Zwangsverheiratung Hochzeit mit der Cousine
Schon seit ihrer Jugend waren der Kölner Şenol und seine Cousine aus der Türkei einander versprochen. Irgendwann war es dann soweit. Doch er hielt es nicht aus

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Plötzlich war es so weit, er stand auf seiner eigenen Hochzeit
In der Nacht, bevor Şenol an seine Grenzen gelangte, war er schweißgebadet neben seiner Frau aufgewacht. Er beschloss, seine Frau und Cousine ersten Grades zu verlassen. Es war keine Hauruckentscheidung, einfach war das nicht. Şenol wollte diese Frau nie heiraten, er musste es tun, weil seine Familie es so wollte.
Die Geschichte des 22-jährigen Türken spielt nicht in einem fernen orientalischen Dorf, sondern in einem schlichten Wohngebiet mitten in Köln. In einer Familie, die ihre Kinder und ihre Wurzeln vor der Fremde schützen wollte. Şenols Eltern sind in den sechziger Jahren als Einwanderer aus dem türkischen Adana ins Rheinland gekommen. Die drei Söhne besuchen die Realschule, Şenol macht eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann.
Die Familie ist nicht besonders gläubig, die Mutter trägt kein Kopftuch und nur selten geht sie in die Moschee. Der Vater sitzt lieber in der Teestube und spielt Karten. Şenol wusste seit seiner Jugend, dass er der unbekannten Verwandten aus dem Heimatdorf seines Vaters versprochen worden war. Es ist eine Tradition aus archaischen Zeiten. Aber sie gilt nun einmal. Mit ihr soll der Zusammenhalt der über Tausende von Kilometern entfernt lebenden Verwandten erhalten bleiben.
Irgendwann hätten sich die Dinge verselbständigt, sagt Şenol. "Ich folgte nur noch den Wünschen der Familie und wollte niemanden verärgern. Bis ich plötzlich auf meiner eigenen Hochzeit stand." Das Paar heiratete 2007 erst in der Türkei, dann in Deutschland. Gefeiert haben sie in einem großen Saal in Brühl. Die 18-jährige Braut trug ein rotes Seidenband an ihrer Hüfte, als Zeichen für ihre Jungfräulichkeit.
Das Leben der Ehefrau sollte sich fortan zwischen Herd, Nachbarinnen und Schwiegereltern abspielen und Şenol sorgte für sie. So wünschten es sich die Familien des Paares. Şenol hat zunächst still gehalten. "Es war ein Fehler, keine Frage", sagt er. Die beiden wohnten in dem Haus seiner Eltern und schnell war klar, dass sie nicht zusammen passten. Sie hatten keine gemeinsamen Interessen, sein Türkisch ist brüchig, sie konnte kein Deutsch. Auch erotisch fühlte sich Şenol nicht zu ihr hingezogen. "Im Bett mit meiner Cousine, das ging einfach nicht." Sogar an Selbstmord habe er damals gedacht.
Die Zwangsverheiratung von Männern wird in Deutschland selten zum Thema gemacht. Die Opfer von Zwangsehen sind immer jung und weiblich. Nicht zuletzt wegen der sogenannten Ehrenmorde, über die regelmäßig berichtet wird, hat sich dieses verzerrte Bild in der Öffentlichkeit eingebrannt. Und weil die Medien die islamische Männerwelt als einen Parallelkosmos zeigen, in dem Möchtegern-Casanovas und raubeinige Unterdrücker leben, passt der muslimische Mann als Opfer nicht in die Integrationsdebatte.
„Weil sie immer stark sein sollen, führen viele Männer ein Doppelleben oder ersticken gar unter der großen Last, die Ehre der Familie tragen zu müssen", sagt Kazim Erdogan. Der Psychologe hat in Berlin-Neukölln eines der ersten Beratungsangebote für türkischsprachige Männer eingerichtet und spricht täglich mit jungen Männern, die gegen ihren Willen eine Ehe eingehen mussten. „Wer aber nicht über seine Sorgen reden kann, der neigt zu Depressionen oder im schlimmsten Fall sogar zu Gewalt", sagt Erdogan.
- Datum 02.06.2009 - 12:56 Uhr
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Ich finde es toll, wenn bekannte Themen mal aus einer ganz anderen Perspektive beleuchtet werden - und das ist dem Autor meiner Meinung nach sehr gut gelungen.
Es ist wahr, bei "Zwangsehe" hat man automatisch das Bild eines jungen weiblichen Opfers vor Augen. Dass Männer vermutlich fast genauso oft Opfer einer Zwangsehe sind, ist einem durch die einseitige Berichterstattung in den Medien gar nicht so bewusst.
Ich kann mich meinem Vorkommentator nur anschließen: ein wirklich informativer und auch berührender Artikel.
Was mich noch interessiert hätte: Wenn Senol nun eine neue Frau - egal ob Türkin oder Deutsche- kennenlernt und sich ernsthaft in sie verliebt; was kann er in diesem Fall tun? Gibt es einen Weg seine Ehe zu beenden, bei dem keiner der Beteiligten sein Gesicht verliert?
Bravo Senol! Für die südosttürkeilichen, teilweise unislamischen Sitten deiner Elterngeneration muss und darf deine arme Ehefrau nicht die Last alleine tragen. Es ist sehr lobenswert, dass du sie nicht einfach im Stich läßt.
Manfred Gutmensch aus Sichuan
Es ist anmassend, wenn man ein selbstbestimmtes Leben führen will und sich dem Diktat der Familie nicht bedingungslos unterordnet. Dies bedeutet schlicht die vollständige Verneinung des elementarsten Menschenrechts. Die Frau soll dienen und gebären, der Mann soll sie sexuell benutzen und ansonsten gehorchen. Diese "Tradition" ist mit unseren Wertvorstellungen absolut inkompatibel.
Der Artikel ist hervorragend
Wenn wir von Zwang sprechen, meinen wir den Druck, etwas gegen unseren Willen zu tun, ohne dass wir uns wehren können. Ich finde es schön, dass der Artikel zeigt, dass innere Konflikte diesen Zwang ebenso ausüben können wie eine Morddrohung. Und dadurch macht er aus dem, was die meisten Medien zu einer exotischen Gewalttat verdrehen, ein menschliches Leid, das in den Grundzügen auch hierzulande nicht unbekannt ist. In unserer Kultur gibt es keine Zwangsehen, aber den Zwang, jemand bestimmtes NICHT zu heiraten, sehr wohl. Der Kandidat hat nicht genug Geld, stammt aus dem falschen Land, der falschen Religion, was auch immer... Die Drohung ist Rauswurf, Ächtung, Enterbung, alles das. Ich könnte hier eine ganz ähnliche Tragödie erzählen, nur unter umgekehrten Vorzeichen eben: Eine Frau aus erzkatholischem Hause wagt es, ihren Eltern einen protestantischen und noch dazu geschiedenen Mann vorzustellen. Katastrophe! Endlich löst sie sich aus ihrer Not und lässt sich schwängern. Jetzt "müssen" sie heiraten - mit allen familiären Konsequenzen, die Sie sich vorstellen können....
Ich glaube Fontane hat es in seinem Gedicht doch sehr treffend ausgedrückt, drum sei es hier geschrieben.
»Und alles ohne Liebe«
Theodor Fontane
Die Mutter spricht: »Lieb Else mein,
Wozu dies Grämen und Härmen?
Man lebt sich ineinander ein,
Auch ohne viel zu schwärmen;
Wie manche nahm schon ihren Mann,
Daß sie nicht sitzen bliebe,
Und dünkte sich im Himmel dann
Und – alles ohne Liebe.«
Jung-Else hört's. Sie schloß das Band,
Das ewge, am Altare,
Und lächelnd nahm des Gatten Hand
Den Kranz aus ihrem Haare;
Ihr war's, als ob ein glühend Rot
Sich auf die Stirn ihr schriebe,
Sie gab ihr Alles, nach Gebot,
Und – alles ohne Liebe.
Der Mann ist schlecht: er liebt das Spiel
Und guten Trunk nicht minder,
Sein Weib zu Hause weint zu viel,
Und ewig schrein die Kinder;
Spät kommt er heim, er kost, er schlägt,
Nachgiebig jedem Triebe;
Sie trägt's, wie nur die Liebe trägt,
Und – alles ohne Liebe.
Sie wünscht sich oft, es wär vorbei,
Wenn nicht die Kinder wären,
So aber sucht sie stets aufs neu
Zum Guten es zu kehren;
Sie schmeichelt ihm, und ob er dann
Auch kalt beiseit sie schiebe,
Sie nennt ihn »ihren liebsten Mann«
Und – alles ohne Liebe.
...traurig und grausam zugleich dieses Mittelalter in dieser aufgeklärten deutschen Gesellschaft....
sind nicht mehr und nicht weniger als aktiv gegen das Einwanderungsland betriebene Desintegrationspolitik. Und natürlich trifft das auch Jungens. Es sind übrigens sehr viel öfter die Mütter, die ihre Töchter unters Kopftuch pressen und ihre Söhne zu Ehren-Gewalttaten drängen als die Väter. Die sind wenigstens beruflich in Deutschland unterwegs, während die Frauen in ihren Wohnungen wie in anatolischen Enklaven sitzen.
Um das klar zu stellen: Es geht nicht um Schuld, sondern um die elementare Frage, wie gross zivilisatorische Unterschiede gerade noch sein können, damit die Beteiligten kommunikativ kompatibel bleiben.
Wer versucht, einem konservativen SüdOst-Türken unseren Freiheitsbegriff zu erklären, der kann genau so gut versuchen , seinem eigenen Grossvater die Notwendigkeit objektorientierter Programmierung plausibel zu machen. In beiden Fällen dürfte das Ergebnis vorhersehbar sein.
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In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
ideologische Heimat hat: die FDP.…
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