NS-Raubkunst
"Unwürdig und moralisch höchst fragwürdig"
1935 hatte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eines ihrer bedeutendsten Exponate, den Welfenschatz, von vier jüdischen Kunsthändlern erworben. Ob zu Recht oder zu Unrecht hat die Stiftung nun damit beantwortet, dass sie eine Rückgabe an die Erben ablehnt. Eine Entscheidung, die ihr Anwalt für "unethisch" hält. Ein Interview
Der mittelalterliche Welfenschatz zählt zu den Hauptattraktionen des Berliner Kunstgewerbemuseums. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hatte ihn 1935 von vier jüdischen Kunsthändlern erworben. Deren Erben fragten im vergangenen Jahr nach den Umständen des Erwerbs und forderten in der Folge eine Rückgabe des wertvollen Ensembles. Am Freitag hat die SPK diese Forderung abgelehnt. Der Rechtsanwalt Markus Stoetzel, der die Erbengemeinschaft vertritt, ist empört über diese Entscheidung.
DIE ZEIT: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz lehnt eine Rückgabe des "Welfenschatzes" an die von Ihnen vertretenen Erben von vier jüdischen Kunsthändlern ab. Diese mussten die mittelalterlichen Kultgegenstände 1935 an den Preußischen Staat verkaufen. Die SPK argumentiert nun, der dafür gezahlte Preis in Höhe von 4,25 Millionen Reichsmark sei angesichts der Weltwirtschaftskrise angemessen gewesen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Markus Stoetzel: Die Stiftung stützt sich im Wesentlichen auf drei Aspekte: Sie stellt fest, dass die Kunsthändler und ihre Familien unstreitig alle rassisch verfolgt und Opfer des NS-Unrechtssystems gewesen sind und deshalb erhebliche Vermögensverluste erlitten haben, behauptet aber, dass für das Welfenschatz-Geschäft dies nicht gelte. Diese Aussage ist nicht nur falsch und ungeheuerlich, sondern auch wider jede Vernunft und Logik. Sie zeugt von einer unglaublichen Ignoranz gegenüber alledem, was wir über das jüdische Leben und Überleben im NS-Staat wissen und wie es auch und gerade die Familien der Rosenbergs, Hackenbrochs und Goldschmidts am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Der im Juni 1935 zwischen dem Konsortium und dem Preußischen Staat vertraglich vereinbarte Kaufpreis in Höhe von 4,25 Millionen Reichsmark war auch offenkundig nicht »angemessen«: Er entsprach nicht dem noch kurz zuvor vom Preußischen Staat nachweislich angenommenen Handelswert von rund 6 bis 7 Millionen Reichsmark – wobei der tatsächliche Verkehrswert damals neuesten Erkenntnissen zufolge bei eher 9 bis 10 Millionen Reichsmark gelegen haben dürfte. Der vereinbarte Betrag von kaum 4 Millionen Reichsmark dagegen war für den Preußischen Staat, salopp formuliert, ein Schnäppchen. In diesem Zusammenhang das Wort »fair« in den Mund zu nehmen, wie die Stiftung es getan hat, verbietet sich von selbst.
Wenn der Stiftungspräsident Parzinger nun auch noch darüber fabuliert, dass das Ganze im Ergebnis eine marktübliche Sache von Angebot und Nachfrage gewesen sei, so hätte er damit vielleicht für den Fall recht, wenn es sich um ein Rechtsgeschäft in einem demokratischen Rechtsstaat und um eine freie Willensentscheidung der Kunsthändler gehandelt hätte. Dass der NS-Staat ein solcher Rechtsstaat gewesen ist und dass das Geschäft nicht von einem deutlichen Ungleichgewicht der Kräfte dominiert war, wird auch Herr Parzinger ernsthaft wohl nicht behaupten wollen. Als Historiker sollte er es besser wissen.
DIE ZEIT: Die SPK behauptet inzwischen nicht mehr, die vier Händler hätten sich zum Zeitpunkt des Verkaufs im sicheren Ausland befunden, sagt in ihrer Ablehnung aber, der Schatz sei nicht mehr in Deutschland gewesen und hätte deshalb gut auch an andere Sammler verkauft werden können.
Stoetzel: Entscheidend ist, dass sich die Kunsthändler und ihre Familien sowie die in Auflösung begriffenen Restbestände ihrer Vermögen, ihr Haus- und Grundbesitz noch in Deutschland befanden und dem Zugriff der Nazis unmittelbar ausgesetzt waren. Man war erpressbar und wurde erpresst.
DIE ZEIT: Stimmt denn die Annahme der SPK, dass der Kaufpreis an die vier Händler gezahlt wurde?
- Datum 2.6.2009 - 14:22 Uhr
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1. handelt es sich hier um nationales Kulturgut gemäß EWG Nr. 3911/92.
2. war bereits Unrecht, den Schatz dem emigrierenden Georg V. als Privateigentum zu überlassen. Denn bezahlt wurde er Anno Krug durch die Abgaben der Untertanen.
3. kauften die Kunsthändler die 82 Einzelstücke des Welfenschatzes im Januar 1930 für acht Millionen Reichsmark... was also heißt, jedes durchschnittlich für 800.000Mark. Entsprach das vielleicht dem Schätzwert?
Unwürdig und moralisch höchst fragwürdig ist, 1.wie Anwälte eine steinalte Erbin ausgraben und instrumentalisieren, 2. versuchen, mit der Nazi-Leier die SPK zu erpressen und 3. mit diesen Winkelzügen unser nationales Kulturgut zu verscherbeln.
Was man hat, hat man, nicht wahr? Ordentlich gestohlen, da wäre es ja noch schöner, dieser urdeutsche Schatz - Heinrich der Löwe! (Oder doch eher der Prügel-Prinz?) - geriete wieder in jüdische Hände, was?
Erpressung, werte Redaktion, ist ein Straftatbestand. Steht hier als Behauptung völlig unbeanstandet, bezogen auf die Ansprüche der Erben.
So verdreht man die Tatsachen: In Wirklichkeit wurden die früheren Besitzer erpresst, typisch deutsch scheint mir, das umzudrehen und die gerechtfertigten Ansprüche der Erben so zu diskreditieren.
Das ist blanker Antisemitismus, widerlich. Juristisch gesehen ist die Behauptung, die SPK solle erpresst werden, eine Verleumdung, sie zu veröffentlichen, ist rechtswidrig.
Warum erwägt der Anwalt keine Klage? Ist die Entscheidung vielleicht "moralisch fragwürdig", aber juristisch wasserdicht? Wenn das der Fall sein sollte, wäre der Versuch, über die Medien Druck auf die Stiftung aufzubauen, ebenfalls "moralisch höchst fragwürdig"...
als blutiger laie ohne ahnung zu diesem fall, aber mit interesse, habe ich folgende fragen:
1) wie ist der schatz in der besitz der stiftung gekommen? haben die haendler ihn ihr ohne vorabzahlung ueberlassen?
2) wieso sollten die vereinbarten 4.25 mio RM nicht dem damaligen handelswert entsprochen haben? die summe klingt doch wahnwitzig hoch angesichts der schwierigen damaligen situation fuer juedische buerger.
3) wurde der schatz von den sammlerfamilien auf aehnlich moralische und menschenwuerdige weise erworben wie das vermoegen vieler anderer bankiers-, sammler- oder immobilienfamilien?
vielen dank fuer auschluss.
Ich möchte keine Gefühle an dieser Stelle verletzen und auch nichts klein reden was grausam war.
Was ist eigentlich los bei uns in Deutschland, sollen wir eigentlich noch die nächsten 10 Generationen stramm stehen vor der Schuld ganz anderer Menschen?
Ich sehe den damalig gezahlten Preis als akzeptabel an, zumal man nicht genau sagen kann, weshalb das Stück nicht schon längst im Ausland war und überhaupt ein Verkauf stattfand.
Was meiner Ansicht nach jedoch überhaupt nicht akzeptabel ist, sind die Forderungen gute 70Jahre später.....in den letzten Jahrzehnten nach dem Krieg hatten die Familien das anscheinend vergessen sowas besessen zu haben?
Ich würde gerne sehen, das solche Lächerlichkeiten aufhören und wir endlich in Frieden mit einander leben können ohne ständig mit Opfer, Täter Bildern Besitzverhältnisse ändern zu wollen.
könnte das Kunstgewerbemuseum Berlin könnte seine Attraktivität (trotz seiner spuckehässlichen Architektur) weit eher dem geneigten Besucher vermitteln, würde es die Moderne und die zeitgenössische angewandte Kunst und das Design nicht so stiefmütterlich in den Keller verbannen. Womöglich wäre dann das krampfhafte Festhalten an Raubkunst nicht mehr ganz so notwendig.
Ein halbwegs zeitgenössischer Anfang für die Mode ist ja mit dem Ankauf der Sammlungen Kamer/Ruf und Richter gemacht. Es gibt aber noch ein paar weitere Genres zeitgenössischen Arbeitens in Berlin - notorisch unterpräsentiert - eine vornehme Aufgabe für ein Museum. Vielleicht sollte man im Kunstgewerbemuseum mal einen Blick nach Hamburg zum Museum für Kunst+Gewerbe werfen, das es sich zur Ehre macht, seit 1865 die alljährliche Kunst und Handwerk Messe zu veranstalten. In Berlin bleibt es aber leider beim Laienschauspiel der Zeughausmesse, organisiert durch den unterfinanzierten und -organisierten Angewandte Kunst Berlin Brandenburg e.V. Hier gelingt es, im Lichthof des Deutschen Historischen Museums - mitten zwischen Massen an Touristen weitgehend unter sich und damit wirtschaftlich unerfolgreich zu bleiben.
@doraemon: siehe Link am Ende des Artikels zur Vorgeschichte: http://www.zeit.de/2009/2...
daher aber auch die Fragen:
- 82 Stücke für 8 Mios angekauft
- 39 Stücke an Sammler ... für xxx ??? verkauft
- 42 Stücke für 4,25 Mios an Preußen verkauft
* es fehlt ein Stück ???
* ca. die Hälfte der Stücke für reichliche Hälfte an Preußen verkauft - klingt erst mal nicht schlecht - Wichtung/Werte der Tranchen ???
* Geldfluß - glaube nicht das der Ankauf bar erfolgt ist (bei 8 Mios) - also evtl. Kredit o.ä. - Tilgung/Rückzahlung ???
Ich bin natürlich für Rückführung von Kulturgütern und auch für Entschädigung / Wiedergutmachung gegenüber allen Opfern des NS-Regimes!!
Sehe aber hier schon Besonderheiten:
- kein Privateigentum, sondern Handelsware, Firmeneigentum --> also eher wie Entschädigung von enteigneten, günstig erworbenenen, ... Firmen
Und da es sich leider inzwischen in erster Linie um Bereicherung von Anwälten u.ä. geht, sollte immer sehr genau geprüft werden, was ich teilweise vermisse! Und nicht auf die Nazikeule sofort mit Schwanzeinziehen reagiert werden; berechtigte Forderungen aber natürlich seriös bearbeitet, entschieden und zurückgegeben/entschädigt werden im Sinne der ehemaligen Eigentümer (nicht der Anwälte, welche erst Kunst suchen und dann versuchen evtl. Eigentümer dazu zu finden).
Und in diesem speziellen Falle, falls berechtigt, natürlich Entschädigung vor Rückgabe (nationales Kulturgut)!
noch eine Bemerkung, auch zu den inzwischen hinzugekommenen Kommentaren (ich war etwas langsam ;-)
Ja, irgendwann sollte Schluß sein.
Soviel ich weiß führen viele Museen eine Vermißtenliste, weiß allerdings nicht, wie weit es da etwas Zentrales für diesen zeitraum gibt.
Auf alle Fälle hätte man so etwas schon vor Jahren anlegen sollen!!!
Wo alle involvierten Personen, Stiftungen, Museen ihre Ansprüche aus der NS-Zeit hinterlegen. Und ab einem Zeitpunkt wären keine Neueinträge mehr möglich.
Wie wär's dann hiermit?
Oder mit dem hier?
Alles nationales Kulturgut, nicht wahr?
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