Arcandor-Insolvenz Bei Quelle wächst die Wut

Hart haben sie um Hilfen des Staates gekämpft. Umsonst. Der Versandhändler Quelle geht mit der Mutter Arcandor in die Insolvenz. Wie zwei Betriebsräte die Pleite erleben

Bis zuletzt, sagt Beate Ulonska, habe sie geglaubt hat, dass die Regierung einspringen werde. Sie hat es einfach nicht für möglich gehalten, dass man sie und ihre Tausenden Kollegen einfach fallen lassen würde. Nicht so schnell zumindest. Warum, fragt sie, hat die Kanzlerin nicht noch einmal zu einem Runden Tisch geladen? Warum war stets die Rede davon, die Konzernmutter Arcandor müsse die "Kriterien" für Staatshilfen erfüllen, wenn doch diese Kriterien am Ende überhaupt nicht mehr klar gewesen sein? "Die Enttäuschung ist maßlos", sagt sie.

Ulonska sitzt in einem Büro in der Konzernzentrale in Essen. Sie ist Betriebsrätin der Quelle-Zentrale in Fürth, zuständig für 2500 Beschäftigte, die nun um ihren Job fürchten, seit der Mutterkonzern Arcandor am Dienstagnachmittag Insolvenz beantragt hat. Wochenlang redete die Republik über Karstadt. Rund 32.000 Jobs stehen bei dem Warenhausunternehmen auf dem Spiel. Über Quelle sprach jedoch kaum jemand, obwohl es bei der Arcandor-Tochter ebenfalls um rund 15.000 Jobs geht. Man sei in dem ganzen Szenario untergegangen, klagt man im Betriebsrat des Unternehmens.

Ulonska hat deshalb so viel Wind gemacht wie möglich. Sie hat vergangenen Mittwoch 4000 Quelle-Mitarbeiter in Nürnberg zusammengetrommelt, um für Hilfen des Staates zu demonstrieren. Die beantragte Bürgschaft von 630 Millionen Euro oder ein Notfallkredit hätten den Konzern und damit auch Quelle erstmal gerettet, ist sie sich sicher. Bayerns Umweltminister Markus Söder reiste an und versprach, man werde sich für Bürgschaften stark machen – "wenn die Möglichkeit besteht“. Ministerpräsident Horst Seehofer forderte, der Lenkungsausschuss des Deutschlandsfonds möge den Antrag "objektiv und sorgfältig prüfen".

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Dann aber passierten Dinge, die die Betriebsrätin bis heute nicht versteht. In Brüssel ließ EU-Wettbewerbskommissarin Nellie Kroes verlauten, man sehe eine Staatsbürgschaft für den Arcandor-Konzern kritisch. Kurz darauf hörte Ulonska im Radio, wie  Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte, man müsse die Entscheidung aus Brüssel ernst nehmen. Seither habe die Regierung stets darauf gepocht, Eigentümer und Gläubiger müssten einen stärkeren Beitrag leisten, sagt Ulonska. "In Wahrheit aber haben wir nie eine wirkliche Chance bekommen".

Die Betriebsrätin ist überzeugt, dass die Beschäftigten von Quelle und die übrigen Kollegen bei Karstadt Opfer einer politischen Auseinandersetzung seien, die derzeit in Berlin geführt wird. Bereits die Opel-Rettung war innerhalb der Union heftig umstritten, die SPD gab sich jedoch als Retter in der Not und trieb den Koaltionspartner im Europawahlkampf mit immer neuen Rettungsforderungen vor sich her. Nun, da die SPD am Sonntag so kräftig verloren hat, wollen die Kanzlerin und ihr Wirtschaftsminister davon nichts mehr wissen. "Da wurde eine politische Entscheidung auf unserem Rücken ausgetragen", klagt Ulonska. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Regierung Opel beispringt, Arcandor aber in die Insolvenz schickt?

"Das ist der Super-Gau", sagt Ernst Sindel. Er ist Gesamtbetriebsrat der Quelle GmbH, seit 30 Jahren, bei dem Versandhändler arbeitet er seit den siebziger Jahren. Er hat noch erlebt, wie das Geschäft florierte, als sie im Frankenland vom Versandhaus der Greta Schickedanz als "Quelle des Wohlstands" sprachen. Er war auch dabei, als es in den neunziger Jahren langsam bergab ging und es die ersten betriebsbedingten Kündigungen gab. Danach schrumpfte Quelle immer weiter. Er selbst hat 2005 einen Sanierungstarifvertrtag mit ausgehandelt, durch den die Beschäftigten seither auf Teile ihres Gehalts verzichten. "So etwas wie heute, blieb uns aber bislang erspart", sagt Sindel.

Leser-Kommentare
    • TDU
    • 09.06.2009 um 19:33 Uhr

    Auch bei oberflächlicher Beobachtung des gesamten Themas, was jetzt doch mindestens 5 Jahre ansteht, mit einem Herrn xY angeblich gelöst war, ist man ratlos, wie sich das Managment dieser Warenhäuser auf Staatshilfen fokussiert.

    Was also jahrelang vor sich hergeschoben wurde, soll plötzlich durch den Staat erledigt werden. Man bekommt ja das Gefühl, man hätte die Gelegenheit genutzt. Ein Vorwand und ein Schuldiger ist da. Der Staat muss herhalten für das, was man selbst verbockt hat, und natürlich wäre einen vorherige harte Sanierung unpopulär gewesen.

    Wie heisst es so schön: Gelegenheit macht Diebe, vielleicht kann man das abwandeln: Gelegenheit macht Insolvenz.

  1. das Freie Marktwirtschaft naiv sein ist absurd. Wer ein Unternehmen wie Quelle erfolgreich aufgebaut und geführt hat und die veränderten Marktbedingungen, die durch Anbieter aus dem Internet, logischerweise erkennt, verkauft solange es einen guten Preis dafür gibt. Egal an wen.
    Trotz aller Anerkennung für den geleisteten Einsatz der Mitarbeiter, in einem Unternehmen, bleibt ein Mitarbeiter ein Mitarbeiter, - und damit einflusslos auf Managemententscheidungen. Arbeitslosigkeit mit Staatshilfen abwenden zu wollen ist krude Planwirtschaft und hilft weder dem Staat der sich mit dem Verlust der Steuerzahlungen der Lohnabhängigen besser abfindet so lange noch etwas Geld da ist als es in überholten Wirtschaftskonzepten verbrennt.

  2. Zum Einen:

    Seit Jahren jammert der Einzelhandel wegen der Kaufzurückhaltung der Kunden herum. Das Weihnachtsgeschäft müsse es nun richten, so heisst es jedes Jahr. In der Zeit zwischen dem 24.12. und dem 31.12. eines jeden Jahres wurden Jubelmeldungen verkündet - alles sei ein voller Erfolg gewesen. Wenn dann im neuen Jahr die Quartalszahlen vorgelegt werden, gibt man sich dann wiederum vorstandseitig schwer vom Weihnachtsgeschäft enttäuscht... Angesichts der Arcandor-Pleite sehe ich da Handlungsbedarf. Für mich steht da durchaus ein gewisser Verdacht im Raum... Die Juristen sollten sich einmal mit den Bilanzen und den Pressemitteilungen des Konzerns zum Jahresschluss näher beschäftigen.

    Zum Anderen:

    Leute, lasst Euch nichts vormachen: die Arcandor-Pleite ist nur ein Symptom der Krise. Einer Krise, die viel tiefer geht, als man es politischer- und wirtschaftlicherseits wahr haben will. Man will es einfach nicht glauben:

    Wer kein Geld hat, weil er nichts verdient, kann sich auch nichts kaufen. Wenn die Leute sich nichts kaufen können, wird auch nichts verkauft. Und wenn nichts mehr verkauft wird, weil die Leute kein Geld mehr haben, wird auch kein Gewinn mehr gemacht. So einfach ist das. Aber trotz rapide sinkender Reallöhne will man davon in Politik und Wirtschaft absolut nichts wissen.

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    Danke für diesen guten Kommentar! Wenn man auf Löhne nur als Produktionsfaktoren schaut, kann man in der Tat auf die Idee kommen, dass je niedriger je besser ist. Wenn man die Lohnempfänger aber als Endkonsumenten sieht, wird die Lage kritischer. Letztendlich geht es sowohl einer Gesellschaft als auch einer Ökonomie besser, wenn Einkommen gleicher verteilt sind: Mehr vom Einkommen wird dann nämlich für den Konsum ausgegeben, während bei einer großen Einkommensschere die Ärmsten zu wenig ausgeben für den Konsum (und um die produkte der Unternehmen abzunehmen), während die Reicheren ihren Basiskonsumbedarf bald gestillt haben und dann nach attraktiven Anlageformen suchen.

    Danke für diesen guten Kommentar! Wenn man auf Löhne nur als Produktionsfaktoren schaut, kann man in der Tat auf die Idee kommen, dass je niedriger je besser ist. Wenn man die Lohnempfänger aber als Endkonsumenten sieht, wird die Lage kritischer. Letztendlich geht es sowohl einer Gesellschaft als auch einer Ökonomie besser, wenn Einkommen gleicher verteilt sind: Mehr vom Einkommen wird dann nämlich für den Konsum ausgegeben, während bei einer großen Einkommensschere die Ärmsten zu wenig ausgeben für den Konsum (und um die produkte der Unternehmen abzunehmen), während die Reicheren ihren Basiskonsumbedarf bald gestillt haben und dann nach attraktiven Anlageformen suchen.

  3. > Die beantragte Bürgschaft von 630 Millionen Euro oder ein Notfallkredit hätten den Konzern und damit auch Quelle erstmal gerettet ..... <

    Erstmal ... genau ... und dann? Was hätte sich dann verändert? Wären plötzlich die Umsätze und Erträge gestiegen?

    Bürgschaften und Kredite hätten den Tod nur hinausgeschoben genauso wie künstliche Ernährung bei einem Todkranken. Klingt brutal aber das ist nun mal die Wirklichkeit. Es wird Zeit mit dem Träumen in diesen Sphären aufzuhören.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

  4. 5. Danke

    Danke für diesen guten Kommentar! Wenn man auf Löhne nur als Produktionsfaktoren schaut, kann man in der Tat auf die Idee kommen, dass je niedriger je besser ist. Wenn man die Lohnempfänger aber als Endkonsumenten sieht, wird die Lage kritischer. Letztendlich geht es sowohl einer Gesellschaft als auch einer Ökonomie besser, wenn Einkommen gleicher verteilt sind: Mehr vom Einkommen wird dann nämlich für den Konsum ausgegeben, während bei einer großen Einkommensschere die Ärmsten zu wenig ausgeben für den Konsum (und um die produkte der Unternehmen abzunehmen), während die Reicheren ihren Basiskonsumbedarf bald gestillt haben und dann nach attraktiven Anlageformen suchen.

  5. ist doch schon wirklich immens, wenn man sich das vorstellt, die letzten 5 bis 10 Jahre in einer Firma gearbeitet zu haben, in der die grossen Chefsanierer sich mit dubiosen Immobilienverkäufen Millionen in die eigene Tasche wirtschaften, die Angestellten durch ständig neue Unheilprophezeiungen zu Lohnverzicht und unbezahlter Mehrarbeit zwingen, sich dann vom Staat Sozialabgaben für Zwangsversicherungen erpressen lassen, die im Zweifelsfall nicht zahlen, und dann noch bei Kündigung brav die Tür hinter sich abschliessen und gehen, ohne wenigstens vorher den Laden mit Hammer, Feuerzeug und Benzin in einen, sagen wir mal, "Rohbauzustand" zurückversetzt zu haben.

  6. Wie sonst lässt sich erklären, dass die Regierung Opel gerettet hat, Arcandor aber in die Insolvenz schickt?

    Weil Opel (scheinbar) noch vor der Krise wirtschaftlich produziert hat und (angeblich) in Zukunft, also nach der Krise, auch wieder wirtschaftlich produzieren kann. Ich halte zwar nichts von einer Rettungsaktion für Opel, aber was solls.

    Im Artikel selbst stehen eigentlich auch schon die Antworten auf Frau Ulonskas seltsame Fragen:

    [...]Er war auch dabei, als es in den neunziger Jahren langsam bergab ging und es die ersten betriebsbedingten Kündigungen gab. Danach schrumpfte Quelle immer weiter. Er selbst hat 2005 einen Sanierungstarifvertrtag mit ausgehandelt, durch den die Beschäftigten seither auf Teile ihres Gehalts verzichten.[...]

    [...]In den angestammten Märkten aber kommt Quelle nicht mehr auf den Boden.[...]

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    • Lyaran
    • 10.06.2009 um 1:52 Uhr

    Und genau deswegen stellt sich die Frau eben die Frage warum Opel künstlich am Leben gehalten wird (mit erheblich höheren Summen) und Arcandor nicht. Berechtigt. Eigentlich hätte Opel auch in die Insolvenz gehört.

    • Lyaran
    • 10.06.2009 um 1:52 Uhr

    Und genau deswegen stellt sich die Frau eben die Frage warum Opel künstlich am Leben gehalten wird (mit erheblich höheren Summen) und Arcandor nicht. Berechtigt. Eigentlich hätte Opel auch in die Insolvenz gehört.

    • Lyaran
    • 10.06.2009 um 1:52 Uhr

    Und genau deswegen stellt sich die Frau eben die Frage warum Opel künstlich am Leben gehalten wird (mit erheblich höheren Summen) und Arcandor nicht. Berechtigt. Eigentlich hätte Opel auch in die Insolvenz gehört.

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