Der Schuh als Geheimnis: Auf deutschen Autobahnen kann man so einiges sehen, was da nicht hingehört. Und nicht zuletzt: immer wieder herrenlose Fußbekleidung. Man fragt sich: Wie sind die Schuhe dahin gekommen? Und warum so viele?

Die Theorien sind fantasievoll: Eine weit verbreitete Annahme ist, dass das Schuhwerk aus Unfällen oder von verirrten Fußgängern stammt. Andere vermuten leichtsinnige Beifahrer, die ihre Füße während der Fahrt aus dem Fenster hängen und die Schuhe im Fahrtwind verlieren. Vielleicht zanken sich auch Menschen während der Fahrt und dabei werden Schuhe zum Wurfgeschoss.

Einzelne Treter, abgetragene Sportschuhe, zerfetzte Sandalen oder Stöckelschuhe – so viele sind es dann aber wohl doch nicht. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel werden nach Angaben des Landesbetriebs Mobilität (LBM) jedes Jahr 20 bis 30 Schuhe von der Autobahn gesammelt. Genaue Statistiken gibt es allerdings nicht. Das Aufsammeln erledigen die Straßenwärter so mit, ohne dabei eine Strichliste zu führen.

Eine Theorie hat Henning Kraus vom LBM trotzdem entwickelt: "Als Hauptursache ist zu vermuten, dass viele Lastwagenfahrer beim Halt auf einem Parkplatz an ihrem LKW verweilen, dort beispielsweise Reparaturen erledigen oder Essen zubereiten. Da sie im LKW meistens andere Schuhe tragen als für diese Tätigkeiten, stellen sie ihre Schuhe beim Wechseln aufs Trittbrett und vergessen sie beim Losfahren." Der erste Schuh fällt dann nach kurzer Strecke auf die Fahrbahn, der zweite folgt meist ein paar Kilometer weiter.

"Bei Damenschuhen verhält es sich wahrscheinlich ähnlich", mutmaßt Kraus. "Bei längeren Fahrten tragen Damen gerne bequeme Schuhe, beim Gang in die Raststätte wird das Schuhwerk gewechselt und vor Wiederantritt der Fahrt auf dem Auto-Dach zwischengelagert" – und dort vermutlich vergessen. Auf ähnliche Art und Weise gingen Handys, Geldbörsen und Handtaschen verloren, außerdem Autoteile, Kleidungsstücke und Fahrräder. "Und auch immer wieder uringefüllte Getränkeflaschen – wahrscheinlich von LKW-Fahrern in Zeitnot", berichtet Kraus.

Generell gilt: Fast alles, was der Schwerkraft unterliegt, landet auch gelegentlich auf der Autobahn. Oft fallen schlecht gesicherte Lasten auf die Straße, Baumstämme, fabrikneue Fahrzeuge oder Sofamöbel.Bernd Löchter vom Landesbetrieb Straßenbau in Nordrhein-Westfalen erklärt: "Ein Kollege aus der Autobahnmeisterei erzählt mir: 'Geben Sie mir eine Woche und ich stelle Ihnen ein ganzes Wohnzimmer zusammen!'" Die Autobahnmeistereien der Bundesländer müssen die Fundsachen dann aufsammeln.

Und andere sammeln Informationen über sie: Zum Beispiel der Informatiker Robert Heret und sein Kollege Samater Liban. Beide führen auf ihrer Internetseite "ladungsverlust.de" seit 2003 Buch darüber, was alles auf hessischen Autobahnen verloren geht. Inzwischen haben die Programmierer mehr als 50.000 Meldungen aus dem Verkehrsfunk und kuriose Funde aufgelistet – darunter auch ein Lama und ein Känguru. Laut "Ladungsverlust" gehen übrigens donnerstags die meisten Gegenstände verloren, sonntags die wenigsten.