Einige der Zuschauer vor dem Pariser Eiffelturm hätten gestern Nacht wohl nichts gegen ein wenig Klimaerwärmung gehabt. Frierend sahen sie auf Großleinwänden Home, das umweltkämpferische Gesamtkunstwerk des französischen Fotografen und Regisseurs Yann Arthus-Bertrand, das Freitagnacht beinahe zeitgleich im Internet, in den Kinos und in Public Viewings weltweit gezeigt wurde und auch noch als DVD in den Handel kam.

Für 22 Uhr angesetzt, startete der Film mit rund 15 Minuten Verspätung, weil man noch warten musste, bis Monsieur le Soleil untergegangen war, wie Arthus-Bertrand es formulierte. Manchmal hat man eben Sonnenenergie, auch wenn man sie gar nicht will. So blieb dem Regisseur noch Zeit, seinen Lieblingsslogan aus dem Film zu wiederholen: "Es ist zu spät, Pessimist zu sein." Und die Abertausende von Zuschauern, die das riesige Marsfeld vor dem Eiffelturm dicht bevölkerten, zu bitten, "nichts liegen zu lassen". Ein frommer Wunsch.

Was wird die flächendeckende Beglückung mit Arthus-Bertrands bewegenden Luftaufnahmen von einer Welt im Wandel tatsächlich bewirken? Zu viele Kleinigkeiten lassen den Pessimisten nicht ganz zur Ruhe kommen, gerade in Frankreich. Geradezu als Symbol dafür ragte gestern hinter der Leinwand der – wie immer hell beleuchtete – Eiffelturm auf. Vielleicht lag es am gleichzeitig stattfindenden Besuch von Michelle Obama, der Gattin des US-Präsidenten, und ihren Töchtern, dass das riesige Stahlgebilde seine Lichter anließ, obwohl gestern internationaler Tag der Umwelt war. Üblicherweise macht der Eiffelturm gern bei Umweltschutz- oder Energiesparaktionen mit.

Eine weitere "Kleinigkeit" ist die Rolle des Konzerns, der den Film erst ermöglicht hat. PPR ist ein Konglomerat von unzähligen Luxusmarken, von Stella McCartney und Gucci über Puma und Yves Saint-Laurent bis zur Unterhaltungsartikelkette Fnac. Der Vorspann des Films ist ein einziger Werbespot für diese Marken, die sich zum Titel Home zusammenfinden. Und auch am Ende wird noch einmal den über 80.000 Angestellten der PPR-Gruppe gedankt. Angesichts der weltweiten Verbreitung des Films darf man sich fragen, ob die zehn Millionen Euro, die der Geschäftsführer François-Henri Pinault dafür locker gemacht hat, nicht hervorragend investiertes Werbegeld sind.

In Frankreich stellt man sich diese Frage allerdings nur sehr verhalten. Selten genug tauchten in den Medien Überlegungen auf, ob sich PPR mit seiner Beteiligung nicht nur eine weiße Weste erwaschen will. Doch in den Tagen vor der großen, weltweiten Ausstrahlung war von solcher Kritik nichts mehr zu lesen. Weil PPR ein geschätzter Anzeigenkunde ist?

"Darüber haben wir gerade diskutiert", sagt Pierre-Olivier, einer der Zuschauer, die gestern Abend vor dem Eiffelturm gefroren haben. "Mich stört es, dass PPR dahinter steht. Das ist ja doch wieder nur Werbung für den Konsum." Gemeinsam mit einigen Freunden hat er den Abend damit verbracht, sich den Film anzusehen, anstatt mitgebrachte Weinflaschen und Bierdosen zu leeren, wie viele andere. "Ich finde es mutig, dass sie diesen Film finanziert haben", sagt seine Freundin Iliana. "Aber mir fehlte ein bisschen die Argumentation hinter den ganzen schönen Bildern. Es gab zu wenige Erklärungen. Es wurde ja auch nicht gesagt, was man nun alles an seinem Verhalten ändern soll."

Obwohl es durchaus bereits ein Umweltbewusstsein gebe unter den Franzosen. "Na ja, im Verhältnis zu den Deutschen hinken wir noch nach, sagt Iliana, "aber man sieht auch bei uns immer öfter am Ende von E-Mails den Hinweis, dass man sich überlegen sollte, ob man diese Mail wirklich ausdrucken muss." Und Mülltrennung sei bei all ihren Freunden selbstverständlich. "Wir werden vor allem sehen, was dieser Film am Sonntag bei den Europawahlen bewirkt"