Belletristik "Schreiben ist wie Kofferpacken"

Ihr Roman "Fluchtstücke" wurde weltweit zum Bestseller. Nun hat die kanadische Schriftstellerin Anne Michaels ihr neues Werk "Wintergewölbe" veröffentlicht. Die Autorin im Gespräch

Anne Michaels

Anne Michaels

ZEIT ONLINE: Frau Michaels, vor zehn Jahren lasen sie in Toronto aus Ihrem Roman Wintergewölbe. Erst jetzt ist er erschienen. Warum hat das so lange gedauert?

Anne Michaels: Allein drei Jahre habe ich damit zugebracht, in der ganzen Welt über meinen ersten Roman, Fluchtstücke, zu sprechen, er erschien in dieser Zeit in einem Land nach dem anderen. Diese ganze Reiserei unterbricht einfach alles, man kommt zu nichts.

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ZEIT ONLINE: Parallel haben Sie geschrieben?

Michaels: Eigentlich könnte ich auch ganz dreist sagen: He, ich habe in dieser Zeit zwei Kinder bekommen. Eltern, die das hören, würden sofort sagen: alles klar. Doch, natürlich saß ich auch an meinem Hauptprojekt – dem Buch.

ZEIT ONLINE: Wieso war die Arbeit daran denn so langwierig?

Michaels: Für Wintergewölbe musste ich unglaublich viel recherchieren. Das hieß nicht nur, sich in historische Themen einzulesen, auch Botanik gehörte dazu, Technisches, Ingenieurswesen. Ich musste verstehen, was es heißt, ein Gebäude zu bauen und es wieder auseinander zu nehmen. Das dauert.

ZEIT ONLINE: Dieses Wissen merkt man Ihrer Geschichte an: Es geht um Zerstörung und Rekonstruktion. Da ist der Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten und des Saint Lawrence-Seewegs in Kanada sowie der minutiöse Wiederaufbau Warschaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Wieso ausgerechnet diese drei?

Michaels: Es gäbe natürlich auch zeitgenössische Beispiele, aber ich wollte etwas, das einerseits zeitlich so weit weg ist, um es sich aus der Distanz anzuschauen; andererseits durfte es nicht zu lange her sein, man sollte sich noch erinnern. Es dauert, bis sich das Ausmaß der Folgen zeigt, die diese Bauten, diese Landschaftsmanipulation mit sich bringen. Es geht in allen drei Fällen darum, was es bedeutet, enteignet und vertrieben zu werden. Die Charaktere stellen sich immer wieder die Frage: Was bleibt?

ZEIT ONLINE: Waren Sie denn überall dort?

Michaels: Es gibt zwei Denkschulen: Die einen gehen an die Orte ihrer Handlung, obwohl sie oft wissen, dass das, was sie suchen, weg ist. Oder sie gehen erst gar nicht hin, sondern suchen zusammen, was übrig blieb, die ganzen Spuren. Ich habe ein bisschen beides gemacht.

ZEIT ONLINE: Was heißt das? Waren Sie in Warschau, am Assuan-Staudamm?

Michaels: Nein – aber fast. Das klingt vielleicht albern, aber ich hatte das Gefühl, dem Ganzen näher zu kommen, indem ich die Überreste aus der Zeit vor dem Bau des Damms anschaute, Photos, Archivmaterial. Und eben nicht den Nassersee, der ja erst durch den Staudamm entstanden ist.

ZEIT ONLINE: Den Saint Lawrence-Seeweg haben Sie gesehen, der ist quasi vor Ihrer Haustür.

Michaels: Klar, den Fluss kenne ich gut. Übrigens: Wenn das Wasser im Herbst niedrig steht, kann man direkt unter der Wasseroberfläche noch die alten Gehwege der Dörfer sehen, die für den Bau des Seewegs überflutet werden mussten.

ZEIT ONLINE: Ist diese Geschichte in Kanada bekannt?

Michaels: Es ist komisch: Obwohl es ist nicht so lange her ist, haben die meisten noch nie davon gehört.

ZEIT ONLINE: Bei der Eröffnung 1959 waren Sie ein Jahr alt.

Michaels: Ja, aber ich habe Kindheitserinnerungen. Daran, dass der Bau als Meisterwerk der Ingenieurskunst galt. Endlich war der Seeweg fertig, er war Kanadas ganzer Stolz. Die Dörfer opferte man da gerne dem Fortschritt. Die ehemaligen Bewohner haben übrigens ein kleines Museum eingerichtet, mit Photos, Tonbändern, Alltagsgegenständen, da habe ich viel recherchiert.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie dort Aha-Momente und wussten: Das kommt ins Buch?

Michaels: Absolut. Als der Seeweg gebaut wurde, fragte das Bauunternehmen die Anwohner der betroffenen Dörfer, ob sie ihre Toten umbetten wollen. Die meisten lehnten ab. Jahrelang schwamm keiner in dem Fluss, weil alle dachten, die Toten könnten im Wasser treiben. Wenn man eine solche Geschichte hört, ist sofort klar: Sie wirkt direkt. Auch wenn wir denken, dass uns Gräber und Tod nicht interessieren. So ein Bild umgeht alle Hürden, wie Musik. Bei Warschau war es so ähnlich.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Michaels: Als ich las, dass die Altstadt wieder aufgebaut wurde, exakt so, wie sie vor dem Krieg gewesen war. Das Verlangen, die Vergangenheit, die Toten wieder zurück zu holen, ist unglaublich nachvollziehbar. Aber gleichzeitig tragisch: Denn eine Kopie ist eben nur eine Kopie.

ZEIT ONLINE: Was sagt uns das über unser Verhältnis zu Geschichte? Das ist hier aktuell: In Berlin soll das Stadtschloss wiederaufgebaut werden, das im Krieg zerstört wurde.

Michaels: Ein schwieriges Thema. Deshalb umkreist mein Buch diese Frage auch in vielen Varianten.

ZEIT ONLINE: Sie haben keine Meinung?

Michaels: Naja, es fällt mir schwer zu sagen, was richtig ist und was nicht. Mir scheint, die Öffentlichkeit entscheidet, was sie braucht. Ich bin sicher, dass es Wege gibt, etwas wiederaufzubauen, ohne dass es eine Täuschung ist, eine Form des Vergessens. Mit der Sprache ist es so ähnlich: Um adäquat von den Gräueln des Zweiten Weltkriegs zu erzählen, hätte ich Fluchtstücke auch in einer sehr hässlichen, brutalen Sprache schreiben können. Aber Sprache kann das Schreckliche nicht derart abbilden. Am wichtigsten ist, dass die Intention einer solchen Nachbildung klar ist. Das gilt auch für Architektur.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich verantwortlich, Geschichten zu bewahren, die sonst verloren gehen würden?

Michaels: Ja, jeder Autor hat diese Aufgabe. Wir sind alle Retter von Geschichten. Denn was wäre sonst? Wir würden in einer Gesellschaft leben, die unter kollektiver Amnesie leidet.

ZEIT ONLINE: Sagen Sie das auch Ihren Studenten an der Universität Toronto?

Michaels: Ich bin eher Betreuerin als Dozentin. Ich habe einen Studenten im Jahr. Wer einen Master in kreativem Schreiben macht, muss als Abschlussarbeit ein fertiges Manuskript abgeben. Dabei helfe ich. Es ist ungemein aufregend, dabei zu sein, wenn jemand seine Stimme als Autor findet.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie denn angefangen zu schreiben?

Michaels: Als Kind.

ZEIT ONLINE: Als Spiel?

Michaels: Nein, ich wollte immer etwas zu vermitteln. Ich konnte mir nie vorstellen, jemals etwas anderes zu tun als das. Egal, in welchem Genre. Ob Theaterstück, Kinderbücher, die aber noch nicht veröffentlicht sind, oder Oratorien.

ZEIT ONLINE: In Kanada waren Sie lange vor allem für Ihre Gedichte bekannt. Trennen Sie zwischen Ihrer Lyrik und Ihrer Prosa?

Michaels: Ganz grundsätzlich: Ich finde, es darf kein Wort verschwendet werden, egal ob es sich um ein Gedicht oder um 400 Seiten handelt. Das hat für mich mit Respekt gegenüber dem Leser zu tun. Wenn Du etwas erzählst, das Dir viel bedeutet, haben Worte eine gewisse Präzision verdient. Nicht nur, damit die Fakten stimmen. Worte müssen das Undefinierbare erfassen, das immer mitschwingt. Das klingt wie ein Oxymoron.

ZEIT ONLINE: Das klingt so, als schrieben Sie viel um.

Michaels: Ja, es ist manchmal wie Kofferpacken. Du hast einen Berg von Sachen, die alle in den Koffer müssen. Aber es passt nur, wenn Du die Dinge an den richtigen Ort packst.

ZEIT ONLINE: Wie läuft das Packen denn gerade?

Michaels: Ich habe schon ein Drittel meines neuen Romans geschafft. Ich kann nur inständig bitten, was oder wer da auch immer ist, der dieses Flehen hört, dass ich dieses Buch um einiges schneller fertig bekomme. Aber ich habe das Gefühl, diesmal könnte es klappen.

Das Gespräch führte Anne Haeming

 
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