Monatelang hatten Studenten im Frühjahr 1989 im Zentrum der chinesischen Hauptstadt Peking demonstriert, waren für mehr Freiheit und weniger Korruption in Hungerstreik getreten. In der Nacht auf den 4. Juni dann hatte die Führung genug und ließ den riesigen Platz mit Gewalt räumen. Offiziellen Angaben zufolge starben 195 Menschen, als die Armee in die Mengen schoss und mit Panzern in sie hinein fuhr. In China wird das Massaker totgeschwiegen, wie brisant es trotzdem noch ist, zeigt das Bestreben der Regierung, auch das Gedenken daran zu verhindern: Kurz vor dem 20. Jahrestag wurde die Zensur von Internetdiensten massiv ausgeweitet.

Zu den derzeit gesperrten Internet-Angeboten zählen Twitter, Flickr, Live.com, Hotmail.com, YouTube, viele Blogger und auch die neue Microsoft-Suchmaschine Bing. Das berichten übereinstimmend Medien wie die britische Times oder Blogs wie Techcrunch. Auch die Schnittstelle von Twitter, die unter anderem von TweetDeck, Twhirl und Seesmic Desktop genutzt wird, ist betroffen. Twitter hatte in China zuletzt während des verheerenden Erdbebens in Sichuan stark an Popularität gewonnen.

Die Times zitierte den in China bekannten Blogger Michael Anti dazu: "Twitter ist neu in China. Die Zensoren brauchen noch eine Weile, um herauszufinden, was das ist. Also genießt die letzten Tage des fröhlichen Twitterns, bevor es eines Tages das gleiche Schicksal ereilt wie Youtube." Anti hatte in dem von Hong Kong aus betriebenen Blog Danwei.org die Sperrung vor wenigen Tagen vorhergesagt.

Von der internationalen Organisation "Reporter ohne Grenzen" wurde das Vorgehen scharf kritisiert. "20 Jahre nach den Protesten ist es für chinesische Medien immer noch unmöglich, über die damaligen Ereignisse zu berichten: Jeglicher Bezug in den Medien und im Internet auf die mehrwöchigen Demonstrationen sowie auf die gewaltsame Niederschlagung der Protestbewegung durch die Armee wird unterdrückt", sagt ROG-Geschäftsführerin Elke Schäfter. Die Propaganda-Abteilung und die politische Polizei hätten ein striktes Zensursystem geschaffen. Die Nachrichtenkontrolle sei so wirksam, "dass viele junge Chinesinnen und Chinesen nichts oder kaum etwas über die Niederschlagung der Proteste wissen".

Zensur von Medien und Internetangeboten ist in China Alltag. Die offizielle Begründung der Regierung dafür lautet, man wolle die Bürger vor schädlichen Einflüssen schützen. So rigoros ist das System von Forenkontrolleuren, Spitzeln und technischen Sperren, dass im Ausland von der "Great Firewall of China" gesprochen wird. Internationale Kritik erregte es zuletzt während der Olympischen Spiele in China. Webseiten von internationalen Menschenrechtsgruppen oder China-kritische Seiten waren selbst für ausländische Journalisten, die im Pressezentrum arbeiteten, nicht zu erreichen. Die Regierung selbst verteidigte damals die Zensurmaßnahmen mit der Begründung, die Spiele sollten nicht politisiert werden.

Auch westliche Firmen wie Microsoft, Yahoo und Google mussten sich in der Vergangenheit Kritik gefallen lassen, da sie Zensurforderungen der Regierung nachkamen oder dabei halfen, die dazu nötige Infrastruktur aufzubauen. So belieferte beispielsweise der Netzwerk-Spezialist Cisco nach Angaben von Reporter ohne Grenzen China mit Routern, ohne die das gigantische Zensurprojekt gar nicht funktionieren würde.