Verfall im Zeitraffer

Im Januar 2000 begann Kalina, damals 19, mit seiner Serie von Selbstporträts. Heute ist er 27 Jahre alt und will sein "Every-Day-Photo"-Serie fortführen bis zum Tag seines Todes. Gerade weil Kalina mit extrem ausdruckslosem Gesichtsausdruck in die Kamera starrt, achtet man umso mehr auf die Rahmenbedingungen. Man sieht: Lange Haare, kurze Haare, Augenringe, keine Augenringe, wechselnde Jugendzimmer-Einrichtungen, ab und zu eine Außenaufnahme, New York, Paris? Schon geht es weiter.  

Nur etwa 20 Tage seines Lebens habe er in den vergangenen neun Jahren ausgelassen, schreibt Kalina auf seiner Homepage, fünf davon wegen eines schweren Autounfalls. "Mich interessieren die Feinheiten des Alterungsprozesses", erklärt der Fotograf sein akribisches Tun. Und tatsächlich ertappt man sich als Zuschauer dabei, wie man in den Porträts nach Einschnitten sucht, nach Brüchen, wie man sie etwa aus den berühmten Politikerporträts "Spuren der Macht" von Herlinde Koelbl kennt.

Doch die Veränderungen sind so gering, dass es unmöglich ist, sie zu fassen. Vielleicht wird Kalina einmal, im hohen Alter, ein Bild aus jedem Monat seines Lebens zusammenmontieren. Oder er wird die Bilder irgendwann abziehen und in einen Pappkarton legen. Vielleicht zeigt er sie dann einem Freund. Oder er stellt sich selbst ab und an die Frage: Wer bist Du eigentlich?
 
Weitere sehenswerte "Every-Day-Photo-Projekte": 


Homers Life: Die Macher der "Simpsons" waren so angetan von Noah Kalinas Darstellung, dass sie sie für ihre Serie adaptierten

Time of my Life: Steven Hoskins ist der Dienstälteste in der Runde: Seit 17 Jahren nimmt er jeden Tag gleich zwei Bilder von sich auf, im Film laufen auf zwei verschiedenen Zählern Datum und Lebensalter parallel zueinander ab

Living My Life Faster: Der New Yorker Künstler Jonathan K. Keller stellt seit elf Jahren seine Selbstporträts und Videos in Netz

Me: Die Filmerin Ahree Lee hat drei Jahre ihres Lebens als Videoclip zusammengefasst - auf sehr ästhetische Weise

5 Jahre in einer Minute: Markus inszeniert sein Entwachsen der Pubertät über 2110 Tage vor wechselndem Hintergrund unter dröhnendem Techno-Gewitter  

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Leser-Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Ströbele,

    dies ist nun wirklich ein ganz alter Hut: Bereits vor Jahrzehnten schon hat Roman Opalka ein ganz ähnliches Projekt verwirklicht: Fotos des eigenen Konterfeis, im Lauf vieler Jahre aufgenommen, ergänzt um Gemälde mit fortlaufenden Zahlenreihen, bei "eins" beginnend, schwarz auf weiß, von Bild zu Bild immer heller werdend, um schließlich beim letzten Bild im monochromen Unendlichen anzugelangen ... Auch ein Videoclip kann hier nur epigonal sein.

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