Immer wieder schrecken Betrugsaffären in der medizinischen Forschung die Öffentlichkeit auf. Nicht nur Daten wurden gefälscht, sondern ganze Studien zur Prüfung neuer Mittel und Methoden frei erfunden. So stellte sich im März heraus, dass der amerikanische Schmerzspezialist Scott Reuben in 13 Jahren 21 Studien erfunden hatte.

Es gibt jedoch Schlimmeres als solche Einzelfälle. Medikamente werden zwar weit besser geprüft als andere Behandlungsmethoden, von der Operation bis zur Psychotherapie oder gar zu alternativen Verfahren. Dennoch wird seit Jahrzehnten in der internationalen Fachwelt beklagt, dass Ergebnisse oft gar nicht veröffentlicht oder geschönt werden. Hersteller von Medikamenten oder anderen medizinischen Produkten und kooperierende Wissenschaftler können solche Studien bewusst oder auch unbewusst von der Planung bis zur Publikation so beeinflussen, dass die Resultate zugunsten der der zu prüfenden Mittel oder Methoden verfälscht werden.

Das Fachblatt British Medical Journal widmete dem heiklen Thema sogar ein ganzes Heft. Darin berichten kanadische Forscher um Joel Lexchin über ihre Prüfung von 30 wichtigen Studien aller Art aus den Jahren 1966 bis 2002. Die von der Pharmaindustrie bezahlten kamen dreimal so oft zu positiven Ergebnissen wie die aus anderen Quellen finanzierten Studien. Daraus schließen die Autoren auf eine systematische interessengeleitete Verzerrung von Forschungsergebnissen (BMJ, Band 326, Seite 1167).

Wie Ray Moynihin von der Universität von Newcastle in einem Schwerpunktheft zum Thema "Interessenkonflikte und Beeinflussung" der Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen (Nr. 3/2009) schreibt, bringt diese Verzerrung die ganze wissenschaftliche Basis des Gesundheitswesens in eine Schieflage und verführt Ärzte, Patienten und Politiker dazu, die neuesten, teuersten Mittel und Methoden unkritisch zu bevorzugen.

Das Problem wird mittlerweile auch in Deutschland breiter diskutiert. Auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag wurde eine Untersuchung vorgestellt, mit der die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft beauftragt worden war. Ihre Analyse zwischen 2002 bis 2008 erschienener Übersichtsarbeiten bestätigte: "Veröffentlichte Arzneimittelstudien erzielen häufig ein für pharmazeutische Unternehmen günstiges Forschungsergebnis, wenn diese Studien vom Herstellerunternehmen finanziert wurden oder sich ein Autor in einem ökonomischen Interessenkonflikt befindet", das heißt, beispielsweise Forschungsmittel, Vortrags- oder Gutachtenhonorare von der Firma erhält.

Kenntnisse selbst von gefährlichen Nebenwirkungen würden erst mit Verzögerung veröffentlicht, heißt es weiter in der Expertise. Die Überschätzung des therapeutischen Nutzens gehe auch in Leitlinien zur Patientenbehandlung ein, so dass "die verzerrte Wahrnehmung der Wirksamkeit und Unbedenklichkeit eines Arzneimittels zu fehlerhaften Empfehlungen führen kann". Der Ärztetag forderte die Bundesregierung auf, die unabhängige Arzneiforschung zu fördern und für mehr Transparenz einzutreten.

Um den Manipulations- und Interpretationsmöglichkeiten vorzubeugen, wird seit Jahrzehnten gefordert, klinische Studien von der ersten Phase an zu registrieren. Dafür ist nach heftigen Kontroversen nun auch in Deutschland der Anfang gemacht. Im Schwerpunktheft Klinische Forschung des Bundesgesundheitsblatts (Band 52, April 2009) schildern zwei Beiträge den Stand: