Belletristik Drei Nullnummern und eine Knarre

Thilo Bock schreibt eine laue Geschichte über die utopielose Jugend von heute. Sein Buch "Die geladene Knarre von Andreas Baader" labert von Revolution und Sommernächten

Das Beste an diesem Roman ist sein Titel: Die geladene Knarre von Andreas Baader explodiert einem geradezu ins Auge. Zwischen den Zeilen schwelt der anrüchige Mythos der Gewalt, der den einstigen RAF-Rebellen auf beunruhigende Weise heroisiert. Wir haben es mit einer besonderen Hinterlassenschaft einer revolutionären Gruppe zu tun, verspricht der Titel. Sie ist geladen, die Knarre, sie kann jederzeit losgehen! 

Der Roman spielt im Jahr 2005. Es geht um Bewegung – das, was der Jugend heute fehlt. Nur noch ein gutes Drittel der Studenten interessiert sich für Politik, vor 25 Jahren waren es noch mehr als die Hälfte. Eine gesellschaftliche Revolution wie in den Siebzigern ist undenkbar, und gerade deshalb fasziniert sie noch immer die Gemüter – ein durchaus interessanter, aktueller Stoff, dem sich Thilo Bock, 35, seiner eigenen Beschreibung nach "Texteaufschreiber, Geschichtenvorleser und Liedervorlaller aus Berlin", ein Angehöriger dieser Generation, angenommen hat.

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Bast, Rieke und Leander heißen seine Protagonisten, drei Berliner Studenten der Geisteswissenschaften. Ein wenig erinnern sie an das Trio in Hans Weingartners Film Die fetten Jahre sind vorbei von 2004, dessen anachronistische Revolution fast an der Liebe scheitert. Auch Bast und Co. beklagen die Kapitalisierung der Gesellschaft von Aldi bis Zara, die Verflachung der Politik und die Lethargie ihrer Altersgenossen.

Während Bast noch an einem Manifest feilt, hat Leander bereits die Knarre organisiert und Rieke davon überzeugt, dass damit etwas passieren muss. Schließlich handelt es sich nicht um irgendeine x-beliebige Waffe, sondern um eine mit Geschichte, und wird zum Verbindungsstück zwischen damals und heute. Bast, Rieke und Leander beschließen, jemanden umzubringen, auf den Deutschland blickt, um damit ein Zeichen zu setzen. Am besten Gerhard Schröder, der gerade wieder für das Kanzleramt kandidiert.

Natürlich ist es selbst in der Fiktion nicht einfach, ausgerechnet an das Selbstmordinstrument Andreas Baaders zu gelangen. Trotzdem hätte das Fundstück, ob echt oder nicht, zum Anknüpfungspunkt einer spannenden Geschichte werden können, wenn der Autor selbst daran geglaubt hätte. Genau das tut er aber nicht.

Stattdessen versteckt er sich hinter dem Unwissen seiner Protagonisten, die zu dem Ding gekommen sind wie die Jungfrau zum Kind. Leander hat es angeschleppt, dessen Vater angeblich Anwalt ist, der irgendwann in den Siebzigern vielleicht irgendetwas mit der RAF zu tun gehabt haben könnte. Ein Konjunktiv reiht sich an den anderen; Bock scheint der Durchsichtigkeit der Legende ebenso zu misstrauen wie der Ich-Erzähler Bast, der sofort einwendet, das könne doch unmöglich eine Original-RAF-Pistole sein. Die geschichtsträchtige Verbindung wird gekappt, noch bevor sie hergestellt ist; trotzdem wird sie aber weiterhin bemüht. So wird die Revolution von Anfang an zu einem Revolutionsspiel, bei dem noch so viele Schüsse abgefeuert werden können – sie schlagen nicht mehr richtig ein.

Wofür, weshalb, warum? Es gibt keine Pläne, nur ein paar Schießübungen im Garten; eine konspirative Wohnung wird angemietet, weil die Protagonisten zu viel Baader-Meinhof-Komplex gelesen haben. Sie haben keine neuen Ideen, sondern wiederholen einfach die bereits dagewesenen. Das der Ideologie- und Utopielosigkeit einer Generation anzulasten wäre eine Interpretation, die es dem Autor zu leicht machen würde.

Leser-Kommentare
  1. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber wenn das Dialogbeispiel der Rezension für das Niveau des gesamten Werks repräsentativ ist, habe ich auch kaum etwas verpaßt.

    Für mich muß Literatur etwas sein, das ich auch nach einem halben Jahrhundert noch lesen und die handelnden Personen verstehen, mich mit ihen freuen, leiden, siegen und untergehen kann - nicht eine zeitgeschichtliche Collage ohne bleibende Aussage.

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