Am 8. Mai 2009 gedachte das freitägliche Magazin der Süddeutschen Zeitung schon auf dem Titel einer epochalen Zäsur: "Das Internet macht Druck, die Auflagen schwanken, die Einnahmen sinken: Die klassischen Medien müssen sich der größten Sinnkrise ihrer Geschichte stellen." Also fragten die Autoren des Heftes: "Warum Zeitung?"

Auch im Fernseh- und Internetzeitalter sind die klassischen Medien noch immer die gedruckte Zeitung und das gedruckte Buch. Doch die großen Papiertiger sind erschüttert. Im letzten Jahr häuften sich die Meldungen über immer neue Gewitterzeichen bei internationalen Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen. Am spektakulärsten dabei die Millionenverluste und Kürzungen beim Flaggschiff der amerikanischen Presse, der stolzen New York Times. Die Times musste sogar das eigene Haus im Zentrum von Manhattan verkaufen und von einem Investor zurückmieten. Eine Demütigung, ein Menetekel?

Manche hielten das bis vor kurzem nur für eine Folge der allgemeinen Wirtschaftskrise. Gewiss, sagten sie, gibt es seit Jahren das Onlineproblem. Zeitungen und Zeitschriften machen sich mit ihren immer besseren Internet-Portalen selber immer heftiger Konkurrenz, ohne damit wirklich Geld zu verdienen oder so nennenswert neue Leser auch für ihre gedruckten Hauptprodukte zu gewinnen. Hinzu kommt, dass die zu etwa 60 Prozent von ihren Anzeigenerlösen abhängigen Printmedien einen Teil der klassischen Einnahmen an die Internetmärkte verloren haben. Solche Sorgen aber hatten den Sinn der Zeitung nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Die elektronischen Medien mögen schneller sein, doch sie gelten bislang auch als oberflächlicher. Hintergründe, tiefer schürfende Analysen, brillantere Kommentare, verbindliche Gewichtungen – das sind die angeblich unersetzlichen Vorzüge der Zeitung, und im kulturellen Kontext gilt dies umso mehr noch für das gedruckte Buch.

Zwar war auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2008 das E-Book mit seinem auch im Sonnenlicht flimmerfreien, angenehm zu lesenden Bildschirm ganz plötzlich das große Medienthema. Doch kaum jemand hat einen der Prototypen des digitalen Buchs, das im Taschenformat den Inhalt kleinerer Bibliotheken zu speichern weiß, schon leibhaftig in der Hand gehabt. In Frankfurt musste man es fernab der großen Hallen und Verlage an entlegensten Ständen suchen. Das wirkte bei der Leipziger Buchmesse im März 2009 schon anders. Das eben noch virtuelle Medium gilt nun als Realität, und die E-Book-Macher kommen der Simulation eines gedruckten Buchs immer näher, inzwischen gibt’s schon digitale Eselsohren zum Seiten-Markieren.

Die Dämmerung des fünfeinhalb Jahrhunderte währenden Gutenberg-Zeitalters ist so fortgeschritten. Der Brockhaus, in Deutschland einst Inbegriff der lexikalischen Buchkultur, erscheint künftig nur noch digital. Das war, das ist nur der Anfang. Kürzlich hat der Wissenschaftsjournalist und Darwin-Biograph Jürgen Neffe in einem Großaufsatz in der ZEIT das bevorstehende Ende der klassischen Druck-Kultur verkündet. Unterm Titel "Es war einmal" und mit dem evolutionären Zusatz "Kein Grund zur Trauer". Wovon Autoren wie er selber freilich künftig leben werden im schrankenlosen Reich des urheberrechtlich kaum zu kontrollierenden, gegen Raubkopien nie gefeiten Internets, das konnte auch Neffe nicht so recht erklären.

Nur für die Zeitungen, diese "vierte Gewalt" der Demokratie, hatte er eben jene Idee, die früher schon der Sozialphilosoph Jürgen Habermas ins Spiel gebracht hatte. Man müsse, sagt Neffe, bei einer so "systemrelevanten Branche" wie der freien Presse künftig über "öffentlich-rechtlichen Printjournalismus" nachdenken, zumindest über staatliche Subventionen wie beim Theater, bei Museen oder "Autobahnen". Radikaler sieht die Sache dagegen Sascha Lobo. Der 33-jährige Berliner Superblogger und Autor eines Schlüsselwerks über die "digitale Bohème" verkündete jüngst im Sonntags-Interview des Tagesspiegels zwar noch nicht allen von ihm so genannten "Holzmedien" den Untergang. Aber: "Den Tageszeitungen auf jeden Fall." Nur für besondere Magazine und Bücher werde es weiter "Nischen" geben. Dafür bringt er, wie Jürgen Neffe, den Vergleich mit der guten alten Schallplatte.

Diese Analogie indes trifft daneben. Beim Wechsel von Schellacks zu CDs und Chips, die allemal Tonträger sind, ging es nur um die technologische Verfeinerung des im Prinzip identischen Mediums. Wenn aus gedruckten Zeitungen und Büchern dagegen Bildschirmbotschaften werden, bleiben Schrift und Bild zwar erhalten, doch das Medium und die Lesekultur sind verschieden.