Warenhauskrise Insolvenz soll Karstadt retten

Bestürzung bei den Karstadt- und Quelle-Mitarbeitern, Zuversicht in der Chefetage: Arcandor-Chef Eick zeigt sich nach dem Insolvenzantrag kämpferisch

"Der Antrag auf Insolvenz ist eine Chance": Während Hunderte Mitarbeiter am Dienstag bestürzt und mit Tränen in den Augen die Arcandor-Zentrale in Essen verließen, gab sich der Vorstandschef des Handels- und Touristikkonzern, Karl-Gerhard Eick, zuversichtlich. "Wir stecken auch jetzt den Kopf nicht in den Sand". Das Unternehmen werde sein Sanierungskonzept vorantreiben. "Ich bin überzeugt, dass die Restrukturierung nun unter Zuhilfenahme des Insolvenzrechts sogar beschleunigt werden kann".

Angestrebt ist ein sogenanntes Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung, bei dem das bisherige Management an Bord bleibt. Zunächst wurde ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt, der anders als die bisherige Unternehmensführung weit mehr Möglichkeiten hat, Arcandor zu sanieren. So kann er langfristige Verträge kündigen, sowohl mit Vermietern als auch mit Lieferanten – und diese womöglich nachverhandeln.

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Der Kölner Anwalt Klaus Hubert Görg wird diesen Posten übernehmen und damit für alle vier Insolvenzverfahren zuständig sein. Görg, Chef der Wirtschaftskanzlei Görg Partnerschaft und Rechtsanwälte gilt als graue Eminenz bei großen Insolvenzen. Der Jurist spielte eine Schlüsselrolle bei den Insolvenzen des Medienunternehmens Kirch und des Bauriesen Philipp Holzmann.

Mit an Bord ist auch der Düsseldorfer Insolvenzspezialist Horst Piepenburg, der als neuer Generalbevollmächtigter das operative Geschäft des Konzerns weiterführen soll. Er steht Arcandor-Chef Eick bereits seit einiger Zeit als Berater zur Seite und habe sich in dieser Funktion "in die komplexen Konzernstrukturen und Geschäftsabläufe der Gruppe eingearbeitet", wie Arcandor mitteilte. Piepenburg machte sich unter anderem bei der Sanierung des insolventen Anlagenbauer Babcock Borsig, des Briefdienstleisters Pin Group sowie der ehemaligen Karstadt-Tochter Sinn-Leffers einen Namen. Ginge es nach ihm, soll der Konzern nicht zerschlagen, sondern als Ganzes erhalten bleiben. "Ich sehe gute Chancen, dass wir unser Ziel erreichen. Ich übernehme keine aussichtslosen Mandate."

Rund 128 Jahre nach Gründung des ersten Warenhauses droht dem Essener Konzern um die traditionsreiche Kaufhaus-Kette Karstadt die Zerschlagung. Am Dienstagmittag hatte Arcandor seinen Kampf um Staatshilfe aufgegeben und Insolvenz angemeldet. Beim zuständigen Amtsgericht Essen gingen entsprechende Anträge für die Arcandor AG sowie die Tochterunternehmen Karstadt Warenhaus GmbH, die Primondo GmbH und die Quelle GmbH ein. Ausgenommen sind dabei der Reiseanbieter Thomas Cook, die Primondo-Specialty Group GmbH mit ihren Tochter- und Beteiligungsgesellschaften sowie der Homeshopping-Sender HSE24.

Laut Unternehmenssprecher Gerd Koslowski musste Arcandor diesen Weg gehen, da sonst die Zahlungsunfähigkeit gedroht habe. Grund seien kurzfristig fällig werdende Darlehen in Höhe von 710 Millionen Euro. Ziel sei es nun, "das Unternehmen zu sanieren und den Fortbestand zu sichern". Die Haupteigentümer würden sich unverändert zum Fortbestand des Unternehmens bekennen.

Für Kunden soll es keine Einschränkungen geben. "Alle Geschäfte laufen ungehindert weiter". Garantien, Anzahlungen oder Rückgaberechte würden nicht angetastet. Auch Lieferanten und die Gehälter der Beschäftigten würden bezahlt. Für die 43.000 betroffenen Mitarbeiter werde bis August die Bundesagentur für Arbeit Insolvenzgeld zahlen.

Trotz dieser Zusagen haben viele Mitarbeiter mit Entsetzen und Tränen auf die Nachricht reagiert. "Das ist durchgegangen wie eine Explosion", sagte Betriebsrätin Gabriele Schuster. "Die Stimmung ist grausam, die Mitarbeiter weinen." Jetzt würden bei der Sanierung sicher viele Stellen gestrichen, fürchtet sie. Zahlreiche Beschäftigte verließen schweigend und mit gesenkten Köpfen die Arcandor-Zentrale in Essen. Vorstandschef Eick dankte den Mitarbeitern: "Wir werden darum kämpfen, möglichst viele Arbeitsplätze und Standorte zu erhalten sowie die wertvollen deutschen Traditionsmarken in eine gute Zukunft zu führen." 

Nach den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel wird sich Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg "schnell mit den Personalvertretungen an einen Tisch setzen". Sie schränkte allerdings ein, dass die Politik auch nur soviel tun könne, wie ihr möglich sei. Dennoch sieht sie in dem Insolvenzantrag die Chance, "Beschäftigung zu erhalten", insbesondere durch ein Zusammengehen von Arcandor mit dem Konkurrenten, dem Kaufhof-Mutterkonzern Metro.

Verhandlungen über eine Fusion von Karstadt und Kaufhof zu einer neuen Deutschen Warenhaus AG sollen "zeitnah" weitergeführt werden. "An unserem Konzept halten wir unverändert fest. Die Tür für Gespräche und Verhandlungen steht offen", sagte Metro-Sprecher Michael Inacker. Hierzu gehörten auch Gespräche mit Eigentümern und Vermietern. Metro habe ein großes Interesse daran, schnell mit Karstadt zu einer Lösung zu kommen, damit die Rettung der Warenhäuser nicht durch die Insolvenz verzögert werde.

Nach den Plänen von Metro soll das neue Unternehmen 160 Filialen weiter betreiben, darunter wären 60 der derzeit 90 Karstadt-Häuser. Die anderen 30 will Metro-Chef Eckhard Cordes schließen. 5000 Arbeitsplätze sollen nach Angaben von Metro dadurch wegfallen. Auch die Hamburger Otto Group sowie der Rewe-Konzern stehen als Investoren bereit. Sie interessieren sich für den Versandhandel Quelle beziehungsweise für die Touristiksparte Thomas Cook.

Durch die Insolvenz von Arcandor verbessert sich nun vor allem die Position von Metro. Jetzt könne Metro-Chef Cordes die "Bedingungen weitgehend diktieren", sagte der Insolvenzexperte Hans Haarmeyer von der Fachhochschule Koblenz. Arcandors Konkurrent könne sich nun die wertvollsten Filialen hinauspicken und die restlichen Häuser mit ihren Schulden in der Insolvenzmasse belassen. Ähnliche strategische Vorteile hätte auch der Hamburger Otto-Versand, sollte er die ebenfalls insolvente Quelle GmbH übernehmen.

Für die neuen Investoren wäre es zudem leichter, Jobs zu streichen, um Kosten zu sparen. Der Beschäftigungspakt, den Arcandor mit rund 32.000 seiner insgesamt 50.000 Beschäftigen abgeschlossen hat, würde im Falle einer Insolvenz hinfällig werden. Auch deshalb traut man bei der Gewerkschaft ver.di den Versprechungen Cordes’ nicht.

Doch nicht nur die Beschäftigten müssen mit Verlusten rechnen. Auch die Besitzer der Immobilien und ihre Gläubiger wären betroffen. Die Eigentümer der Karstadt-Kaufhäuser, mehrere Finanzinvestoren, kassierten bisher enorm hohe Mieten: für die Häuser in München, Leipzig, Potsdam, Wiesbaden und Karlsruhe pro Jahr 42,6 Millionen Euro, für die restlichen Immobilien 280 Millionen Euro jährlich. Diese Zahlungen bleiben nun vorerst aus.

Das Ringen um eine Zukunft für Arcandor und die Karstadt-Warenhäuser zog sich über mehrere Wochen hin. Noch bis Dienstag wollte Arcandor mit Hilfe des Staates eine Insolvenz abwenden. Doch der Bund lehnte die von Arcandor beantragte Staatsgarantie und eine Rettungsbeihilfe über 437 Millionen Euro ab und verlangte von Banken, Vermietern und Eigentümern des Unternehmens weitere Zugeständnisse. Daraufhin hatte die Arcandor-Spitze die Nacht durch mit allen Beteiligten verhandelt – und schließlich auch die Hereingabe eines zweiten, verbesserten Antrags verworfen.

Der Bund hatte zuletzt seine Bedingungen für die Rettungsbeihilfe – "signifikante Beiträge der Eigentümer" (Guttenberg) – auch öffentlich formuliert: Die von den Eignern, sprich der Kölner Privatbank Sal Oppenheim und der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz angebotene Kapitalerhöhung um 150 Millionen Euro reiche nicht aus. Auch am Dienstag rechtfertigte Kanzlerin Merkel die Entscheidung des Bundes, keine Hilfen zu gewähren: "Die Zusagen der Gläubiger waren absolut nicht genug".

 
Leser-Kommentare
  1. "Was will das Unternehmen unternehmen wenn der Staat tatsächlich mit Krediten/Bürgschaften helfen würde?" Was wird sich ändern und wie sähe eine Planung für die Zukunft aus?

    Bisher wurde in allen Berichten nur über Staatshilfen debattiert, nicht aber über ein Zukunftskonzept.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

    • spacko
    • 09.06.2009 um 13:42 Uhr
    2. jetzt

    Arcandor will Insolvenz beantragen

    Jetzt tut es doch ENDLICH!

    • nolano
    • 09.06.2009 um 14:01 Uhr

    Die Arcandor Chefs haben lange und hoch gepokert. Und das in aller Öffentlichkeit. Wen wundert es also, dass nach den Meldungen über nicht gezahlte Mieten jetzt der Staatsanwalt um die Ecke biegt. Alle Achtung vor Eick, er hat kein leichtes Erbe angetreten und kann leider für die derzeitige Situation gar nichts. Aber es wäre ehrliche gewesen direkt und ohne Zaudern und Lamentieren in ein Planinsolvenzverfahren einzutreten. Auch wenn die deutsche Medienlandschaft erst langsam anfängt, den Tenor über eine "drohende Insolvenz" in die "Chancen der Insolvenz" zu verwandeln. Da hätte ich mir anstelle der Mitleidstour mehr fundierte Meinungsbildung über die Chancen einer Insolvenz gewünscht - ebenso wie bei Opel.

  2. Meine lieben Freunde,

    bevor hier nun wieder fleissig Managerbashing betrieben wird (ich weiss, für uns Deutsche ist es sehr sehr schwer ohne Feindbild zu leben), so seien doch ein paar Punkte angemerkt.

    a) Rolle der Gewerkschaften
    Die Finanznot des Hauses KarstadtQuelle ist nicht neu. Die Diskussion gab es bereits vor ein paar Jahren. Damals wollte man unrentable Häuser (das hat überhaupt nichts mit Gewinnmaximierung zu tun - nur um den üblichen Beissreflexen vorzubeugen) schliessen. Wer hat das verhindert? Wer hat gestreikt? Richtig, unsere weitsichtigen Gewerkschaftsfreunde.

    Das Personal kam damals insoweit entgegen, dass es auf das Weihnachtsgeld verzichtete.

    Nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bemerke nur: man hat vor 4 Jahren den Jobverlust von ca. 5.000 Personen verhindert; dem Konzern aber trotzdem die unrentablen Häuser gelassen. Langfristig konnte das nicht gut sein. Unsere glorreichen Gewerkschafter haben also -um kurzfristig 5.000 Jobs zu sichern- mittelfristig 56.000 Jobs aufs Spiel gesetzt.

    b) "Shopping" im Karstadt
    Ich darf mich zunächst für dieses Neudeutsch entschuldigen. Aber mal im Ernst. Selbst ich als armer Student bin ab und an einkaufen. Zuletzt war ich in einer süddeutschen Stadt im Hause Karstadt. Mein Konsumtrieb zielte auch Küchenaccessoirs (ja, ich koche und backe gern). Ich nun in dieser Abteilung, soweit hilflos. Die Abteilung quasi menschenleer. Bis auf zwei Angestellte, die sich lautstark unterhielten. Ich wartete fünf Minuten, es passierte nichts. Die beiden Damen unterhalten sich weiter. Was nun?

    Ich frage die beiden Damen höflich, ob ich in der Pause stören würde. Daraufhin beeilten sich beide und bedienten mich äusserst freundlich.

    Nun, ich bin wirklich kein typischer Kunde dieses Hauses. Aber, ich habe in den letzten Tagen immer wieder von Defiziten der Aufmerksamkeit der Mitarbeiterinnen gehört. Das mögen freilich nicht alle sein, die Hälfte vergrämt einem das "shoppen" aber ganz schnell.

    Nun stehen eben jene Damen betroffen auf der Strasse und demonstrieren fürm ihren Job. Soll ich da wirklich Mitleid empfinden.

    Worauf ich hinaus will, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist hier allein "Missmanagement" des Managements schuld?

    Ich höre immer wieder Klagen, Karstadt sei nicht mit der Zeit gegangen (was nun wirklich kein Plädoyer für den Zeitgeist sein soll), aber, ist es nicht auch Aufgabe der Beschäftigten, auf Trends und Nachfragen der Kunden zu reagieren und diese vielleicht weiterleiten.

    Ich meine, es ist doch nicht nur die Aufgabe der Mitarbeiter dazustehen. Die Geschichte hat wohl viele Aspekte: wirkliches Managementversagen, Blindheit der Gewerkschaften, Faulheit der Mitarbeiter, ein veraltetes Geschäftsmodell.

  3. Insolvenz beantragen....

    Das ist ja auch die einzig gute Idee. Anschliessend kann man eine Reihe von Verträgen neu verhandeln und die Filetstücke auf neue Beine stellen.

    Wäre mal schön, wenn das ohne Knete vom Steuerzahler passiert.

    Und ja - leider gehen dabei auch eine Menge von Pensionsansprüchen und Arbeitsplätze drauf. Aber ehrlich: so überraschend ist das nicht. Alle - in diesem Fall: die Gewerkschaften - haben still gehalten, als Herr M. sich die Taschen vollgehauen hat. Alle - auch die Belegschaft - haben sich gefreut als die Pensionskassen gefüllt wurden.

    Niemand - weder Gewerkschaft noch Belegschaft - hat sich Gedanken gemacht, dass Themen wie Internetkauf, Ökoplaketten und immer unfreundlicher werdende Innenstädte, Kaufkraftverlust der Bevölkerung verursacht durch Steuerabzocke eine Raffkeregierung usw usf mittelfristig ein Problem verursachen werden.

    Anders: wenn ich mir Karstadt nicht leisten kann, kaufe ich da nicht.

    Wenn ich mangels grüner Plakette nicht in verdreckte, staugefährdete Innenstädte komme, kaufe ich da nicht. Das Thema mit der Parkplatzabzocke lasse ich mal aussen vor.)

    Wenn ich keine Lust habe mich mit überaus bescheuerten, automatengestützten Fahrkartensystemen herzumschlagen, fahre ich nicht in die Innenstadt.

    usw usf.

    Das Ende vom Lied: wo keine Kunden sind gibt es kein Geld. Dem Herr M kann man zumindest eines bescheinigen: er war so clever den Trend zu erkennen und vorher Kasse zu machen. Hätten Belegschaft und Gewerkschaften ja auch machen können. Oder sie hätten ihr Hirn bei den letzten Bundestagswahlen aktivieren können. Hätten, hätten ... da gibt es viele Möglichkeiten. Hat man aber nicht - also muss man jetzt die Suppe auslöffeln.

  4. 6. Zahlen

    zur wirtschaftlichen Entwicklung auch hier:

    http://kommentare.zeit.de...

  5. Merkel: "Arcandor habe nun die Chance, mit anderen Unternehmen zusammenzugehen". Natürlich! Unter dem Dach der Hypo Real Estate und gemeinsam mit Opel kann der neue "Sonnenschein-Konzern" gegründet werden. Seine Aufgabe: Den Leuten müssen Immobilienkredite angedreht werden. Nach der unvermeidlichen Pleite erhalten die Manager Millionen-Abfindungen aus Steuerzahlergeld. Um das alles zu finanzieren, wird Hartz IV auf 0,00 gesetzt und die Mehrwertsteuer auf miindestens 45% erhöht.

    In der Wirtschaftssprache heisst das "Visionen haben"!

    rheinelbe

  6. Einfach herrlich.

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