sich das an, aber unabhängig vom Klang ist da vor allem ein Gefühl der Dankbarkeit, wenn ich diese Worte höre. Ich bin unendlich dankbar, dass mich dieses Land so gut aufgenommen hat.

ZEIT ONLINE: Das können nicht alle Ausländer von sich sagen.

Cacau: Ja, ich weiß das. Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, haben mich einige Leute davor gewarnt, dass ich hier als Ausländer mit dunkler Hautfarbe Schwierigkeiten bekommen könnte. Nichts davon ist geschehen, ich habe in dieser Hinsicht keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht.

ZEIT ONLINE: Das ist kaum zu glauben, gerade auch in Fußballstadien sind ausländerfeindliche Parolen keine Seltenheit.

Cacau: Das ist mir bekannt – und natürlich bekomme ich das auch mit. Aber persönlich habe ich solche Aggressionen nie zu spüren bekommen, obwohl ich ja schon an vielen Orten in Deutschland gespielt habe.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie reagieren?

Cacau: Wenn man mich beleidigen würde? Ich glaube, dass ich anders reagieren würde, als man das erwarten könnte, nämlich ohne Empörung oder Anklage. Ich habe gelernt, auch Menschen zu lieben, die mich beleidigen oder nicht mögen. Das ist schwierig, aber ich versuche mich, so zu verhalten.

ZEIT ONLINE: Auch dafür, wie für vieles andere finden Sie Kraft in ihrem katholischen Glauben.

Cacau: Ja, der Glaube gibt mir Halt. Und die Bibel.

ZEIT ONLINE: Sie lesen täglich in der Bibel, gibt es Stellen, die Sie vor wichtigen Spielen studieren?

Cacau: Nein, die Auswahl der Textstellen hat mit den Spielen nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Welche Stelle lesen Sie gerade?

Cacau: Ich lese gerade den ersten Korinther-Brief, die Passage, in der Paulus zu der Gemeinde spricht.

ZEIT ONLINE: Sie reisen gerade von China, einem Land, in dem neben anderem der Buddhismus als Religion eine große Rolle spielt, nach Dubai, einem islamischem Land. Beschäftigen Sie sich auch mit anderen Religionen?

Cacau: Ich habe mich schon viel mit anderen Religionen beschäftigt, besonders mit dem Islam. Ich will wissen, wie die Menschen in diesen Ländern leben, wie sie glauben, woran sie glauben. Man kann sich bei diesem Thema oft nicht auf das verlassen, was in den Medien transportiert wird. Ich reise in diese Länder mit einem sehr guten Gefühl, freue mich darauf, mit den Menschen zu sprechen, um zu erfahren, wie sie denken, auch wenn sie anders oder an etwas anderes glauben als ich. Es gibt viele Gegensätze zwischen Religionen, aber ich liebe die Menschen, das steht über allem.

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns zu den weltlichen Dingen kommen. Sie sind das erste Mal im Kader der deutschen Nationalmannschaft, haben gegen China ihr Debüt gegeben, Was war für Sie die größte Überraschung nach Ihrer Ankunft?

Cacau: Am Anfang war ich doch etwas nervös, wie ich wohl aufgenommen werden würde. Dann wurde ich sehr angenehm überrascht, es war überhaupt kein Problem, es gab keine Schwierigkeiten.

ZEIT ONLINE: Worin liegen, in der Vorbereitung oder in der Trainingsarbeit, die größten Unterschiede, zu den Methoden in ihrem Verein, dem VfB Stuttgart?

Cacau: Es hat hier einfach alles eine ganz andere Dimension. Es ist viel organisierter, für jedes und alles gibt es jemanden, der zuständig ist. Beispielsweise bei den Physiotherapeuten und insgesamt im medizinischen Bereich, wo wir auch in Stuttgart bestens ausgestattet sind, gibt es hier einfach mehr Möglichkeiten, weil mehr Leute zur Verfügung stehen, auch mehr Spezialisten.

ZEIT ONLINE: Sie haben zum Beispiel die Möglichkeit, einen Psychologen oder einen Joga-Trainer aufzusuchen. Machen Sie von diesen Angeboten Gebrauch?

Cacau: Bisher nicht, aber es war auch noch nicht viel Zeit.

ZEIT ONLINE: Und wenn Zeit gewesen wäre?

Cacau: Ich glaube, dass ich bis jetzt Gott sei Dank auch gut auskomme, ohne auf diese Angebote zurückzugreifen. Aber gut zu wissen, dass es diese Möglichkeiten gibt.

ZEIT ONLINE: Sitzen die Neulinge eigentlich beim Essen zusammen an einem Tisch?

Cacau: Nein, das mischt sich anders, aber dann bleibt es erst mal so.

ZEIT ONLINE: Mit wem sitzen Sie zusammen?

Cacau: Hitzlsperger, Lahm, Enke, Podolski, Huth, Schweinsteiger– das waren in Shanghai die Spieler an meinem Tisch.

ZEIT ONLINE: Gibt es, außerhalb des Spielfeldes, eine Hierarchie im Kader?

Cacau: Da gibt es nichts, was irgendwie vorgegeben wird, aber man spürt, dass auf Spieler, die lange dabei sind, wie Hitzlsperger, Schweinsteiger oder Friedrich auch außerhalb des Spielfeldes gehört wird.

ZEIT ONLINE: Gibt es für Neuankömmlinge eine Art Einführungsritual?

Cacau: Ja, das habe ich schon absolviert. Ich habe beim Essen nach dem Spiel eine Rede gehalten. Das machen alle nach ihrem ersten Länderspieleinsatz. Und dann später noch eine Runde ausgegeben.

ZEIT ONLINE: Welches Getränk haben Sie gereicht?

Cacau: Wir haben Cola getrunken.

ZEIT ONLINE: Und was haben Sie den Kollegen gesagt?

Cacau: Man bekommt ja nach dem ersten Länderspiel eine Medaille. Ich habe nicht so viel gesagt, mich kurz bedankt bei den Kollegen und dem Trainerteam.

ZEIT ONLINE: Mario Gomez, ihr bisheriger Sturmpartner in Stuttgart, hat gesagt, dass er ohne Sie im Verein nie so erfolgreich hätte sein können, wie er es war.
Cacau: Das freut mich sehr. Wir haben sehr gut harmoniert, gerade in letzter Zeit. Leider können wir uns jetzt, weil Mario nach München geht, nicht mehr gemeinsam besser werden.

ZEIT ONLINE: Bei ihrem Debüt am Freitag gegen China musste ausgerechnet Gomez vom Feld, als Sie eingewechselt wurden. War das nicht seltsam, angesichts des Spielstands von 1:1 und der Tatsache, dass Sie beide ein eingespieltes Team sind?

Cacau: Ich habe mich in diesem Augenblick nur gefreut, dass ich spielen darf. In dem Moment hat es mich weniger beschäftigt, dass Mario dafür vom Feld musste. Ich hätte es ja ohnehin nicht beeinflussen können.

ZEIT ONLINE: Nun fehlen im Kader für diese Asienreise viele Spieler, die normalerweise zum Stammpersonal der Nationalmannschaft gehören. Abgesehen von der Freude über das Länderspieldebüt: Fühlt man sich nicht doch ein wenig als Aushilfe?

Cacau: Nein. Der Bundestrainer hat uns Neuen gesagt, dass wir gute Chancen haben, bei der WM in Südafrika dabei zu sein. Wenn er das sagt, dann glaube ich ihm das.

Die Fragen stellte Moritz Müller-Wirth.

 
Leser-Kommentare
  1. Guter Mann, suboptimaler Künstlername.

    • Pangea
    • 01.06.2009 um 13:31 Uhr

    > suboptimaler Künstlername

    Auf jeden Fall leicht zu merken ;-) Es ist aber schön zu wissen, dass es auch Fußballspieler mit Köpchen gibt.

  2. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? Ich wuerde sagen "Deutschland soll dankbar seine dass er fuer Deutschland Tore schiesst und sympatisches Multikulturelles Bild deutschlands in die Welt vermittlet. Der Satz gelingt sehr ueberheblich.

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