Obama in Buchenwald Gedenken ohne Pomp und Pathos

Der US-Präsident ehrt die Toten und erinnert an die Verantwortung, die uns aus dem Holocaust erwächst. Doch die Welt hat nichts gelernt, sagt Überlebender Elie Wiesel

Wie erinnert man sich dessen, was man lieber vergessen würde? Die große Frage nach dem richtigen Gedenken hat sich in Buchenwald von Anfang an gestellt. Am 11. April 1945 flieht die SS vor der anrückenden US-Armee, und die politischen Häftlinge des Konzentrationslagers übernehmen die Kontrolle auf dem Ettersberg. Es ist eine doppelte Befreiung, aus der heraus schon wenige Tage später ein erstes Mahnmal entstehen wird. Am 19. April versammeln sich die Häftlinge um einen hölzernen Obelisken mit aufgesetzter Flammenschale, um ihre Toten zu ehren. Nach Nationen gegliedert, in Blöcken formiert, begleitet von ihren Nationalhymnen stehen sie nun als freie Menschen auf dem Appellplatz des KZ. Die Mitglieder des Lagerwiderstandes, der von Kommunisten angeführt wurde, sprechen am Ende der Feier einen Schwur: "Die endgültige Zerschmetterung des Nazismus ist unsere Losung. Der Aufbau einer Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ideal."

So pathetisch würde man es heute nicht mehr formulieren. Die antifaschistischen Pathosformeln und die großen Gedenkgesten sind nach dem Ende des Staatssozialismus diskreditiert. So stellen sich mit dem Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, der in Begleitung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des Schriftstellers Elie Wiesel in Thüringen einfliegt, die alten Fragen wieder neu: Wie gedenkt man als Überlebender der Toten? Wie spricht man als Deutscher über die im Namen Deutschlands Ermordeten? Was sagt man als Befreier eines Konzentrationslagers zu den Befreiten?

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Ein "stiller Besuch" ist angekündigt. Dafür wurde der Ettersberg, wo sich die bedeutendste KZ-Gedenkstätte des Landes befindet, abgeriegelt. Ein Augenblick Stille, bevor der Hubschrauber landet. Weiter Kameraschwenk über den leeren Appellplatz, wo flache Steine die Grundmauern der Häftlingsbaracken markieren. Eine quadratische Bodenplatte im Kies: Das ist der Platz, wo einst der Obelisk stand. Sie wurde 1995 zum 60. Jahrestag der Befreiung in den Boden eingelassen, um das Gedenken an den Platz des Leidens zurückzuholen.

Jahrzehntelang hatten die Gedenkfeiern in dem gigantischen Mahnmal stattgefunden, das die DDR etwa zwanzig Wegminuten vom Lager entfernt errichtete. Steinernes Erinnern in der Tradition der deutschen Nationaldenkmäler des 19. Jahrhunderts: große Bögen, schwere Stelen, endlose Treppen, hohe Pylone, antikische Rundmauern, Flammenschalen. Über allem thronend ein Glockenturm und zu dessen Füßen die Plastik Fritz Cremers, darstellend die auferstandenen Opfer. Eine Stunde braucht man, um dieses weitläufige Areal abzuschreiten. Obama und Merkel werden es nicht besichtigen. Denn sie haben sich gegen das Pompöse, für den authentischen Ort entschieden.

Das Lagergelände liegt an diesem Freitagnachmittag beinahe verlassen. Außer dem Gedenkstättenleiter warten nur einige ausgewählte Studenten, wenige zugelassene Journalisten, im Hintergrund viel Polizei. Man hört jetzt den Hubschrauber des Präsidenten. Die Studenten stehen am Lagertor neben der berühmt-berüchtigten Inschrift "Jedem das Seine". Der Wind bauscht die Mäntel der Wartenden. Nervöses Getuschel. Dann plötzliches Verstummen. Der Präsident, noch außer Sichtweite, ist aus einer schwarzen Limousine gestiegen.

Jetzt kommt Obama mit dem weißhaarigen Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel und der schwarz gekleideten Kanzlerin den Weg von den ehemaligen SS-Kasernen herab, an der Kommandantur vorbei, den Karrachoweg entlang. Der alte Herr zur Linken des Präsidenten ist ein ehemaliger französischer Häftling, Bertrand Herz, der Vorsitzende des Buchenwaldkomitees. Es ist eine merkwürdige Vierergruppe, die sich da nähert, eigentlich geleiten die Häftlinge die Politiker mehr als dass sie sie begleiten. Wie nervös Obama und Merkel sind, merkt man an ihrer etwas zu lockeren, etwas zu heiteren Art des Auftretens: Der Präsident schüttelt umstandslos die Hände der Stundenten. Die Kanzlerin wechselt rasch ein paar Worte. Dann stellen sie sich alle zum Gruppenfoto vorm Arrestzellenbau auf. Sie lächeln in die Kameras. Doch der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel lächelt eher nicht. Und Bertrand Herz scheint plötzlich verschwunden.

Wie mögen die Überlebenden sich in dieser etwas unfeierlichen Atmosphäre fühlen? Man sieht an diesem kühlen Sommertag auf dem Ettersberg zunächst: Es ist gar nicht so leicht, ohne Pathosformeln und ohne antifaschistische Gedenkrituale auszukommen, die zwar staatslegitimatorisch gemeint waren, aber doch eine Art Halt gaben – auch beim schwierigen Umgang mit den Überlebenden. Elie Wiesel hat einmal im Gespräch mit Jorge Semprun gesagt, dass er nicht als letzter Überlebender übrig bleiben wolle, allein vor den Kameras stehen, allein mit seiner Erfahrung. Aber dass das unverstellte Interesse der Jungen ihm immer ein Trost gewesen sei. Auch deshalb ist es gut, dass die Studenten an diesem Nachmittag da sind.

Leser-Kommentare
  1. ... für diesen hervorragenden Artikel. Mit viel Gefühl für die entscheidenden Details wurde gezeigt, was wirklich wichtig ist.

  2. ...über eine Pflichtübung von Politclowns:

    "Wie nervös Obama und Merkel sind, merkt man an ihrer etwas zu lockeren, etwas zu heiteren Art des Auftretens: Der Präsident schüttelt umstandslos die Hände der Stundenten. Die Kanzlerin wechselt rasch ein paar Worte. Dann stellen sie sich alle zum Gruppenfoto vorm Arrestzellenbau auf. Sie lächeln in die Kameras. Doch der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel lächelt eher nicht. Und Bertrand Herz scheint plötzlich verschwunden."

    Armes Deutschland, armes Amerika!

  3. Verflucht, verflucht sind die Urheber und Mörder die in den KZ der Nazis die Menschen, nicht nur Juden, fabrikmäßig hingemordet haben, Menschenunwürdig, Menschenunwürdig der Hölle gleich, wenn es denn sie gibt!

    Ist es aber nötig sich immer und immer wieder damit zu geißeln, wie die Mönche im frühen Mittelalter die meinten so Jesus nachzueifern?

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    Immer wieder zu begeißeln? Ich kenne keinen, der das tut. Erinnern - ja, und noch viel zu wenig!

    ...wäre die Verhinderung zur Zeit stattfindender Greueltaten.

    Leider tun sich die Nachkommen der Opfer ein wenig schwer die oft bei anderen angemahnte Gnade und Menschlichkeit im eigenen Umfeld anzuwenden, geschweige denn an anderen Brennpunkten aktiv einzugreifen.

    Immer wieder zu begeißeln? Ich kenne keinen, der das tut. Erinnern - ja, und noch viel zu wenig!

    ...wäre die Verhinderung zur Zeit stattfindender Greueltaten.

    Leider tun sich die Nachkommen der Opfer ein wenig schwer die oft bei anderen angemahnte Gnade und Menschlichkeit im eigenen Umfeld anzuwenden, geschweige denn an anderen Brennpunkten aktiv einzugreifen.

  4. Immer wieder zu begeißeln? Ich kenne keinen, der das tut. Erinnern - ja, und noch viel zu wenig!

    Antwort auf "hingemordet"
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    • Anonym
    • 06.06.2009 um 10:22 Uhr

    Gedenktafeln an den Rändern der jüdischen Siedlungen aufstellen. Und an der Grenze zum Gaza. So, dass alle Israelis sehen, wie man _nicht_ mit Menschen umgeht. Denn da scheinen sich ja auch massive Erinnerungslücken aufzutun...

    Ach ja, ich mache persönlich keinen Unterschied, ob man Menschen vergast oder sie von ihrem Land vertreibt und in bewaffneten Auseinandersetzungen tötet, wenn sie es wagen, dort bleiben zu wollen. Am Ende sind alle tot. Unterschiede macht hier nur der gut geschulte Demagoge.
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)

    • Anonym
    • 06.06.2009 um 10:22 Uhr

    Gedenktafeln an den Rändern der jüdischen Siedlungen aufstellen. Und an der Grenze zum Gaza. So, dass alle Israelis sehen, wie man _nicht_ mit Menschen umgeht. Denn da scheinen sich ja auch massive Erinnerungslücken aufzutun...

    Ach ja, ich mache persönlich keinen Unterschied, ob man Menschen vergast oder sie von ihrem Land vertreibt und in bewaffneten Auseinandersetzungen tötet, wenn sie es wagen, dort bleiben zu wollen. Am Ende sind alle tot. Unterschiede macht hier nur der gut geschulte Demagoge.
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)

    • Anonym
    • 06.06.2009 um 10:10 Uhr

    keinen Zionismus, keinen Angriff auf UN-Einrichtungen im Gaza...

    Ja, die Welt wäre schön, wenn sie ihre Lektion gelernt hätte. Welche Lektion eigentlich?

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    Kein Zionismus??? Das hat in dieser Aufzählung nichts zu suchen!

    Welche Lektion eigentlich?

    Z.B. antisemitsche Vernichtungsphantasien ernst zu nehmen und sich dagegen zu wehren.

    Kein Zionismus??? Das hat in dieser Aufzählung nichts zu suchen!

    Welche Lektion eigentlich?

    Z.B. antisemitsche Vernichtungsphantasien ernst zu nehmen und sich dagegen zu wehren.

    • Anonym
    • 06.06.2009 um 10:22 Uhr

    Gedenktafeln an den Rändern der jüdischen Siedlungen aufstellen. Und an der Grenze zum Gaza. So, dass alle Israelis sehen, wie man _nicht_ mit Menschen umgeht. Denn da scheinen sich ja auch massive Erinnerungslücken aufzutun...

    Ach ja, ich mache persönlich keinen Unterschied, ob man Menschen vergast oder sie von ihrem Land vertreibt und in bewaffneten Auseinandersetzungen tötet, wenn sie es wagen, dort bleiben zu wollen. Am Ende sind alle tot. Unterschiede macht hier nur der gut geschulte Demagoge.
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)

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    (entfernt. Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)

    (entfernt. Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)

  5. ...wäre die Verhinderung zur Zeit stattfindender Greueltaten.

    Leider tun sich die Nachkommen der Opfer ein wenig schwer die oft bei anderen angemahnte Gnade und Menschlichkeit im eigenen Umfeld anzuwenden, geschweige denn an anderen Brennpunkten aktiv einzugreifen.

    Antwort auf "hingemordet"
  6. (entfernt. Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)

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    Hier sind eine Reihe von Kommentaren gepostet, die eine Äquivalenz zwischen dem Holocaust und dem Israelisch/Palästinensischen Konflikt herbeireden: ich halte einen solchen Vergleich für unanständig, eine Verhöhnung der Opfer der Nazis. Es besteht zwischen Buchenwald und der israelischen Politik (an der sicher manches kritisierenswert ist) kein Vergleich. Es ist beschämend, hier zu lesen, wie die Leiden der Juden unter den Nazis dazu benutzt werden, den Staat Israel zu delegitimieren. DIESE Melodie kennt man schon...

    ...halt weit entfernt wo Kinder von Soldaten erschossen werden. Durch das Entfernen angemessener Kommentare, die zufällig nicht auf Ihrer Linie liegen werden Sie nicht glaubwürdiger. Einfach stehen lassen, und, bei Bedarf, angemessen kommentieren.

    Hier sind eine Reihe von Kommentaren gepostet, die eine Äquivalenz zwischen dem Holocaust und dem Israelisch/Palästinensischen Konflikt herbeireden: ich halte einen solchen Vergleich für unanständig, eine Verhöhnung der Opfer der Nazis. Es besteht zwischen Buchenwald und der israelischen Politik (an der sicher manches kritisierenswert ist) kein Vergleich. Es ist beschämend, hier zu lesen, wie die Leiden der Juden unter den Nazis dazu benutzt werden, den Staat Israel zu delegitimieren. DIESE Melodie kennt man schon...

    ...halt weit entfernt wo Kinder von Soldaten erschossen werden. Durch das Entfernen angemessener Kommentare, die zufällig nicht auf Ihrer Linie liegen werden Sie nicht glaubwürdiger. Einfach stehen lassen, und, bei Bedarf, angemessen kommentieren.

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