Debatte Die Werte, die wir brauchen
Was ist in den Zeiten der Krise wichtig? In den vergangenen Tagen diskutierten unsere Leser und Autoren. Es wurde eine Debatte über die Freiheit und wer sie schützen soll
Mehr als 300 Kommentare sind in den Werte-Debatten zum Grundgesetz-Jubiläum bislang eingegangen. Der Betrachter bleibt etwas ratlos zurück: Diskutieren wir im Jahr 2009 so intensiv über Werte, weil sie auch in Zeiten der Krise ein Fundament unseres Zusammenlebens bilden? Oder zeigt die Debatte, dass dieses Land das Thema zu lange sträflich vernachlässigt hat und deshalb Redebedarf herrscht?
Tatsache ist, die Kritik an den gegenwärtigen Zuständen ist auch in der ZEIT-ONLINE-Community unüberhörbar. Selbst dem Werte-Begriff scheint man nicht mehr zu trauen. So schreibt beispielsweise der User rabin: “Viele Werte scheinen diskreditiert, weil sie nur postuliert, aber nicht gelebt werden. Wie viele haben schon Wasser gepredigt und Wein gesoffen? Man könnte Werte-zynisch werden.“ Für andere haben Worte wie Solidarität in der Gegenwart ihre Bedeutung verloren: “Die vermeintliche Solidarität besteht in Deutschland mittlerweile nur noch darin, für ein System ungefragt bezahlen zu dürfen, von dem man nie eine adäquate Gegenleistung erhält“, schreibt saguenay, “Das vermeintlich so glänzende Solidarprinzip ist eine Einbahnstraße geworden.“
“Noch nie war eine Gesellschaft materiell so reich wie die unserige, noch nie war sie zugleich so arm an politischen Zielvorstellungen!“, stellt rheinelbe fest und äußert damit wie viele andere seinen Verdruss über fehlende gesellschaftliche Ideen. “Wir glauben ernsthaft, dass wir jeder neuen Komplexität des Lebens, allen Unbilden des Irdischen begegnen und uns seiner entledigen könnten, indem wir neue Regeln entwerfen“, schreibt der User Viscount und schlägt deshalb vor: “Was wir brauchen, ist mehr Chaos – nicht bei den Chaostagen, nicht beim Werfen von Flaschen und Treten nach anderen, sondern mehr produktive Unordnung.“
Staat oder Bürger, wer hütet die Freiheit?
Dieser Gedanke entspringt der Bejahung eines Wertes, dem wahrscheinlich alle Leser fundamentale Wichtigkeit bescheinigen würden: der Freiheit. Die Debatte zu diesem Begriff schließt sich vor allem an den Artikel von Alexandra Endres an. “Freiheit ist kein zentrales Idiom im angeborenen Verhaltensrepertoire des Menschen, das sind solche Dinge wie Fremdenfurcht und Territorialität“, findet zum Beispiel der User von Binzer und fügt pessimistisch hinzu: “Deshalb klappt das auch nicht mit der Freiheit und der 'offenen Gesellschaft'. Nein, es kann nie funktionieren, eine offenen Gesellschaft würde früher oder später an ihren intrinsischen Widersprüchen zerbrechen.“
Es passt zum Zeitgeist, dass keine Einigkeit darüber besteht, wer denn für die Freiheit verantwortlich ist: “Für die meisten Menschen erfordert Freiheit, dass sie vor den Machtansprüchen der Reichen und Mächtigen in Schutz genommen werden“, schreibt Newropeans. “Da hat der Staat eine klare Rolle zu spielen, die in den Zeiten der Globalisierung aber vernachlässigt wurde.“
- Datum 29.05.2009 - 15:39 Uhr
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